Al­les ste­hen und lie­gen las­sen – für ein Kind

Weih­nach­ten zeigt uns: Die Wir­kung die­ses Kin­des in der Krip­pe ist buch­stäb­lich ent­waff­nend. Das ist be­son­ders wich­tig in Zei­ten von Krieg, Ter­ror, Po­pu­lis­mus und Hass im In­ter­net.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - Der Köl­ner Erz­bi­schof Rai­ner Ma­ria Kar­di­nal Wo­el­ki schreibt hier an je­dem drit­ten Sams­tag im Mo­nat. Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rem Au­tor: ko­lum­ne@rheinische-post.de

Ein Kind ver­än­dert al­les. So hö­re ich es oft von El­tern. Ein Kind macht aus ei­nem Paar ei­ne Fa­mi­lie, es än­dert den Le­bens­rhyth­mus. Da­mit mei­ne ich nicht nur den Schlaf­man­gel oder die Sor­ge um das Kind, wenn es ein­mal krank ist. Ein Kind be­rührt uns im In­ners­ten. El­tern las­sen für ihr Kind im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes al­les ste­hen und lie­gen.

Sie kön­nen gar nicht an­ders, als ihm ih­re gan­ze Zu­nei­gung und Lie­be zu schen­ken. Sie ver­ges­sen oft al­les um sich und lä­cheln, so­bald sie ihr Kind an­schau­en. Bei al­lem, was El­tern mit ei­nem Neu­ge­bo­re­nen er­le­ben, schwingt die­ses Ge­fühl mit: Du bist ein Wun­der. Was für ein Glück, dass du auf der Welt bist!

Wenn wir Chris­ten Weih­nach­ten fei­ern, dann fei­ern wir die Ge­burt ei- nes Kin­des, über das wir uns durch al­le Zei­ten hin­durch be­son­ders freu­en: Je­sus Chris­tus. Als klei­nes wehr­lo­ses Bün­del liegt er in ei­ner Fut­ter­krip­pe. Wir Chris­ten glau­ben, dass Gott als Kind zu uns kommt, um der Welt ihr gött­li­ches Ge­sicht zu zei­gen: Men­sch­lich­keit. Wie je­des an­de­re Kind war auch Je­sus nach sei­ner Ge­burt an­ge­wie­sen auf die Zu­wen­dung und Lie­be sei­ner El­tern. Die­se Lie­be ist die Kraft Got­tes in uns Men­schen.

Wir hat­ten in die­sem Jahr häu­fig das Ge­fühl, die Welt sei aus den Fu­gen ge­ra­ten: der nicht en­den wol­len­de Krieg in Sy­ri­en, die Ter­ror­an­schlä­ge in Eu­ro­pa, das Elend vie­ler Flücht­lin­ge und der Auf­stieg rechts­po­pu­lis­ti­scher Pro­test­be­we­gun­gen, Auf­ru­fe zu Hass und Ge­walt in den so­zia­len Netz­wer­ken. Die Mensch- lich­keit, so hat es manch­mal den An­schein, steht am Ab­grund.

Weih­nach­ten sagt uns dann, dass wir nicht auf­ge­ben dür­fen und nicht auf­hö­ren sol­len, uns für ei­ne fried­vol­le­re Welt ein­zu­set­zen. Denn die Wir­kung die­ses Kin­des in der Krip­pe ist buch­stäb­lich ent­waff­nend. Es weckt in uns den Im­puls, Nä­he, Zu­wen­dung, be­din­gungs­lo­se Lie­be und Zeit für­ein­an­der zu­zu­las­sen und al­les ste­hen und lie­gen zu las­sen, was uns da­von ab­hält. Wo das ge­schieht, wird das Wun­der der Weih­nacht re­al – mit­ten in un­se­rem Le­ben und auf die­ser Welt.

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