Mit dem Herz durch die Wand

Aus dem Nach­lass von Rio Rei­ser wur­den 363 Lie­der ge­bor­gen. Es ist die „Black­box“ei­ner deut­schen Dich­ter-Bio­gra­fie.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON PHIL­IPP HOL­STEIN

DÜS­SEL­DORF Er war 14 oder 15, als er merk­te, dass er kein Zu­hau­se hat­te. Sein Va­ter ar­bei­te­te als In­ge­nieur bei Sie­mens und muss­te stän­dig um­zie­hen – Ber­lin, Nürn­berg, Stutt­gart, Brühl. Und nun saß der Jun­ge al­so im hes­si­schen Rod­gau, las viel und hör­te Beat­les, Dy­lan und die Beach Boys. Er moch­te Jungs lie­ber als Mäd­chen, er fühl­te sich ein­sam, und um sei­nen Zu­stand zu be­schrei­ben, än­der­te er sei­nen Na­men: Aus Ralph Mö­bi­us wur­de Rio Rei­ser, und das ist na­tür­lich ein An­klang an den Ro­man „An­ton Rei­ser“von Karl Phil­ipp Mo­ritz, das trau­rigs­te Buch über­haupt. Lie­der kom­po­nier­te er auch, das tat ihm gut, erst auf Eng­lisch, dann auf Deutsch. Und gleich das ers­te Stück, das er 1965 in sei­ner Mut­ter­spra­che schrieb, ist ziem­lich schön: „An ei­nem grau­en Di­ens­tag sah ich dein Ge­sicht / Und plötz­lich schien die Son­ne und ich ver­lieb­te mich / Doch du warst oben, ich war down / Du warst Queen und ich war Clown / Und die Uhr blieb plötz­lich ste­hen / Ich hab dich nie mehr ge­se­hen.“

Rio Rei­ser ist 1996 ge­stor­ben, und dass er ein gro­ßer Song­wri­ter war, wuss­te man schon da­mals, man muss nur Ti­tel wie „Ju­ni­mond“, „Wenn die Nacht am tiefs­ten“oder „Halt dich an dei­ner Lie­be fest“nen­nen. Nun er­scheint „Black­box“, ein mäch­ti­ges Pa­ket mit 16 St­un­den bis­lang zu­meist un­be­kann­tem Ma­te­ri­al, das aus dem Nach­lass ge­bor­gen wur­de. Oh­ne zu über­trei­ben kann man sa­gen, dass sich dar­in ei­ni­ge der wun­der­bars­ten Lie­der der deut­schen Rock­ge­schich­te fin­den. Man möch­te stän­dig zi­tie­ren: „Die Bäu­me wie­gen sich im Früh­lings­wind / Und Blu­men tan­zen Rei­gen, wo noch Blu­men sind / Wo wer­de ich schla­fen, wenn der Som­mer geht / Wenn Schnee und Re­gen fal­len und der kal­te Wind weht / Ir­gend­wie treibt ein Lie­bes­lied im Meer / Und ich hö­re ei­ne Stim­me mich ru­fen / Und ich weiß nicht wer.“

Die 16 CDs, de­nen ein 230 Sei­ten star­kes Buch mit al­len Tex­ten bei­ge- ge­ben ist, funk­tio­nie­ren tat­säch­lich als Flug­schrei­ber, als Log­buch ei­ner deut­schen Bio­gra­fie, und sie er­zäh­len von ei­nem, der zum Dich­ter wur­de. Rei­ser mach­te ei­ne Leh­re im Fo­to­la­bor in Of­fen­bach, dann ging er nach West-Ber­lin. Er kom­po­nier- te Lie­der für Agit­prop-Thea­ter wie das Kol­lek­tiv Ro­te Rü­be. 1970 grün­de­te er die Band Ton St­ei­ne Scher­ben, mit der er die Klas­si­ker „Macht ka­putt, was euch ka­putt macht“und „Kei­ne Macht für nie­mand“schrieb. Weil es in der links­ra­di­ka­len Sze­ne als Af­front galt, Geld für Auf­trit­te zu neh­men, hat­te die Grup­pe ho­he Schul­den und floh 1975 aus Ber­lin, um nicht län­ger als „Ju­ke­box der Lin­ken“die­nen zu müs­sen. Sie er­öff­ne­te die „Scher­ben-Kom­mu­ne“im nord­frie­si­schen Fre­sen­ha­gen. Die­ser Ort liegt zwar nicht am En­de der Welt, aber das kann man von dort aus ziem­lich gut se­hen.

Rio Rei­ser pro­du­zier­te pau­sen­los, manch­mal brauch­te er nur 20 Mi­nu­ten für ein Lied. Am bes­ten war er, wenn er ent­we­der selbst­mit­lei­dig war oder ganz arg­los ver­liebt in die Zu­kunft und ins ge­mein­sa­me Da­ge­gen­sein. Das klang dann so: „Wen willst du küs­sen, mit wem willst du schla­fen? / Was willst du wis­sen, was willst du ma­chen? / Denkst du nicht auch manch­mal / Dass dir was fehlt und du weißt nicht was? / Wie kommst du klar mit die­ser Welt / Die so kalt ist wie Stahl und Glas? / Lass uns zu­sam­men ge­hen / Lass uns nach mor­gen se­hen / Wir sind die Zu­kunft! Wir sind die Ant­wort!“

Un­ter den nach­ge­reich­ten 363 Songs fin­det sich viel Kram, die zeit­geis­ti­ge Re­vue-Mu­sik er­schließt sich heu­te nicht mehr oh­ne Wei­te­res. Aber vor al­lem die So­lo­num­mern aus den 80er und 90er Jah­ren sind gran­di­os. Man merkt den Stü­cken an, wie zer­ris­sen Rei­ser war. Er fühl­te sich kei­nem Mi­lieu zu­ge­hö­rig, war über­all bloß Gast. Er war me­lan­cho­lisch, und er trank. Er woll­te im­mer mit dem Herz durch die Wand, und er glaub­te an die Lie­be als et­was, das nur zwei be­stimm­te Men­schen se­hen kön­nen, und manch­mal wa­ren die­se bei­den Men­schen du und ich: „Wir wa­ren zwei En­gel in ei­ner Ach­ter­bahn / Wir wuss­ten, dass wir flie­gen kön­nen / Und wir ha­ben’s oft ge­tan.“

Man soll­te sich die Freu­de gön­nen und zu­erst die Tex­te le­sen und sich da­bei fra­gen, wie er die je­wei­li­gen Lie­der wohl ar­ran­giert hat. Da liest man dann ein Ge­dicht, das man gern zu­sam­men­fal­ten und in die Ei­chen­dorff-Ge­samt­aus­ga­be le­gen wür­de: „Oh, der Mor­gen ist blond, die Ster­ne ver­blü­hen / Die Blät­ter fal­len und die Vö­gel zie­hen /

Er pro­du­zier­te pau­sen­los. Manch­mal brauch­te er nur 20 Mi­nu­ten für ein Lied

In den Sü­den, wo­hin der Som­mer geht /Wo­hin das gan­ze Jahr bald der Wind ver­weht / Ich weiß nicht war­um, doch mein Herz schlägt so schnell / Und nichts ist, wie’s im­mer schon war / Mach die Tü­ren auf, reiß die Fens­ter auf / Ir­gend­was ist wie­der da.“Das ar­ran­giert er nicht im ho­hen Ton mit Strei­cher­se­lig­keit, son­dern als Pop-Hit, als klin­gen­den Früh­jahrs­putz. Als Lied, das ei­nen am ro­ten Fa­den in den Tag führt.

Nun darf man al­ler­dings Leich­tig­keit nicht mit Sorg­lo­sig­keit ver­wech­seln. Der Rei­ser, der ei­nem aus den letz­ten Tex­ten ent­ge­gen­schaut, ist je­mand, der sucht, bis nur mehr das Su­chen üb­rig ist. Bald wer­den die Lie­der kum­mer­gie­rig und re­si­gna­tiv, und ihr Sän­ger scheint in sei­ner See­le das feuch­te, wun­de Ge­fühl ei­nes Kran­ken zu spü­ren, der sich un­ge­schützt im Frei­en auf­hält. Er hät­te so gern Er­folg ge­habt, aber nach dem „Kö­nig von Deutsch­land“(1986) kam kaum noch Ge­winn­brin­gen­des. Der Mann, der so nach­hal­tig ver­än­dert hat, wie man auf Deutsch singt, wur­de zu we­nig ge­wür­digt. Sein letz­ter Text geht so: „Mir feh­len die Wor­te / Zu lang über­legt / Ich zieh ein­fach wei­ter / Ich bin un­ter­wegs / Ich such die Be­we­gung / Und Ru­he / Und Ru­he.“

Am 20. Au­gust 1996 starb Rei­ser an Kreis­lauf- und Herz­ver­sa­gen. Vi­el­leicht könn­te er noch le­ben. Aber er hat­te sich so weit von der Welt ent­fernt, dass der Ret­tungs­wa­gen zu spät kam.

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