War­um be­kommt ein ver­letz­ter Räu­ber Schmer­zens­geld?

Ein be­waff­ne­ter Tank­stel­len­räu­ber be­kommt Schmer­zens­geld. Das Ur­teil in die­sem Fall aus Mön­chen­glad­bach fin­den vie­le un­ver­ständ­lich– zu Recht?

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON SA­BI­NE KRICKE UND MI­LE­NA REI­MANN

Die­ser Schuss er­reg­te in ganz Deutsch­land Auf­se­hen: Ein 21-jäh­ri­ger Mann über­fiel im Ju­li 2012 ei­ne Tank­stel­le in Mön­chen­glad­bach – und das be­reits zum zwei­ten Mal. Dies­mal je­doch lau­er­te die Po­li­zei dem Mann auf. Als der Räu­ber ein Mes­ser zück­te, woll­ten ihn die Be­am­ten stel­len. Es fie­len Schüs­se, ei­ner traf den Räu­ber ins Ge­säß und ver­letz­te ei­nen Ho­den. Der muss­te an­schlie­ßend ope­ra­tiv ent­fernt wer­den.

An­ders als in Ame­ri­ka und ei­ni­gen eu­ro­päi­schen Län­dern gibt es in Deutsch­land stren­ge Ge­set­ze, wann ein Po­li­zist zur Schuss­waf­fe grei­fen darf. Laut dem Düs­sel­dor­fer Fach­an­walt für Straf­recht, Udo Vetter, ist dies nur dann der Fall, wenn der Be­am­te oder Drit­te an­ge­grif­fen wer­den und kei­ne an­de­ren Maß­nah­men mehr mög­lich sind.

„Die Schuss­waf­fe ist im­mer das letz­te Mit­tel“, sagt An­walt Vetter im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Da­bei sieht es das Ge­setz vor, dass der Be­am­te nach Mög­lich­keit im­mer erst den Schuss an­droht und an­schlie­ßend ei­nen Warn­schuss ab­gibt. Hier kann es dann laut Vetter zu ei­nem Pro­blem kom­men: „Die sub­jek­ti­ve Ein­schät­zung des Be­am­ten wäh­rend des Ein­sat­zes kann ei­ne an­de­re sein als die des Ge­richts.“Da­bei dür­fe der Schuss, der auf den Tä­ter ab­ge­ge­ben wird, im­mer nur da­zu die­nen, ihn an­griffs­un­fä­hig zu ma­chen.

Der Mön­chen­glad­ba­cher Tank­stel­len­räu­ber hat­te 10.000 Eu­ro Schmer­zens­geld ver­langt – für den Schuss in sein Ge­säß und die Schmer­zen durch die Ab­nah­me des Ho­dens. Da der Po­li­zist wäh­rend der Tat im Ein­satz war, haf­tet der Ar­beit­ge­ber, al­so das Land NRW. Am Mitt­woch ei­nig­ten sich die Par­tei­en bei Ge­richt auf ei­ne Zah­lung von 2500 Eu­ro.

Im­mer wie­der kommt es laut Vetter vor, dass mut­maß­li­che Straf­tä­ter Schmer­zens­geld­an­sprü­che ge­gen Be­am­te er­he­ben. „Da­bei sind sie vom Ge­setz genau­so ge­schützt wie al­le an­de­ren Men­schen“, sagt der Düs­sel­dor­fer An­walt. Bei­spiels­wei­se dür­fe man ei­nem Bank­räu­ber auf der Flucht nicht ein­fach in den Rü­cken schie­ßen – man müs­se auf die Bei­ne zie­len, um sei­ne Flucht zu ver­hin­dern. „Und selbst dann muss vor­her ge­prüft wer­den, ob man den Räu­ber nicht an­ders stel­len kann. Der Straf­tä­ter ist kein Mensch zwei­ter Klas­se.“Vor Ge­richt wer­de dann in strit­ti­gen Fäl­len die so­ge­nann­te Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ge­prüft. Im ak­tu­el­len „Ho­den­schuss-Fall“al­ler­dings kam es bei Ge­richt erst gar nicht zu ei­ner Be­weis­auf­nah­me: Die Par­tei­en hat­ten sich be­reits ge­ei­nigt.

Schmer­zens­geld­zah­lun­gen für Straf­tä­ter sind sel­ten, kom­men aber durch­aus vor. So be­kam 2002 ein Mann 100.000 Eu­ro Schmer­zens­geld, weil Be­am­te der Po­li­zei ihn in den Wür­ge­griff ge­nom­men und sich auf sei­nen Rü­cken ge­kniet hat­ten. Da­durch er­litt der Mann ei­ne Qu­er­schnitts­läh­mung. Zu­vor soll er Frau­en in ei­ner Kn­ei­pe be­läs­tigt ha­ben. Das Land Nord­rhein-West­fa­len muss­te laut Ge­richts­ur­teil auch die Hälf­te der Fol­ge­kos­ten für Ver­dienst­aus­fäl­le und den Um­bau der Woh­nung des Man­nes zah­len.

10.000 Eu­ro be­kam ein Mann, der bei ei­ner De­mons­tra­ti­on 2009 in Berlin von Po­li­zis­ten ver­prü­gelt wor­den war. Er hat­te an der Da­ten­schutz-De­mons­tra­ti­on „Frei­heit statt Angst“teil­ge­nom­men und war von zwei Be­am­ten mit Faust­schlä­gen zu Bo­den ge­streckt wor­den. Er soll ei­nen Platz­ver­weis nicht be­folgt ha­ben. Han­dy­vi­de­os der Tat sorg­ten da­mals für Em­pö­rung. Erst 2012 kam es zu ei­nem Ver­gleich mit dem Land Berlin. Die Po­li­zis­ten muss­ten 6000 Eu­ro we­gen Kör­per­ver­let­zung im Amt zah­len, wie die taz be­rich­te­te.

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