Exo­dus aus den Trüm­mern Alep­pos

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON JAN KUHL­MANN UND SI­MON KRE­MER

ALEP­PO (dpa) Schon in den Mor­gen­stun­den geht der Ner­ven­krieg um den Ab­zug von Kämp­fern und Zi­vi­lis­ten aus den ver­blie­be­nen Re­bel­len­ge­bie­ten Alep­pos in ei­ne neue Run­de. Kurz nach Son­nen­auf­gang ver­sam­meln sich die ers­ten Zi­vi­lis­ten auf den Stra­ßen der größ­ten­teils zer­stör­ten Vier­tel im Os­ten der um­kämpf­ten Stadt: Frau­en, Kin­der und Män­ner, die seit Lan­gem hof­fen, das Kampf­ge­biet ver­las­sen zu kön­nen. Die Men­schen frie­ren in der Käl­te, der­zeit lie­gen die Tem­pe­ra­tu­ren nur knapp über null Grad.

Um acht Uhr sol­le es los­ge­hen, schreibt ein Ak­ti­vist in ei­ner Text­nach­richt. Hoff­nung spricht aus den Wor­ten. Ein Re­bel­len­spre­cher be­stä­tigt die Uhr­zeit. Doch um acht Uhr pas­siert erst ein­mal nichts. Das War­ten auf die Ret­tung geht wei­ter.

Auf ei­nem Fo­to ist ei­ne Frau zu se­hen, die ne­ben ge­pack­ten Kof­fern auf Trüm­mern sitzt und weint. Vie­len fällt der Ab­zug aus ih­rer Hei­mat­stadt trotz al­ler Lei­den schwer. An­de­re ha­ben ganz be­son­de­re Vor­be­rei­tun­gen ge­trof­fen: Da­mit den Re­gie­rungs­an­hän­gern mög­lichst we­nig in die Hän­de fällt, ver­bren­nen man­che ihr Hab und Gut, ein Mo­tor­rad et­wa, wie ein Vi­deo zeigt. Auch die Kämp­fer zer­stö­ren ih­re Fahr­zeu­ge, set­zen ih­re Haupt­quar­tie­re in Brand, spren­gen grö­ße­re Waf­fen­la­ger, wie auch die op­po­si­tio­nel­le Be­ob­ach­tungs­stel­le für Men­schen­rech­te be­rich­tet. Fern­seh­bil­der zei­gen Rauch­schwa­den über der Trüm­mer­land­schaft.

Seit Ta­gen ha­ben die Kon­flikt­par­tei­en um den Ab­zug der Kämp­fer und Zi­vi­lis­ten aus den we­ni­gen Vier­teln ge­run­gen, die den op­po­si­tio­nel­len Mi­li­zen nach hef­ti­gen Kämp­fen mit Re­gime­kräf­ten noch ge­blie­ben sind. Am Di­ens­tag gab es ei­ne ers­te Ei­ni­gung. Doch das Ab­kom­men schei­ter­te zu­nächst, weil neue Kämp­fe aus­bra­chen.

Da­bei lässt die ka­ta­stro­pha­le hu­ma­ni­tä­re La­ge kei­nen Auf­schub zu. Zehn­tau­sen­de sol­len in Ost-Alep­po noch le­ben, vie­le von ih­nen un­ter­ge­kom­men in zer­bomb­ten Häu­sern des von Luft­an­grif­fen, Ar­til­le­rie und Kämp­fen stark zer­stör­ten Re­bel­len­ge­biets. Nach An­ga­ben der Or­ga­ni­sa­ti­on „Sa­ve the Child­ren“har­ren noch Tau­sen­de Kin­der im zer­stör­ten Ost­teil aus.

Die Men­schen sa­gen, es ge­be we­gen der mo­na­te­lan­gen Be­la­ge­rung kaum noch Trink­was­ser, sie hät­ten Hun­ger. Die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist zu­sam­men­ge­bro­chen. Der Re­gio­nal­di­rek­tor des Ro­ten Kreu­zes, Ro­bert Mar­di­ni, zi­tiert auf Twit­ter ei­ne Kol­le­gin in Ost-Alep­po: „Ich ha­be noch nie zu­vor die­ses Aus­maß mensch­li­chen Leids ge­se­hen.“

Ge­nau um zwölf Uhr mit­tags wächst dann die Hoff­nung der ein­ge­schlos­se­nen Men­schen. Kran­ken­wa­gen und die grü­nen Bus­se des staat­li­chen sy­ri­schen Trans­port­un­ter­neh­mens set­zen sich Rich­tung Os­ten in Be­we­gung. Mehr als zwei St­un­den dau­ert es, bis die ers­ten Fahr­zeu­ge das Re­bel­len­ge­biet wie­der ver­las­sen, an Bord er­leich­ter­te Men­schen, die in an­de­re von der Op­po­si­ti­on ge­hal­te­ne Or­te ge­fah­ren wer­den. Die Pro­vinz Id­lib süd­west­lich von Alep­po steht un­ter Kon­trol­le der Op­po­si­ti­on. Hier­hin sind be­reits frü­her Auf­stän­di­sche ab­ge­zo­gen, als sie et­wa Vo­r­or­te von Damaskus auf­ga­ben. 951 Men­schen sol­len mit dem ers­ten Kon­voi Alep­po ver­las­sen ha­ben; am Abend folg­te ein zwei­ter Trans­port. Ins­ge­samt sol­len den sy­ri­schen An­ga­ben zu­fol­ge et­wa 15.000 Men­schen ab­trans­por­tiert wer­den. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen spre­chen da­ge­gen von rund 70.000 Men­schen.

Mehr­fach pen­deln ges­tern die 20 grü­nen Bus­se und brin­gen Men­schen aus dem Kampf­ge­biet. Nicht al­le wer­den es so­fort schaf­fen, vie­le blei­ben zu­rück. Ak­ti­vis­ten be­schrei­ben den Ab­schied von ih­ren Fa­mi­li­en als herz­zer­rei­ßend. „Die Men­schen wol­len die Stadt so sehr ver­las­sen und sich und ih­re Fa­mi­li­en in Si­cher­heit brin­gen“, sagt ein Ak­ti- vist mit Na­men Wis­sem. „Auf der an­de­ren Sei­te las­sen sie auch ihr Land, ih­re Hei­mat zu­rück. Für uns ist das ein sehr trau­ri­ger Tag.“

Wenn al­le Kämp­fer und Zi­vi­lis­ten Ost-Alep­po ver­las­sen ha­ben, blei­ben Geis­ter­vier­tel zu­rück. Ei­ni­ge Be­woh­ner ha­ben vor der Ab­fahrt noch Bot­schaf­ten an die Wän­de ge­schrie­ben. „Un­se­re zer­stör­ten Häu­ser sind Zeu­gen un­se­rer Stand­haf­tig­keit ge­gen eu­re Ver­bre­chen“, heißt es. Und: „Wir wer­den ei­nes Ta­ges zu­rück­keh­ren.“

Das Re­gime in Damaskus brüs­tet sich mit sei­nem Er­folg. Macht­ha­ber Ba­schar al As­sad äu­ßert sich in ei­ner Vi­deo-Bot­schaft erst­mals wie­der selbst zur Ent­wick­lung. Er gra­tu­liert dem sy­ri­schen Volk zur „Be­frei­ung“der Stadt; in Alep­po wer­de „Ge­schich­te ge­schrie­ben“. Alep­po ist As­sads größ­ter Sieg seit dem Be­ginn des Bür­ger­kriegs 2011.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.