Mer­kel al­lein in der Welt­po­li­tik

In­ter­na­tio­nal ver­liert die Kanz­le­rin ei­nen Ver­trau­ten nach dem an­de­ren. Die G7 als west­li­che Wert­ge­mein­schaft dro­hen zu zer­fal­len.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON EVA QUAD­BECK

BER­LIN Der Sy­ri­en-Krieg, die Ukrai­ne-Kri­se, die la­bi­le La­ge in der Tür­kei, die Flücht­lings­be­we­gun­gen, die sto­cken­den Ver­hand­lun­gen zu den Frei­han­dels­ab­kom­men – die Lis­te der in­ter­na­tio­na­len Kri­sen wird im­mer län­ger. Die Lis­te von An­ge­la Mer­kels Ver­bün­de­ten auf in­ter­na­tio­na­lem Par­kett da­ge­gen schrumpft. Bin­nen ei­nes Jah­res, vom Früh­ling 2016 bis zum Früh­ling 2017, ver­liert sie mit US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma, dem be­reits aus­ge­schie­de­nen bri­ti­schen Pre­mier Da­vid Ca­me­ron, dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten François Hol­lan­de und dem zu­rück­ge­tre­te­nen ita­lie­ni­schen Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi ih­re vier wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten.

Wenn sich im Mai die Staa­ten­len­ker der G7-Grup­pe auf Si­zi­li­en tref­fen, dann wer­den sie nicht mehr die ein­ge­schwo­re­ne Ge­mein­schaft der In­dus­trie­staa­ten-Füh­rer sein, die den Ka­non der west­li­chen Wer­te tei­len. Ne­ben der deut­schen Kanz­le­rin ste­hen zu­nächst nur der kon­ser­va­ti­ve ja­pa­ni­sche Pre­mier Shin­zo Abe und der links­li­be­ra­le Ka­na­di­er Jus­tin Tru­deau für Kon­ti­nui­tät der G7.

Als schwie­rigs­ter Neu­zu­gang ist der neue US-Prä­si­dent Do­nald Trump zu er­war­ten. Nach sei­ner An­kün­di­gung, als Prä­si­dent dem Grund­satz „Ame­ri­ca first“zu fol­gen, gilt es noch nicht ein­mal als si­cher, dass die USA das For­mat der G7 in sei­ner jet­zi­gen Form über­haupt wei­ter pfle­gen wol­len.

Für Mer­kel – mit elf Amts­jah­ren oh­ne­hin die Dienst­äl­tes­te im Kreis der G7 – ist es nichts Neu­es, dass es An­lauf­schwie­rig­kei­ten gibt, wenn bei ei­nem Ver­bün­de­ten die Re­gie­rung wech­selt. Das Ver­hält­nis zwi­schen ihr und Oba­ma war an­fangs äu­ßerst dis­tan­ziert. Auch mit dem So­zia­lis­ten Hol­lan­de, der heu­te noch ein­mal in Ber­lin zu Be­such sein wird, frem­del­te Mer­kel an­fangs. Die Ukrai­ne-Kri­se und die Ter­ror­an­schlä­ge von Pa­ris be­leb­ten die deutsch-fran­zö­si­sche Ach­se al­ler­dings wie­der.

Die Fra­ge, wie sich die deut­scha­me­ri­ka­ni­schen Be­zie­hun­gen und der Zu­sam­men­halt in der west­li­chen Wer­te­ge­mein­schaft gestal­ten wer­den, hat mit Trump aber ei­ne neue Di­men­si­on er­reicht. Ob er be­reit ist, die schwie­ri­ge Rol­le des viel kri­ti­sier­ten Füh­rers in der Welt für sein Ame­ri­ka zu über­neh­men, ist frag­lich. Eben­so of­fen ist, ob er das, was die G7 bis­lang un­ter ih­ren Wer­ten ver­stan­den – Frie­den, Frei­heit, De­mo­kra­tie, Hu­ma­ni­tät und Wohl­stand für mög­lichst vie­le Men­schen auf der Welt –, über­haupt teilt.

Für Mer­kel birgt Trump al­so gleich zwei Ri­si­ken: Ver­or­tet er sich über­haupt in der west­li­chen Wer­te­ge­mein­schaft? Und ste­hen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten des Do­nald Trump noch als Schutz­macht des Wes­tens zur Ver­fü­gung? Je mehr sich die USA aus die­ser Rol­le zu­rück­zie­hen, des­to mehr Ver­ant­wor­tung kommt auf den Rest der G7-Staa­ten und Eu­ro­pa zu. Es ist kein Zu­fall, dass Mer­kel in aus­län­di­schen Me­di­en schon als letz­ter Fels in der Bran­dung für De­mo­kra­tie und Hu­ma­ni­tät be­schrie­ben wird.

Mit Kon­ti­nui­tät kann die Kanz­le­rin am ehes­ten noch bei den Ita­lie­nern rech­nen. Auch das ist ein be­zeich­nen­der Be­fund, dass aus­ge­rech­net ein kri­sen­ge­schüt­tel­tes Ita­li­en für Sta­bi­li­tät in der in­ter­na­tio­na­len Ge­mein­schaft steht. Groß­bri- tan­ni­en ist der­weil mit dem Br­ex­it und sich selbst be­schäf­tigt.

Ob es künf­tig den deutsch-fran­zö­si­schen Mo­tor in der Eu­ro­päi­schen Uni­on und die Zu­sam­men­ar­beit mit den Nach­barn im Nor­man­die-For­mat für den Frie­dens­pro­zess in der Ukrai­ne noch ge­ben wird, hängt wie­der­um vom Aus­gang der Prä­si­dent­schafts­wahl im April ab. Soll­te die Kan­di­da­tin des rechts­ex­tre­men Front Na­tio­nal, Ma­ri­ne Le Pen, das Ren­nen ma­chen, dürf­ten die G7 über­den­ken müs­sen, ob sie sich zur G6 schrump­fen. So we­nig passt die rechts­na­tio­na­le Fran­zö­sin in die Wer­te­ge­mein­schaft. Doch auch Fa­vo­rit François Fil­lon wä­re für Mer­kel kein ein­fa­cher Part­ner. Der ul­tra­li­be­ra­le Re­for­mer steht im Ge­gen­satz zur Kanz­le­rin für ei­nen eu­ro­skep­ti­schen und russ­land­freund­li­chen Kurs. Bei ihm ist auch ei­ne Al­li­anz mit Trump denk­bar.

Für Mer­kel kommt er­schwe­rend hin­zu, dass sie zeit­gleich in der deut­schen Au­ßen­po­li­tik zwei her­be Ver­lus­te hin­neh­men muss: Mit dem Um­zug von Frank-Wal­ter St­ein­mei­er ins Schloss Bel­le­vue wird die SPD das Au­ßen­mi­nis­te­ri­um neu be­set­zen. Mit St­ein­mei­er ar­bei­te­te Mer­kel eng und ver­traut zu­sam­men. Mit dem Neu­en muss sie erst ei­ne neue Ba­sis schaf­fen. Auch ihr au­ßen­po­li­ti­scher Be­ra­ter Chris­toph Heus­gen kommt ihr ab­han­den. Seit Be­ginn ih­rer Amts­zeit spinnt er sein Kon­takt­netz rund um den Glo­bus. 2017 wird er nun Bot­schaf­ter in New York. Im­mer­hin hat er dort für die deut­sche Re­gie­rung den Trum­pTo­wer im Blick.

FO­TO: AFP

Im Ju­ni 2015 noch ge­mein­sam auf dem G7-Gip­fel in El­mau, jetzt (oder dem­nächst) nicht mehr an der Sei­te der Kanz­le­rin (v.l.): US-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma, Frank­reichs Prä­si­dent François Hol­lan­de, der bri­ti­sche Ex-Pre­mier­mi­nis­ter Da­vid Ca­me­ron und der jüngst zu­rück­ge­tre­te­ne Re­gie­rungs­chef Ita­li­ens, Mat­teo Ren­zi.

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