Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

So ei­ne Wie­der­er­wä­gung, Ser­ge, wie geht das vor sich?“Der Kul­tur­be­am­te führ­te das Glas zum Mund, nahm ei­nen Schluck, be­hielt ihn ge­nüss­lich ei­ne gan­ze Wei­le dar­in und sag­te dann: „Bei ei­ner der re­gel­mä­ßi­gen Kom­mis­si­ons­sit­zun­gen bringt ei­ner das The­ma auf, er­klärt, wes­halb er ei­ne Wie­der­er­wä­gung an­ge­bracht fin­det, und dann wird ent­schie­den.“„Ab­ge­stimmt?“Ser­ge wieg­te den Kopf. „Dis­ku­tiert und ent­schie­den.“

„Und der, der den An­trag ein­bringt, tut das aus ei­ge­nen Stü­cken?“

„Ent­we­der aus ei­ge­nen Stü­cken oder weil ihn je­mand da­von über­zeugt hat.“

„Wie war es im Fall von Mon­te­cris­to?“

Cress wech­sel­te ei­nen Blick mit Rebstyn. „So­wohl als auch.“

„Kann ich da­von aus­ge­hen, dass ich bei­de Initi­an­ten ken­ne, mit bei­den per du bin und mit bei­den im Sil­ber­nen Frosch her­vor­ra­gend es­se und trin­ke?“

Ser­ge Cress lä­chel­te. „Die Ent­schei­dungs­pro­zes­se von Mo­vie­fonds wer­den nicht kom­mu­ni­ziert.“

„Wie beim Bun­des­rat“, warf Jeff Rebstyn da­zwi­schen.

„Nur ge­hei­mer“, er­gänz­te der Be­am­te.

Jonas schob mit dem Mes­ser et­was Sau­ce auf ei­ne Ga­bel Risot­to, kau­te sorg­fäl­tig und nahm ei­nen Schluck Wein, be­vor er die al­les ent­schei­den­de Fra­ge stell­te:

„Wie lan­ge dau­ert es von der Ent­schei­dung bis zur In­for­ma­ti­on der glück­li­chen Be­güns­tig­ten?“

„Zwei, drei, vier Wo­chen, manch­mal auch län­ger. Je nach Bü­ro­kra­tie.“

„Wann war die für Mon­te­cris­to ent­schei­den­de Sit­zung?“

Cress zog sein Han­dy aus der In­nen­ta­sche und kon­sul­tier­te sei­nen Ka­len­der.

Jonas muss­te sein Glas ab­stel­len, weil er be­fürch­te­te, sei­ne Hand könn­te zit­tern.

Cress schal­te­te das Han­dy aus und steck­te es in die Ta­sche. „Mitt­woch, zehn­ter De­zem­ber.“

Jonas nick­te nur und schob ei­nen Bis­sen in den Mund, um nichts sa­gen zu müs­sen.

Mitt­woch, zehn­ter De­zem­ber. Über ei­ne Wo­che, be­vor er in der Con­ti­ni-Sa­che zu re­cher­chie­ren be­gon­nen hat­te.

Die Bü­ros der Eventagen­tur, in der Ma­ri­na ar­bei­te­te, la­gen in ei­nem um­ge­bau­ten In­dus­trie­bau in der zwei­ten Eta­ge. Über den Fens­tern war ei­ne Leucht­schrift an­ge­bracht: Even­tis­si­mo!

Jonas Brand stand un­ter dem Vor­dach ei­nes Elek­tro­ge­schäf­tes vor den Schau­fens­tern mit ih­ren chao­ti­schen Aus­la­gen. Es war kurz nach sechs, und der leich­te Re­gen, der den gan­zen Tag ge­fal­len war, be­gann, in Schnee über­zu­ge­hen.

Die Fens­ter von Even­tis­si­mo! wa­ren noch al­le er­leuch­tet, und manch­mal sah er die ho­he Gestalt von Ma­ri­na vor­bei­ge­hen. Sie wuss­te nicht, dass er sie hier un­ten er­war­te­te, es soll­te ei­ne Über­ra­schung sein. Ge­nau wie das, was er ihr zu sa­gen hat­te. Er stand noch ganz un­ter der Wir­kung der gu­ten Nach­richt, des schwe­ren Wei­nes und des Jet­lags von sie­ben St­un­den und hät­te noch lan­ge hier ste­hen kön­nen.

Wie­der sah er Ma­ri­nas Gestalt am er­leuch­te­ten Fens­ter. Aber dies­mal blieb sie ste­hen und sah hin­aus. Sie stütz­te den Ell­bo­gen in die lin­ke Hand und schien zu te­le­fo­nie­ren.

Sein Han­dy klin­gel­te. Ma­ri­na.

„Ich ma­che jetzt Schluss, wol­len wir uns tref­fen?“„Und wie.“„Wie ist das Ge­spräch mit Rebstyn ge­gan­gen?“„Das er­zähl ich dir dann.“„Wo tref­fen wir uns?“„Vor dei­nem Bü­ro.“„Wann?“„Jetzt.“Er sah, wie sie ganz na­he an die Schei­be ging und die Au­gen ge­gen das re­flek­tie­ren­de Licht ab­schirm­te. Jetzt hob sie den Arm und wink­te. Er wink­te zu­rück.

„Was für ei­ne rei­zen­de Über­ra­schung“, sag­te sie.

„Bring ei­nen Schirm schneit.“

Drei Mi­nu­ten spä­ter hielt er sie in den Ar­men.

„Du hast ei­ne Fah­ne“, sag­te sie, als sie sich von ihm lös­te. „Ist das ein gu­tes Zei­chen?“

„Nicht im­mer, aber heu­te schon.“Er nahm ih­ren Schirm, und sie häng­te sich ein. So mach­ten sie sich auf den Weg durch das dich­ter wer­den­de Schnee­trei­ben. „Er­zähl“, bat sie.

„Ich ha­be mit Jeff und Ser­ge Cress Mit­tag ge­ges­sen.“„Ser­ge Cress?“„Der Chef von Mo­vie­fonds. Er sag­te zwar nicht, von wem das Geld stammt und wie ent­schie­den wur­de, dass Mon­te­cris­to ge­för­dert wird. Aber er ließ durch­bli­cken, dass er – auch auf Drän­gen von Rebstyn – die Wie­der­er­wä­gung vor­ge­schla­gen hat. Und das Wich­tigs­te: Sie wur­de am zehn­ten De­zem­ber be­schlos­sen. Al­so be­vor ich in der Con­ti­ni-Sa­che zu re­cher­chie­ren be­gann.“

Ma­ri­na blieb ste­hen. „Das heißt, dass es tat­säch­lich um den Film ging und nicht dar­um, dich ab­zu­schüt­teln.“

Jonas Brand grins­te. „Scheint so.“ mit, es

Sie fiel ihm so hef­tig um den Hals, dass der Schirm weg­ge­drückt wur­de und sie ei­nen Kuss lang un­ge­schützt im dich­ten Schnee­fall stan­den.

„Und heißt das nicht auch, dass es nicht die Bank war, die dir in Bangkok die Fal­le ge­stellt hat?“

„Nun, in­zwi­schen hat­te sie ja ei­nen Grund, mich los­wer­den zu wol­len.“

Sie nah­men ih­ren Schnee­spa­zier­gang wie­der auf. „Ich ha­be ge­goo­gelt“, sag­te Ma­ri­na. „Es scheint, dass das ei­ne be­lieb­te Me­tho­de der thai­län­di­schen Po­li­zei ist, zu Geld zu kom­men: Tou­ris­ten Dro­gen un­ter­zu­ju­beln und sie dann ge­gen ein hap­pi­ges Schmier­geld lau­fen­zu­las­sen.“

„Ich weiß. Aber kaum im Man­da­rin Ori­en­tal.“

„War­um nicht? Dort wohnen die Tou­ris­ten mit der meis­ten Koh­le.“

„Hat et­was“, räum­te Jonas ein, nur zu ger­ne be­reit, sei­ne Fi­nan­ciers zu ent­las­ten.

Ein Strei­fen­wa­gen mit Blau­licht und Si­re­ne fuhr vor­bei. Nicht be­son­ders schnell, denn die Stra­ße wur­de schon rut­schig.

„Merkst du ei­gent­lich, wo­hin wir ge­hen?“, frag­te Ma­ri­na ver­gnügt. Sie hat­ten, oh­ne sich ab­zu­spre­chen, die Rich­tung zu ih­rer Woh­nung ein­ge­schla­gen.

„Weil ich nichts im Haus ha­be“, er­klär­te Jonas. „Ich aber auch nicht.“Er leg­te den Arm um sie, zog sie zu sich her­an und sag­te: „Ich fin­de schon et­was.“

Sie gin­gen jetzt schnel­ler, denn der Schnee mach­te ih­re Schu­he und Ho­sen­bei­ne nass. Wei­ter vor­ne stand der Strei­fen­wa­gen mit zu­cken­dem Blau­licht. Der Ver­kehr be­gann, sich zu stau­en. Vi­el­leicht ein Auf­fahr­un­fall. (Fort­set­zung folgt)

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