Ei­ne jü­di­sche Fa­mi­lie präg­te ganz Wick­rath

Die Le­der­fa­brik Spier war der größ­te Ar­beit­ge­ber im Stadt­teil. Die Na­zis ha­ben vie­le Mit­glie­der der Fa­mi­lie Spiers er­mor­det.

Rheinische Post Moenchengladbach - - STADTTEILE - VON CHRIS­TI­AN LIN­GEN

WICK­RATH Es sind rund 300 Fo­tos, auf de­nen die Ge­schich­te der ehe­ma­li­gen Le­der­fa­brik Spier in Wick­rath do­ku­men­tiert ist. Ul­ri­ke Krü­ner hat die Samm­lung von ih­rem Va­ter ge­erbt. Und er hat ihr noch et­was ver­macht: das In­ter­es­se für In­dus­trie­ge­schich­te. Als en­ga­gier­tes Mit­glied im Ge­schichts­kreis des Wick­ra­ther Hei­mat- und Ver­kehrs­ver­eins forscht sie zu­sam­men mit ih­rem Ehe­mann Klaus Krü­ner im­mer wie­der an der Wick­ra­ther Ver­gan­gen­heit. An­ge­tan hat es dem Ehe­paar vor al­lem die Le­der­fa­brik. In­zwi­schen wis­sen sie nicht nur vie­le De­tails über den Be­trieb, son­dern ha­ben auch Kon­takt zu ei­ni­gen Nach­fah­ren von Fir­men­grün­der Zacha­ri­as Spier. So zum Bei­spiel zu Rolf Spier Do­na­ti, dem in Pa­ris le­ben­den Uren­kel von Le­vy Spier, der 1860 die fi­nan­zi­el­le Grund­la­ge für die Fir­men­grün­dung sei­nes Bru­ders leg­te. Und auch zu Ire­ne Spier, ei­ner Nach­fah­rin des Fir­men­grün­ders, die in To­ron­to lebt und bald ih­ren Va­ter in der Schweiz be­su­chen wird. Zu­vor je­doch wird sie zu­sam­men mit ih­rem fran­zö­si­schen Ver­wand­ten am Wo­che­n­en­de ei­nen Ab­ste­cher nach Wick­rath ma­chen.

Le­vy Spier war ein jü­di­scher Kauf­mann, der in der Stadt bes­tens ver­netzt war. Durch Kon­tak­te zur Fa­mi­lie von Mo­ses Stern ge­lang es ihm, so viel Geld zu be­schaf­fen, dass sein Bru­der Zacha­ri­as 1860 in Wick­rath die Le­der­fa­brik Spier grün­den konn­te. Schon drei Jah­re spä­ter starb Le­vy Spier. Sein Bru­der führ­te das Un­ter­neh­men fort, das schnell flo­rier­te. Mit rund 500 An­ge­stell­ten war die Le­der­fa­brik der wich­tigs­te Ar­beit­ge­ber in Wick­rath. Das Fir­men­ge­län­de um­fass­te rund 20 Hekt­ar und präg­te da­mit den Stadt­teil. Hin­zu ka­men Häu­ser, in de­nen die Ar­bei­ter leb­ten. Die Be­leg­schaft wur­de von der Fa­mi­lie Spier stets mit viel Re­spekt be­han­delt und man tat al­les, da­mit es den Ar­bei­tern gut ging. Zacha­ri­as Spier hat­te er­kannt, dass zuf­rie­de­ne An­ge­stell­te bes­se­re Leis­tung brin­gen. Ih­ren Hö­he­punkt er­reich­te die Le­der­fa­brik in den 30er-Jah­ren. Dann kam der Zwei­te Welt­krieg. Die Spiers wa­ren Ju­den. Sie wur­den von den Na­zis ver­folgt und drang­sa­liert.

Pro­ble­me gab es aber schon zu­vor. 1880 sorg­ten die Bür­ger­meis­ter von Wick­rath und Oden­kir­chen da­für, dass Zacha­ri­as Spier die Kon­zes­si­on für sei­ne Fa­b­rik neu be­an­tra­gen muss­te. „Wahr­schein­lich lag es da­ran, dass er Ju­de war“, ver­mu­tet Ul­ri­ke Krü­ner. Die neue Kon­zes­si­on sah vor, dass die Fa­b­rik ih­re gif­ti­gen Ab­wäs­ser nicht mehr ein­fach so in die Niers lei­ten durf­te. Vie­le Jah­re be­schäf­tig­te der Streit zwi­schen dem Fa­b­ri­kan­ten und der Ver­wal­tung die Ge­rich­te. Schließ­lich setz­te sich Spier über die Ent­schei­dun­gen hin­weg und lei­te­te wei­ter un­ge­fil­ter­tes Was­ser in die Niers ein. Das ta­ten auch vie­le an­de­re Be­trie­be ent­lang des Flus­ses. Gif­ti­ge Res­te der Fa­b­rik la­gern noch heu­te im Bo­den hin­ter dem Kunst­werk. 1889 wur­de die Le­der­fa­brik um­be­nannt in „Nie­der­rhei­ni­sche Ak­ti­en­ge­sell­schaft für Le­der­fa­bri­ka­ti­on“. Nach dem Tod des Fir­men- grün­ders 1901 führ­ten zwei sei­ner Söh­ne und ein Schwie­ger­sohn den Be­trieb fort. Die Er­folgs­ge­schich­te en­de­te 1933. Da­mals wur­de der Be­trieb „ari­siert“, wie es die Na­zis nann­ten.

Die Fa­mi­lie Spier war durch die bei­den Zwei­ge, den von Le­vy und den von Zacha­ri­as Spier, auf ei­ne gro­ße Per­so­nen­zahl an­ge­wach­sen. Vie­le Fa­mi­li­en­mit­glie­der star­ben in den un­ter­schied­lichs­ten Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern. An­de­ren ge­lang die Flucht nach En­g­land, in die USA oder die Schweiz. An­de­re brach­ten sich vor ih­rer De­por­ta­ti­on sel­ber um, und zwei von ih­nen star­ben wäh­rend ih­rer Flucht durch Schiffs­un­glü­cke. Be­son­ders tra­gisch ist die Ge­schich­te von Rolf Spier Do­na­ti und sei­ner Schwes­ter Ma­ri­an­ne. Die Uren­kel von Le­vy Spier ka­men mit ih­ren El­tern nach Niz­za. Dort über­ga­ben die El­tern die Kin­der ei­nem Di­plo­ma­ten aus San Ma­ri­no. Er ver­steck­te die Kin­der in ei­nem ita­lie­ni­schen Berg­dorf. Die El­tern star­ben durch die Na­zis. Nach dem Krieg kehr­ten ei­ni­ge Über­le­ben­de der Fa­mi­lie zu­rück nach Wick­rath. 1948 konn­te man die Fa­b­rik, die nur noch 200 An­ge­stell­te be­schäf­tig­te und run­ter ge­wirt­schaf­tet wor­den war, wie­der über­neh­men. Wie für vie­le an­de­re Tex­til­un­ter­neh­men in Mön­chen­glad­bach be­gann auch für das Un­ter­neh­men der Fa­mi­lie Spier der Ab­stieg. Schließ­lich kam es zum Ver­kauf, dann zur Auf­spal­tung und zu ei­nem wei­te­ren Ver­kauf. 1990 mel­de­te die Fa­b­rik In­sol­venz an. Das Werk 1 auf der Al­lee­sei­te der Wick­ra­th­ber­ger Stra­ße wur­de ab­ge­ris­sen. Dort sind heu­te ein Park­platz, ein Tex­til­händ­ler und Bü­ros. Das 1905 er­rich­te­te Werk 2 ist in Tei­len noch er­hal­ten. Dort be­fin­den sich heu­te ein Su­per­markt, ein Bü­ro­kom­plex und das Kunst­werk. Im Hoch­bau an der Beck­ra­ther Stra­ße ent­stan­den Woh­nun­gen. Im Erd­ge­schoss sind in den Bü­ros die ori­gi­na­len Holz­ver­tä­fe­lun­gen und Tü­ren er­hal­ten ge­blie­ben.

Zu ih­rem Recht konn­te die Fa­mi­lie Spier nach dem Krieg nie wie­der ge­lan­gen. Durch den wirt­schaft­li­chen Er­folg der Vor­kriegs­jah­re konn­te sich die Fa­mi­lie ei­nen gro­ßen Grund mit ei­nem präch­ti­gen Haus, dem so­ge­nann­ten Gut Spiers­fel­de, an der Wick­ra­th­ber­ger Stra­ße leis­ten. Von den Na­zis wur­de die Fa­mi­lie Spier ent­eig­net. Das Gut er­hielt man vom deut­schen Staat nie zu­rück. Statt­des­sen zahl­te man ei­ne Ent­schä­di­gung fi­nan­zi­el­ler Art. Was mit den Kunst­schät­zen, die im Hau­se vor­han­den wa­ren, ge­schah, ist un­ge­wiss. In­zwi­schen be­fin­den sich in dem Gut Woh­nun­gen, was ei­ne Be­sich­ti­gung für die An­ge­hö­ri­gen der Fa­mi­lie, wenn sie in Mön­chen­glad­bach zu Be­such sind, un­mög­lich macht.

Das ist gar nicht mal so sel­ten der Fall. „Die vier­te Ge­ne­ra­ti­on forscht in­ten­siv an der Ge­schich­te der Fa­mi­lie“, er­zählt Klaus Krü­ner. Im Ok­to­ber wa­ren Ruth Fish­man, die Uren­ke­lin von Zacha­ri­as Spier, und ih­re Toch­ter Hei­di zu Gast in Wick­rath. Im ver­gan­ge­nen Jahr be­such­te Rolf Spier Do­na­ti zu­sam­men mit sei­ner Frau die Fa­mi­lie Krü­ner. „Das war für uns der An­stoß, erst­mals ei­ne Aus­stel­lung über die Fir­men­und Fa­mi­li­en­ge­schich­te der Spiers auf die Bei­ne zu stel­len“, er­zählt Ul­ri­ke Krü­ner.

Am Wo­che­n­en­de ist es so­weit. Sams­tag und Sonn­tag hat der Nas­sau­er Stall je­weils von 13 bis 17 Uhr ge­öff­net. Zu se­hen gibt es Fo­tos und Tex­te über die Spiers. „Vor ei­ni­gen Ta­gen klin­gel­te abends das Te­le­fon. Am Ap­pa­rat war Ire­ne Spier aus To­ron­to. Sie hat­te von der Aus­stel­lung er­fah­ren. Weil sie zu Weih­nach­ten ih­ren Va­ter in der Schweiz be­su­chen wird, hat sie ihr Kom­men an­ge­kün­digt“, ver­rät Ul­ri­ke Krü­ner. Rolf Spier Do­na­ti, der ex­tra aus Pa­ris an­rei­sen wird, hat an­ge­kün­digt, wei­te­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der mit­zu­brin­gen. Wer ge­nau es sein wird, das hat er den Wick­ra­thern nicht ver­ra­ten.

FO­TOS (6): SAMM­LUNG KRÜ­NER

Der Brief­kopf von 1896 zeigt das Werk 1 auf der Al­le­sei­te der Wick­ra­th­ber­ger Stra­ße. Heu­te sind dort ein Park­platz, ein Tex­til­markt und Bü­ros.

Tref­fen der Fa­mi­lie Spier 1922 auf der Wie­se ne­ben dem Gut Spiers­fel­de. Nach dem Krieg er­hielt die Fa­mi­lie das Haus vom deut­schen Staat nicht zu­rück. Statt­des­sen gab es ei­ne fi­nan­zi­el­le Ent­schä­di­gung.

Die Hal­le, in der die Roh­häu­te für die Le­der­fa­brik la­ger­ten. Heu­te ist die Hal­le als Kunst­werk ei­ner der größ­ten Ver­an­stal­tungs­räu­me der Stadt.

Ruth und Hei­di Fish­man im Ok­to­ber 2016 vor dem Gut Spiers­fel­de. Ruth ist die Uren­ke­lin von Fir­men­grün­der Zacha­ri­as Spier und über­leb­te zwei KZ.

FOTO: STADT

Klaus Krü­ner , Rolf Spier Do­na­ti, Ober­bür­ger­meis­ter Hans-Wil­helm Rei­ners, Mo­ni­que Spier Do­na­ti und Ul­ri­ke Krü­ner vor ei­nem Jahr im Rat­haus Ab­tei.

1889 wur­de die Le­der­fa­brik in ei­ne Ak­ti­en­ge­sell­schaft um­ge­wan­delt.

Im Hoch­bau an der Beck­ra­ther Stra­ße ist die ori­gi­nal Ver­tä­fe­lung er­hal­ten.

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