Mit­tel­ständ­ler blei­ben stand­haft

Die Un­si­cher­hei­ten neh­men zu, aber deut­sche Mit­tel­ständ­ler hal­ten an ih­ren Aus­lands­stra­te­gi­en fest, wie ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge der DZ Bank zeigt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON JÜR­GEN GROSCHE

Es ist schon er­staun­lich, was die Markt­for­schungs­ex­per­ten da her­aus­ge­fun­den ha­ben. In ei­nem Jahr, in dem die Welt an­schei­nend aus den Fu­gen zu ge­ra­ten scheint, zie­hen sich die deut­schen Mit­tel­ständ­ler nicht aus ih­ren Aus­lands­ak­ti­vi­tä­ten zu­rück. Im Ge­gen­teil – vie­le wol­len ex­pan­die­ren, und aus­ge­rech­net das von vie­len Men­schen kri­tisch be­äug­te Eu­ro­pa dürf­te da­von pro­fi­tie­ren.

„Die Glo­ba­li­sie­rung ist nicht zu­rück­zu­dre­hen“, kom­men­tiert Uwe Berg­haus, Mit­glied des Vor­stands der DZ Bank, die Um­fra­ge­er­geb­nis­se. Na­tür­lich ent­zie­hen sich die mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­mens­len­ker nicht ei­ner rea­lis­ti­schen Ein­schät­zung der La­ge, Un­si­cher­heit ver­spü­ren auch sie. Doch sie be­wah­ren sich of­fen­bar ei­ne ei­ge­ne Sicht der Din­ge. „Die deut­schen Mit­tel­ständ­ler sind recht ge­las­sen im Um­gang mit den po­li­ti­schen Ri­si­ken“, wer­tet Berg­haus das Um­fra­ge­er­geb­nis, dass nur ein Vier­tel von ih­nen ei­nen Un­ter­schied zu den sons­ti­gen wirt­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen ei­nes Un­ter­neh­mers sieht.

„Dem­ent­spre­chend sind sie auch ziem­lich in­dif­fe­rent, wenn es um die in der Po­li­tik heiß dis­ku­tier­ten Frei­han­dels­ab­kom­men CETA und TTIP geht“, stellt Berg­haus fest, der die Ein­schät­zun­gen der Un­ter­neh­mer auch aus ei­ge­nem Er­le­ben kennt. Die DZ Bank pflegt lang­jäh­ri­ge in­ten­si­ve Ge­schäfts­be­zie­hun­gen mit gro­ßen Un­ter­neh­men und über die Volks­ban­ken und Raiff­ei­sen­ban­ken auch mit den tau­sen­den Mit­tel­ständ­lern an der Ba­sis.

Die Um­fra­ge gibt ge­nau die­se Ein­schät­zung wi­der: Mehr als die Hälf­te der be­frag­ten Fir­men­len­ker er­war­tet kei­ne po­si­ti­ven Im­pul­se durch die Frei­han­dels­ab­kom­men; ein wei­te­res Vier­tel glaubt nicht ein­mal dar­an, dass sie in Kraft tre­ten wer­den.

„Die po­li­ti­schen Ri­si­ken sind den Un­ter­neh­mern sehr wohl be­wusst“, be­tont Berg­haus. Über TTIP hin­aus fra­gen sich die oft glo­bal tä­ti­gen Mit­tel­ständ­ler durch­aus, wel­che Aus­wir­kun­gen Br­ex­it, Ukrai­ne­Kon­flikt oder Tür­kei-Span­nun­gen ha­ben könn­ten.

Die Un­si­cher­hei­ten be­las­ten al­le im Aus­land en­ga­gier­ten Un­ter­neh­men. Zum Bei­spiel Un­si­cher­hei­ten über wirt­schaft­li­che (71 Pro­zent) und recht­li­che (55 Pro­zent) Rah­men­be­din­gun­gen. 44 Pro­zent fürch­ten Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten und -aus­fäl­le.

Trotz al­le­dem: „Sich aus dem Aus­lands­ge­schäft ganz zu ver­ab­schie­den, ist kei­ne Op­ti­on“, wer­tet Berg­haus die nied­ri­gen Zah­len da­zu aus der Um­fra­ge: Nur zehn Pro­zent al­ler im Aus­land en­ga­gier­ten Un­ter­neh­men wol­len sich aus schwie­ri­gen Aus­lands­märk­ten zu­rück­zie­hen. Von den gro­ßen Mit­tel­ständ­lern (50 bis 125 Mil­lio­nen Eu­ro Um­satz) so­gar kei­ner. Am häu­figs­ten re­agie­ren sie mit Zu­rück­hal­tung bei Neu­in­ves­ti­tio­nen (20 Pro­zent) auf die po- li­ti­schen und öko­no­mi­schen Kri­sen. Bei von Kri­sen be­trof­fe­nen Fir­men sieht das et­was an­ders aus.

Die glo­ba­le Ve­r­un­si­che­rung führt da­bei zu ei­ner viel­leicht zu­nächst un­er­war­te­ten Wen­de: Aus­ge­rech­net Eu­ro­pa, das selbst von man­cher Kri­se ge­schüt­telt ist, pro­fi­tiert von stra­te­gi­schen Neu­be­wer­tun­gen: Die­je­ni­gen Un­ter­neh­men, die dar­an den­ken, auf an­de­re Aus­lands­märk­te aus­zu­wei­chen, se­hen sich vor al­lem auf dem al­ten Kon­ti­nent um; fast die Hälf­te in der EU und ein Vier­tel im rest­li­chen Eu­ro­pa.

Ge­ne­rell blei­ben die Mit­tel­ständ­ler glo­bal ori­en­tiert. Je­des drit­te mit­tel­stän­di­sche Un­ter­neh­men hat im ver­gan­ge­nen Jahr die Hälf­te des Um­sat­zes oder mehr im Aus­land er­wirt­schaf­tet. Knapp die Hälf­te (48 Pro­zent) der mit­tel­stän­di­schen Un­ter­neh­men mit Aus­lands­en­ga­ge­ment wol­len ih­re Aus­lands­ak­ti­vi­tä­ten in den kom­men drei bis fünf Jah­ren in ähn­li­chem Um­fang bei­be­hal­ten. Et­was mehr als die Hälf­te (51Pro­zent) will das in­ter­na­tio­na­le En­ga­ge­ment so­gar aus­bau­en.

Trotz al­ler Sor­gen um ei­ne zu­neh­men­de geo­po­li­ti­sche Un­sta­bi­li­tät, um Ab­schot­tungs­ten­den­zen und mög­li­che Fol­gen für den Welt­han­del sind 89 Pro­zent der Mit­tel­ständ­ler über­zeugt, dass deut­sche Un­ter­neh­men wei­ter­hin ins Aus­land ex­pan­die­ren wer­den; es wer­den sich le­dig­lich Ver­schie­bun­gen in den Märk­ten er­ge­ben.

„Das Den­ken in glo­ba­len Zu­sam­men­hän­gen ist im deut­schen Mit­tel­stand stark ver­wur­zelt“, stellt Uwe Berg­haus fest. „Es gibt kein Zu­rück.“

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