Ord­nung ist nur das hal­be Le­ben

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON FRANK VOLL­MER

Nein, Po­li­tik ist nichts für Pro­fes­sor Abel Cor­ne­li­us, die­se „ge­gen­wär­ti­ge Um­wäl­zung, ge­setz­los, un­zu­sam­men­hän­gend und frech“. Cor­ne­li­us ist His­to­ri­ker, und dem be­hagt „die Stim­mung des Zeit­lo­sen und Ewi­gen“weit mehr.

Das könn­ten pro­blem­los Ge­dan­ken von 2016 sein. Was Pro­fes­sor Cor­ne­li­us da an­ge­dich­tet wird, ist je­doch mehr als 90 Jah­re alt. Cor­ne­li­us ist die Haupt­fi­gur in Tho­mas Manns 1925 er­schie­ne­ner No­vel­le „Un­ord­nung und frü­hes Leid“, die in der In­fla­ti­ons­zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg in München spielt. Dem bra­ven Ge­schichts­pro­fes­sor ist die Ge­gen­wart zu­wi­der; die Un­ord­nung der Zeit­läuf­te macht ihm zu schaf­fen.

Ge­nau des­halb ist Abel Cor­ne­li­us un­ser Zeit­ge­nos­se. 2016 war ein Jahr ma­xi­ma­ler po­li­ti­scher Un­ord­nung. Die Bri­ten ha­ben über­ra­schend für den Aus­tritt aus der EU vo­tiert. Ita­li­ens Zu­kunft ist un­ge­wis­ser denn je, seit das Wahl­volk sei­nen Re­gie­rungs­chef Mat­teo Ren­zi aus dem Amt ge­stimmt hat. In Deutsch­land schickt sich zwar An­ge­la Mer­kel an, zur ewi­gen Kanz­le­rin zu wer­den und die gro­ße Ko­ali­ti­on in ei­nem Auf­wasch zur im­mer­wäh­ren­den Re­gie­rung zu ma­chen – zu­gleich aber pflügt die AfD die Land­schaft um. Ein En­de des Mor­dens im Na­hen Os­ten ist nicht ab­seh­bar; die Tür­kei rutscht nach dem Putsch­ver­such in be­ängs­ti­gen­dem Tem­po Rich­tung Au­to­kra­tie. Und, na­tür­lich: In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wird Do­nald Trump Prä­si­dent, ein po­li­ti­sches Erd­be­ben, des­sen Grö­ßen­ord­nung noch gar nicht ab­zu­se­hen ist.

Be­son­ders auf­fäl­lig hat wie­der ein­mal die CSU auf das To­hu­wa­bo­hu re­agiert. Das Grund­satz­pro­gramm, das sich die Christ­so­zia­len im No­vem­ber ge­ge­ben ha­ben, heißt „Die Ord­nung“. Viel ist dar­in von Prin­zi­pi­en die Re­de, „Recht und Ord­nung“, „glo­ba­len Sta­bi­li­täts­grund­la­gen“– al­les ir­gend­wie be­kannt. Am Schluss heißt es dann: „Wir ste­hen für ei­ne gu­te Ord­nung. Gu­te Ord­nung für ein gu­tes Le­ben.“Ord­nung ist das hal­be Le­ben, weiß der Volks­mund, und die CSU weiß es auch: gu­te Ord­nung oh­ne Ar­ti­kel, nicht als Ge­gen­satz ei­nes Sys­tems zu ei­nem an­de­ren, son­dern als Ge­gen­satz zum Cha­os.

Die CSU will Ord­nung schaf­fen. Man mag das als po­li­ti­schen Wasch­zwang be­lä­cheln, aber das grif­fe zu kurz. Der Ord­nungs­wunsch der CSU ist nicht re­ak­tio­när wie die na­tio­na­lis­ti­schen Auf­räum­fan­ta­si­en der AfD, er ist zu­tiefst bür­ger­lich. Pro­fes­sor Cor­ne­li­us wä­re heu­te auch in der CSU. Auf 47 Sei­ten 111 Mal „Ord­nung“zu sa­gen, hat zwar et­was Fe­ti­schis­ti­sches, eben­so wie die un­lo­gi­sche For­de­rung des CSU-Po­li­ti- kers Man­fred We­ber, staat­li­chen Kon­troll­ver­lust wie in der Flücht­lings­kri­se ge­setz­lich zu ver­bie­ten – die Rechts­nor­men gab es ja, sie wur­den nur nicht ein­ge­hal­ten. Man kann schlecht ins Ge­setz schrei­ben, dass Ge­set­ze doch auch bit­te wirk­lich zu gel­ten ha­ben. Ins­ge­samt aber zeigt die CSU mit ih­rem Ord­nungs­plä­doy­er mus­ter­gül­tig, was es heißt, kon­ser­va­tiv zu sein.

Der Staat hat Rechts­frie­den zu ge­währ­leis­ten und öf­fent­li­che Si­cher­heit. Das ist die ob­jek­ti­ve Di­men­si­on. Staat­li­che Ord­nung ist aber auch sub­jek­tiv: Sie pro­du­ziert ei­ne ei­ge­ne Art in­ne­rer Si- cher­heit – Ver­läss­lich­keit. Der Bür­ger (und zwar nicht nur der kon­ser­va­ti­ve) möch­te abends mit dem Ge­fühl ins Bett ge­hen, dass die öf­fent­li­chen Struk­tu­ren auch am nächs­ten Mor­gen in­takt sind.

Und doch ist Ord­nung tat­säch­lich nur das hal­be Le­ben. So­sehr sich in der Po­li­tik Par­tei­en und Re­gie­run­gen um ei­nen ge­ord­ne­ten Ablauf der Ge­scheh­nis­se be­mü­hen – manch­mal ist dann eben doch al­les ei­tel. Der Grund kann ein Bür­ger­krieg sein wie in Sy­ri­en, der die deut­sche Po­li­tik durch­ein­an­der­wir­belt; der Grund kann aber auch ei­ne Prä­si­dent­schafts­wahl in den USA sein, die ein ganz un­er­war­te­tes, ja für vie­le un­denk­ba­res Re­sul­tat bringt.

Die Wech­sel­be­zie­hung zwi­schen Ord­nung und Un­ord­nung ist hoch­dy­na­misch, erst recht in der glo­ba­li­sier­ten Welt. Das po­li­ti­sche Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik muss sei­ne Ord­nung an­ge­sichts der Um­wäl­zun­gen stets neu pro­du­zie­ren, um die Ten­denz zu Auf­lö­sung und Zer­fall im Griff zu be­hal­ten. Sel­ten wur­de das so schla­gend deut­lich wie 2016. Ord­nung ist da­bei – und da springt dann auch die CSU zu kurz, aber sie hat ja auch ein Pro­gramm ver- fasst und kei­ne so­zio­lo­gi­sche Dok­tor­ar­beit – al­ler­dings nicht bloß das Ge­gen­prin­zip zum Cha­os. Ord­nung und Un­ord­nung schlie­ßen sich nicht aus, son­dern er­gän­zen sich; (Ord­nungs-)Po­li­tik ist der Ver­such, das täg­li­che Cha­os zu bän­di­gen und es nutz­bar zu ma­chen.

Der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Andre­as An­ter spricht des­halb von der „Pa­ra­do­xie der Ord­nung“. Aus dem stän­di­gen Pro­zess „von Ord­nungs­bil­dung und Ord­nungs­zer­fall“zieht er zwei Kon­se­quen­zen. Ers­tens: Po­li­ti­sche Ge­mein­schaf­ten müs­sen „dau­ernd dar­um be­müht sein, das Be­wusst­sein der Not­wen­dig­keit ih­rer Exis­tenz wach­zu­hal­ten“. Das er­for­dert Ver­mitt­lung de­mo­kra­ti­scher Wer­te – po­li­ti­sche Bil­dung. Zwei­tens: Nur was fle­xi­bel ist, ist sta­bil. An­ter: „Ei­ne Ord­nung kann sich nur be­haup­ten, in­dem sie sich stets selbst er­neu­ert – und vor al­lem ein re­le­van­tes Po­ten­zi­al von Un­ord­nung ent­hält.“

Man kann Trumps Wahl zur glo­ba­len Ka­ta­stro­phe er­klä­ren. Man kann sie auch als Be­weis se­hen, wie vi­tal ei­ne De­mo­kra­tie ist, de­ren Wahl­volk mit die­sem rü­pel­haf­ten Par­ve­nü nun et­was tat­säch­lich völ­lig Neu­es aus­pro­biert. Die In­sti­tu­tio­nen der USA wer­den auch ei­nen Trump ver­dau­en. Man kann die Flücht­lings­kri­se zu Deutsch­lands Un­ter­gang sti­li­sie­ren. Die Köl­ner Sil­ves­ter­nacht und je­de neue Nach­richt über ei­nen jun­gen Sy­rer, der bei uns zum ISScher­gen wird, schei­nen den Schwarz­ma­lern recht zu ge­ben. Man kann all das aber auch als An­stoß ver­ste­hen, über un­se­re po­li­ti­sche Ord­nung nach­zu­den­ken, uns über wich­ti­ge Fra­gen des Zu­sam­men­le­bens neu oder über­haupt zu ver­stän­di­gen. Das Ver­hält­nis zum Is­lam ist zum Bei­spiel ei­ne.

Ab­so­lu­te Ord­nung ist nicht nur to­ta­li­tär, sie wä­re auch nicht zu­kunfts­fä­hig. Das rest­los Ge­ord­ne­te er­starrt. Das weiß üb­ri­gens, bei al­lem Lei­den an der Un­ord­nung, auch Abel Cor­ne­li­us: Die Lie­be zum Zeit­lo­sen, al­so zur Ge­schich­te statt zur Ge­gen­wart, ist die Lie­be zum Tod. „Das Ver­gan­ge­ne ist ver­ewigt, das heißt: Es ist tot“, das sieht der Pro­fes­sor ein, „heim­lich, wenn er al­lein im Dun­keln geht“. Aber er sieht es ein. Ein klu­ger Mann, die­ser Abel Cor­ne­li­us.

FOTO: DPA

Im Stil so­zia­lis­ti­scher Bru­der­kuss-Pro­pa­gan­da warb die­se Wand­zeich­nung in Bris­tol für den bri­ti­schen Ver­bleib in der EU – ver­geb­lich. Zu se­hen sind Do­nald Trump (l.) und der Br­ex­it-Be­für­wor­ter Bo­ris John­son, der heu­te bri­ti­scher Au­ßen­mi­nis­ter ist.

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