Die hei­li­ge Jo­han­na der Vor­stadt

„Das un­be­kann­te Mäd­chen“ist der ers­te Kri­mi der Re­gie-Brü­der Dar­den­ne.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINO - VON GÜN­TER H. JEKUBZIK

Die zwei­fa­chen Can­nes-Sie­ger, die Brü­der Je­an-Pier­re und Luc Dar­den­ne, ha­ben ei­nen Kri­mi ge­dreht! Das ist fast sen­sa­tio­nell, wa­ren die Bel­gi­er doch be­rühmt für ih­re So­zi­al­dra­men, die ganz na­he dran blie­ben an ih­ren Prot­ago­nis­ten in ex­tre­men Le­bens­la­gen.

Nun al­so „Das un­be­kann­te Mäd­chen“: Der jun­gen Ärz­tin Jen­ny (Adè­le Ha­en­el) steht ei­ne er­folg­rei­che Kar­rie­re in ei­ner gut si­tu­ier­ten Pra­xis­ge­mein­schaft be­vor. Doch einst­wei­len setzt sie ih­re Ver­tre­tungs­ar­beit bei ei­nem al­ten Arzt in eher pre­kä­ren Ver­hält­nis­sen des Lüt­ti­cher Vo­r­or­tes Se­ra­ing fort. Sie küm­mert sich da­bei en­ga­giert um vie­le Pa­ti­en­ten und den zu­rück­hal­ten­den Prak­ti­kan­ten, den sie auch mal zu­sam­men­stau­chen muss. Am Abend nach En­de der Sprech­stun­de klärt sie ge­ra­de die Si­tua­ti­on mit dem Prak­ti­kan­ten und lässt ein Klin­geln an der Tür un­be­ant­wor­tet. Am nächs­ten Tag er­fährt sie von der Po­li­zei, dass ei­ne un­be­kann­te jun­ge Frau, die vor­her in der Pra­xis Schutz su­chen woll­te, tot auf­ge­fun­den wur­de. Ein Schock für Jen­ny. Wie in Tran­ce ver­sucht sie mehr zu er­fah­ren und im Vier­tel mit ei­nem Fo­to der To­ten her­aus­zu­be­kom­men, wer die Frau war.

„Ein gu­ter Arzt muss sei­ne Ge­füh­le im Griff ha­ben!“Das prägt „Dr. Jen­ny“an­fangs noch dem As­sis­ten­ten ein. Die be­lieb­te und au­ßer­ge­wöhn­lich gu­te Ärz­tin gibt sich al­ler­dings nur äu­ßer­lich rau. Ein Dan­kes­lied ei­nes jun­gen Krebs­pa­ti­en­ten rührt sie spä­ter zu Trä­nen. Ge­trie- ben von ih­rer in­ne­ren Not­wen­dig­keit, et­was mehr über die To­te her­aus­zu­fin­den, tritt sie mit gro­ßen Au­gen en­er­gisch bis rück­sichts­los vie­len Men­schen des Vier­tels ge­gen­über. Was durch­aus ge­fähr­lich sein kann, denn die de­tek­ti­vi­schen „Haus­be­su­che“füh­ren Jen­ny auch zum Be­sit­zer ei­ner il­le­ga­len Au­to­werk­statt und ein paar har­ten Ty­pen, die di­rekt ein Brech­ei­sen her­aus­ho­len.

Wie schon im vor­an­ge­gan­ge­nen Dar­den­ne-Film „Zwei Ta­ge, ei­ne Nacht“ist auch die­se Rei­se und Su­che ein Qu­er­schnitt durch die Ge­sell­schaft, und vor al­lem durch den we­ni­ger wohl­ha­ben­den Teil der Ge­sell­schaft. Jen­ny sorgt sich um il­le- ga­le Aus­län­der, bü­gelt ein kran­kes Sys­tem aus, wo der Gas­zäh­ler auf Vor­kas­se um­ge­stellt wird, bei je­man­dem, der mit von der Dia­be­tes ge­schwol­le­nen Fü­ßen nicht zum Auf­la­den der Pre­paid-Kar­te ge­hen kann. Aber die Men­schen kom­men auch zu ihr und beich­ten ih­ren Zu­sam­men­hang mit dem Mord, weil sie mit rei­nem Ge­wis­sen we­ni­ger Ma­gen­schmer­zen ha­ben.

„Das un­be­kann­te Mäd­chen“, ei­ne Ge­schich­ten zum Er­bar­men, ist auch we­gen des un­schul­di­gen Ge­sichts der Haupt­dar­stel­le­rin Adè­le Ha­en­el („Lie­be auf den ers­ten Schlag“2015, „Wa­ter Li­lies“2007) be­rüh­rend, un­auf­halt­sam und pa­ckend. Weil der Film für die Dar­den­nes enorm er­eig­nis­reich ist, war die Haupt­fi­gur in frü­he­ren Ent­wür­fen als Po­li­zis­tin an­ge­legt.

Mit dem in­stink­ti­ven hu­ma­nis­ti­schen Akt, ei­ner To­ten ei­nen Na­men zu ge­ben, än­dert Dr. Jen­ny nicht nur ihr ei­ge­nes Le­ben. Sie wird sich ent­schei­den, die Pra­xis im Pro­blem­vier­tel zu über­neh­men, in die nur Kas­sen­pa­ti­en­ten kom­men. Die schein­bar sinn- und aus­sichts­lo­se Su­che könn­te man als Tat ei­ner Hei­li­gen wer­ten, wä­ren die Ge­schich­ten der Dar­den­nes dann nicht doch so wohl­tu­end bo­den­stän­dig und na­he dran am ech­ten Le­ben. Das un­be­kann­te Mäd­chen, Bel­gi­en, Frank­reich, 2016 – Re­gie: Je­an-Pier­re Dar­den­ne, Luc Dar­den­ne mit Adè­le Ha­en­el, Oli­vier Gour­met, Jé­ré­mie Re­ni­er, 106 Min.

FO­TO:TEMPERCLAYFILM

Adè­le Ha­en­el als jun­ge Ärz­tin Jen­ny.

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