Die Nacht wird still

Jür­gen Do­mi­an, zu Recht als Kum­mer­kas­ten der Na­ti­on be­zeich­net, hört auf: Am Frei­tag macht er nach 21 Jah­ren sei­ne letz­te Sen­dung, in der Wild­frem­de an­onym ihr Herz aus­schüt­ten. Ein per­sön­li­cher Ab­schied.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA -

Häu­fig ist er mit mir nach Hau­se ge­fah­ren – frei­tag­nachts, ich kam aus der Kn­ei­pe oder von ei­ner Par­ty. Sei­ne Stim­me fand ich be­ru­hi­gend, wenn ich durch die Dun­kel­heit fuhr. Und manch­mal, wenn ich schon längst ei­nen Park­platz ge­fun­den hat­te, bin ich noch et­was im Au­to sit­zen­ge­blie­ben. Um zu er­fah­ren, was er Sil­ke rät, die von ih­rem Mann ge­schla­gen wird. Oder wie er Ani­ta trös­tet, de­ren Mann am Vor­tag ge­stor­ben ist. Oder wie er Tho­mas ins Ge­wis­sen re­det, der sei­ne Freun­din mit de­ren Schwes­ter be­tro­gen hat.

Jür­gen Do­mi­an hat vie­le Ge­schich­ten ge­hört. Zwi­schen ein und zwei Uhr nachts war er 21 Jah­re lang bei 1Li­ve und im WDR-Fern­se­hen der Nacht­fal­ke, der Zu­hö­rer, der Kum­mer­kas­ten der Na­ti­on. Man­che Ge­sprä­che er­in­ner­ten nicht zu Un­recht an ei­ne Beich­te. Ab­so­lu­ti­on konn­ten die An­ru­fer aber nicht er­war­ten. Der 58-Jäh­ri­ge war im­mer ehr­lich, ein­fühl­sam, sag­te je­doch im­mer sei­ne Mei­nung oh­ne Psy­choBl­ab­la. Wenn er sei­ne Ge­sprächs­part­ner blöd fand, weil sie Mist ge­baut hat­ten und lar­mo­yant ru­mei­er­ten, dann war das zu spü­ren. Wenn er Ge­schich­ten ba­nal fand, konn­te es pas­sie­ren, dass er den An­ru­fer schnell aus der Lei­tung warf – um Zeit zu ha­ben für Men­schen, die ein Ge­spräch mit ihm nö­ti­ger brauch­ten. Aus­re­den hat er nicht gel­ten las­sen. Wenn ei­ner ei­nen Sei­ten­sprung beich­te­te und sag­te, es sei ein­fach so pas­siert, wur­de Do­mi­an schon mal bar­scher. „Ein­fach so“ging bei ihm nicht. Ei­ner So­zi­al­hil­feEmp­fän­ge­rin En­de 20, die be­kann­te, sie ha­be kei­ne Lust zu ar­bei­ten und tue al­les, da­mit sie kei­nen Job be­kom­me, droh­te er, sie an­zu­zei­gen, denn das sei „völ­lig da­ne­ben“.

Aber bei de­nen, die wein­ten, die um Wor­te ran­gen, blieb er ru­hig, und es gab Mo­men­te der Stil­le im Ra­dio. Mit­un­ter muss­te er sich räus­pern, weil sei­ne Stim­me be­legt war. Er hör­te de­nen zu, die sonst nie­man­den hat­ten oder sich nicht trau­ten – mit ehr­li­chem In­ter­es­se, oh­ne Ar­ro­ganz, mit ste­ter Für­sor­ge.

Rund 25.000 An­ru­fer wa­ren es seit dem Start der Sen­dung 1995. Dar­un­ter wa­ren Neo­na­zis, Hoo­li­gans, Fremd­ge­her, Hin­ter­blie­be­ne, Op­fer von Ge­walt und Be­trug, Men­schen mit ge­bro­che­nen Her­zen. Und im­mer wie­der ging es auch um Sex. Vie­les ha­be ich durch die Sen­dung erst ken­nen­ge­lernt – zum Bei­spiel, dass sich Leu­te in Ge­gen­stän­de ver­lie­ben kön­nen. Das hört sich ziem­lich ver­rückt an und ist es ver­mut­lich auch. Doch für Do­mi­an, der selbst über sei­ne Bise­xua­li­tät oder sei­ne frü­he­re Buli­mie-Er­kran­kung sprach, war vie­les nor­mal. Und des­halb konn­te er auch ernst blei­ben, wenn Ob­jekt­se­xu­el­le ihm von ih­rer Be­zie­hung mit ei­ner Or­gel er­zähl­ten oder ein Mann be­rich­te­te, er for­me sich ei­ne Frau aus 60 Ki­lo Hack­fleisch. Do­mi­an-Fans nei­gen si­cher zu ei­ner Art Voy­eu­ris­mus, wo­bei es nicht um die Lust am Schau­en, son­dern um die am Hö­ren geht.

Für man­che Ge­sprächs­part­ner war Jür­gen Do­mi­an, den al­le nur Jür­gen oder Do­mi­an nann­ten, nicht Trös­ter ge­nug. „Mei­ne Psy­cho­lo­gin, das ist heu­te Nacht die An­ne, ruft dich gleich noch mal an“, sag­te er zu den trau­rigs­ten und ver­zwei­fel­tes­ten An­ru­fern. Er hat­te im­mer ei­nen Psy­cho­lo­gen in der Hin­ter­hand, der Selbst­hil­fe­grup­pen emp­fahl, in­ti­me Din­ge ab­seits der Mi­kro­fo­ne be­sprach und Men­schen mit ih­rer Tra­gik nicht al­lein ließ. Für die rund 60.000 Zu­hö­rer gab es kei­nen Trost. Man­che er­zähl­te Ge­schich­te rühr­te zu Trä­nen. Und raub­te den Schlaf­lo­sen erst recht den Schlaf.

Am Frei­tag ist die letz­te Sen­dung, dann ist die Lei­tung mit der Num­mer 0800 - 2205050 tot. Die Fans hat­ten nach der Rück­tritts-An­kün­di­gung an­dert­halb Jah­re Zeit, sich auf die neue Stil­le der Nacht vor­zu­be­rei­ten. Der Mo­de­ra­tor will vom Nacht- zum Tag­men­schen wer­den, rei­sen und so­zia­le Kon­tak­te pfle­gen. Ich hof­fe, er wird künf­tig gut schla­fen, wenn ich schlaf­los oder al­lein im Au­to bin. Mar­ti­na Stö­cker

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