Wo bleibt das Kon­ser­va­ti­ve?

Je­de Be­we­gung er­zeugt ei­ne Ge­gen­be­we­gung. Des­halb be­steht be­grün­de­te Hoff­nung, dass be­stimm­te Do­mi­nan­zen in Staat und Ge­sell­schaft bald schwin­den.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rhei­ni­sche-post.de

Neu­lich über­rasch­te mich ei­ne klu­ge Frau aus dem Rhei­ni­schen mit die­sem Be­fund: Heu­te, so schrieb sie mir, wer­de der Kon­ser­va­ti­ve nur noch be­lä­chelt, be­mit­lei­det, so­gar ge­hasst und als na­zi­nah dif­fa­miert, bes­ten­falls als Re­likt ei­ner ver­gan­ge­nen Zeit ge­se­hen. Die Zu­schrift ver­blüff­te mich aus zwei Grün­den: Zum ei­nen er­schien sie mir zu pes­si­mis­tisch; zum an­de­ren ist die Dia­gnos­ti­ke­rin ei­ne be­ken­nen­de Li­be­ra­le, kei­ne de­zi­diert Kon­ser­va­ti­ve.

Sie hat bei flüch­ti­gem Blick recht: Tun sich nicht Christ­de­mo­kra­ten, wenn sie kei­ne CSU-Mit­glie­der sind, schwer da­mit zu ge­ste­hen: „Ja, ich bin kon­ser­va­tiv?“Müs­sen sprie­ßen­de kon­ser­va­ti­ve Ar­beits- und Freun­des­krei­se in der CDU nicht da­mit rech­nen, von ton­an­ge­ben­den Sit­ten­wäch­tern der Par­tei- und Frak­ti­ons­füh­rung mehr miss­ach­tet zu wer­den als links­li­be­ra­le Grü­ne? Und: War­um fühl­te sich in den letz­ten Jah­ren ein po­li­ti­sches Aus­nah­me­ta­lent wie der bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ve Wolf­gang Bos­bach oft fremd in der Par­tei, der er über den rhei­nisch-ber­gi­schen Wahl­kreis hin­aus Stim­men und Re­spekt ver­schafft hat? Schließ­lich: War­um geht Jens Spahn, ein CDU-Ab­ge­ord­ne­ter von ge­ra­de mal 36 Jah­ren, neu­er­dings mit der kon­ser­va­ti­ven Fah­ne vor­an? Äl­te­re, ver­huscht wir­ken­de Kon­ser­va­ti­ve, die sich jah­re­lang in die Bü­sche schlu­gen, hin­ken auf ein­mal dem jun­gen Fi­nanz­staats­se­kre­tär hin­ter­her.

Das Bei­spiel die­ses neu­en kon­ser­va­ti­ven Ban­ner­trä­gers zeigt, dass ein ge­naue­rer Blick lohnt und die al­te Weis­heit of­fen­legt, wo­nach je­de Be­we­gung ih­re Ge­gen­be­we­gung er- zeugt. Das gilt für ge­schicht­li­che, ge­sell­schaft­li­che und eben auch par­tei­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen. So wie es an der CDU-Spit­ze der­einst kei­ne zwei­te Mer­kel ge­ben wird und statt­des­sen zu lan­ge mut­lo­se und füh­rungs­los ge­las­se­ne CDU-Kon­ser­va­ti­ve wie­der auf die Lich­tung tre­ten wer­den, wer­den sich schon bald und hof­fent­lich Bür­ger­lich-Kon­ser­va­ti­ve aus „La Fran­ce pro­fon­de“, al­so aus den Tie­fen Frank­reichs, ge­gen die ar­ro­gan­te links­li­be­ra­le Pa­ri­ser Do­mi­nanz wen­den.

Die zi­tier­te Li­be­ra­le aus dem Rhein­land, die sich um das Kon­ser­va­ti­ve sorgt, er­wähn­te den Na­men des plötz­lich aus­sichts­rei­chen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten François Fil­lon in der Nach­fol­ge des lah­men Sa­lon-So­zis François Hol­lan­de. Fil­lon ist ein wirt­schafts­li­be­ra­ler, re­form­be­rei­ter Kon­ser­va­ti­ver, je­doch ei­ner, der ge­sell­schafts­po­li­tisch die Kir­che im Dorf lässt. Ein Hoff­nungs­trä­ger für sein Land, für Eu­ro­pa und da­mit auch für al­le nicht links­grü­nen Deut­schen. Al­so, ver­ehr­te li­be­ra­le La­dy: Wo Ge­fahr ist, wächst das Ret­ten­de auch, wie der Dich­ter sagt.

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