Erst prag­ma­tisch und dann äs­the­tisch sein

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT LOKAL - VON KARS­TEN KELLERMANN

Bo­rus­si­as An­ge­bot in den ver­gan­ge­nen fünf Bun­des­li­ga-Heim­spie­len war un­voll­kom­men. Vier­mal gab es größ­ten­teils or­dent­li­chen Fuß­ball zu se­hen, Spie­le mit hüb­schen Kom­bi­na­tio­nen und vie­len Chan­cen. Aber kei­ne Sie­ge. Es war der pu­re Äs­t­he­ti­zis­mus: Form vor In­halt. Und nun kam Mainz: Ein Spiel bar je­der Äs­t­he­tik, es sei denn, man ist ein Freund des ge­kämpf­ten und krampf­haf­ten Spiels. Aber es gab drei Punk­te, und das, weil ein Stan­dard nach ei­ni­ger Flip­pe­rei des Bal­les zum Sieg­tor führ­te. Prag­ma­ti­scher geht es kaum. Und weil die Bo­rus­sen an die­sem Tag kein Pech hat­ten, kam auch noch das Glück hin­zu, dass ein Main­zer Tor nicht an­er­kannt wur­de. Es scheint, als ha­be das Schick­sal, das den Glad­ba- chern zu­vor nicht ge­wo­gen war, ein schlech­tes Ge­wis­sen be­kom­men.

Es wur­de na­tür­lich or­dent­lich (und zu Recht) ge­me­ckert über die Qua­li­tät des Spiels, es war das SchleHe­dS, das schlech­tes­te Heim­spiel der Sai­son – aber das mit der bes­ten Lauf­leis­tung. Vi­el­leicht war es gera­de ein sol­ches Spiel, das die Bo­rus­sen in der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on brauch­ten. Ei­nes, in dem der Er­folg er­quält wer­den muss­te, so, dass es fast schon weh tat. Es zeig­te: Sie­ge sind nicht selbst­ver­ständ­lich, aber sie sind auch mög­lich, wenn man sich auf die Ba­sics be­sinnt. Prag­ma­tis­mus ist zu­wei­len bes­ser als Äs­t­he­ti­zis­mus. Die­se Er­kennt­nis rückt vi­el­leicht die Din­ge ein we­nig zu­recht: Schön ist schön, aber nur schön reicht nicht un­be­dingt. Wer erst die Ba­sis-Tu­gen­den an den Tag legt und dann Fuß­ball drauf­packt, ist auf dem rich­ti­gen Weg. „In den letz­ten Wo­chen gab es das ei­ne oder an­de­re Spiel, in dem uns die Men­ta­li­tät des Geg­ners be­siegt hat. Nun ist das Ge­fühl wich­tig, ge­won­nen zu ha­ben, weil wir es un­be­dingt woll­ten, weil wir es er­zwun­gen ha­ben“, sag­te Trai­ner An­dré Schu­bert.

Bo­rus­sia hat so­zu­sa­gen da­zu ge­lernt. Nicht nur, weil es nach so lan­ger Zeit wie­der ein Stan­dard-Tor gab. Und das, nach­dem dies im Trai­ning ex­tra noch mal ge­probt wor­den war. Nein, sie weiß nun auch, dass sie an­ders kann als schön, rump­lig eben. Das soll­te nicht zur ge­ne­rel­len Ma­sche wer­den, denn dann wür­de man das Ide­al des Klubs ver­ra­ten. Aber für den Mo­ment, da es nur um Punk­te geht, ist es zu ent­schul­di­gen. Nun steht die nächs­te Muss-Auf­ga­be an: den Ma­lus der Heim­spie­le auf­zu­ar­bei- ten. Das geht nur mit Aus­wärts­punk­ten. Neun Zäh­ler hat Glad­bach da­heim ver­lo­ren, aber erst ei­nen aus­wärts zu­rück­ge­holt. Ak­tu­el­ler Kon­to­stand: mi­nus acht. Ein Drei­er auch in Augs­burg wür­de da sehr hel­fen. Das Mainz-Spiel taugt als Vor­la­ge für Augs­burg. Auch der Fuß­ball-Club aus der Pup­pen­kis­tenS­tadt spielt weit und lang und lau­ert auf zwei­te Bäl­le. Ha­cke-Spit­ze-Ein­sZwei-Drei geht da gar nicht, das hat Bo­rus­sia schon öf­ter er­lebt. Aber: Die Glad­ba­cher wis­sen nun, dass sie wie­der ge­win­nen kön­nen. Egal wie, auch wenn es un­voll­kom­men ist. Dass mög­lichst schnell auch wie­der hö­he­re äs­the­ti­sche An­sprü­che er­füllt wer­den soll­ten, soll­te klar sein. Nicht aber um ih­rer selbst wil­len, son­dern für den gu­ten Zweck na­mens Er­folg. Man muss erst prag­ma­tisch und dann äs­the­tisch sein.

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