Er­do­gan lässt Kur­den ver­haf­ten

Prin­zip Ge­ne­ral­ver­dacht: Die Tür­kei geht ge­gen die Op­po­si­ti­ons­par­tei HDP vor.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON SUSANNE GÜSTEN

AN­KA­RA Nach dem Tod von 44 Men­schen bei dem Dop­pel­an­schlag in Istan­bul am Wo­che­n­en­de ge­hen die tür­ki­schen Be­hör­den ge­gen Kur­den­po­li­ti­ker und an­de­re Re­gie­rungs­geg­ner vor. Das Mus­ter gleicht dem der Fest­nah­me­wel­len nach dem Putsch­ver­such vom Ju­li: Ein blu­ti­ges Er­eig­nis wird zum An­lass ge­nom­men, den Druck auf Kri­ti­ker von Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan zu er­hö­hen.

Die le­ga­le Kur­den­par­tei HDP teil­te mit, 237 ih­rer Mit­glie­der sei­en nach der Blut­tat von Istan­bul in Po­li­zei­ge­wahr­sam ge­nom­men wor­den. Seit dem Putsch sind da­mit rund 7400 An­hän­ger der dritt­stärks­ten Par­tei im Par­la­ment von An­ka­ra hin­ter Git­ter ge­wan­dert; mehr als 2000 von ih­nen sit­zen in Un­ter­su­chungs­haft, dar­un­ter die Ko-Vor­sit­zen­den Se­lahat­tin De­mir­tas und Fi­gen Yük­sek­dag. Eta­blier­te Nach­rich­ten­sen­der wie CNN Türk ver­mei­den In­ter­views mit HDP-Po­li­ti­kern, weil sie sich nicht dem Ver­dacht aus­set­zen wol­len, die Kur­den po­li­tisch zu un­ter­stüt­zen.

Nach dem Putsch­ver­such traf es die Be­we­gung des Pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len; jetzt trifft es die Kur­den. Der Dop­pel­an­schlag von Istan­bul geht auf das Kon­to ei­ner ra­di­ka­len Split­ter­grup­pe der kur­di­schen PKKRe­bel­len – das reicht den Be­hör­den, um zu ei­nem neu­en Schlag ge­gen die HDP aus­zu­ho­len.

Die Re­gie­rung heizt zu­dem ei­ne na­tio­na­lis­ti­sche Stim­mung an, die Ver­gel­tung für das jüngs­te Blut­ver­gie­ßen for­dert und den Hel­den­tod fürs Va­ter­land zum Ide­al er­klärt. „Wir al­le sind po­ten­zi­el­le Mär­ty­rer“, sag­te Um­welt­mi­nis­ter Meh­met Öz­ha­se­ki ges­tern. Als „Mär­ty­rer“wer­den in der Tür­kei ge­fal­le­ne Sol­da­ten und im Di­enst ge­tö­te­te Po­li­zis­ten be­zeich­net.

Zugleich wächst die Wut auf den Wes­ten und sei­ne Ver­tre­ter: Na­tio­na­lis­ten be­schimp­fen west­li­che Staa­ten als „Mör­der“, weil sie an­geb­lich die PKK ge­wäh­ren las­sen. Das Kon­su­lat der USA in Istan­bul warn­te ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger in der Stadt, sie soll­ten sich von Trau­er­kund­ge­bun­gen nach dem Dop­pel­an­schlag fern­hal­ten, weil die­se „kon­fron­ta­tiv“wer­den könn­ten. Die re­gie­rungs­treue tür­ki­sche Pres­se at­ta­ckiert die west­li­chen Me­di­en, weil die­se an­geb­lich den Ter­ror der PKK be­schö­ni­gen.

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