Das Ge­schäft mit den Glimm­stän­geln

Wil­helm Grü­ne­wald hat 1926 in Wind­berg mit dem Zi­ga­ret­ten­han­del be­gon­nen. Sei­ne Söh­ne Heinz und Man­fred ha­ben die Fir­ma un­ter dem Na­men „to­bac­co­land“zum welt­weit größ­ten Händ­ler von Ta­bak­wa­ren ge­macht. 1999 ha­ben sie ver­kauft, auf dem Hö­he­punkt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON O. E. SCHÜTZ

Zwei Zi­ga­ril­los am Tag („ei­nen vor­mit­tags, ei­nen abends“) gönnt Man­fred Grü­ne­wald sich noch. An­sons­ten hat der 81-Jäh­ri­ge mit der Ma­te­rie, die sein Le­ben und das sei­nes Bru­ders Heinz jahr­zehn­te­lang be­stimmt hat, nichts mehr zu tun. Die bei­den ha­ben 1999 ge­nau den rich­ti­gen Zeit­punkt zum Aus­stieg aus dem ge­winn­träch­ti­gen Ta­bak-Groß­han­del beim Un­ter­neh­men „to­bac­co­land“mit Sitz in Neu­werk er­wischt: „Aus­tria Ta­bak hat­te uns ein ex­or­bi­tan­tes An­ge­bot ge­macht, das wir nicht ab­leh­nen konn­ten“, sagt Heinz Grü­ne­wald (87). Zwei, drei Jah­re spä­ter wur­de in Deutsch­land die An­ti-Rau­cherS­tim­mung („Kam­pa­gne“, so die Grü­ne­walds) im­mer stär­ker. Der Ta­bak­kon­sum sinkt, der Ge­sund­heit, viel­leicht auch des Prei­ses we­gen, seit­her be­stän­dig. „Der Staat aber kas­siert heu­te mit 14 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr im­mer noch un­ge­fähr so viel wie die 26 Mil­li­ar­den D-Mark zu un­se­rer Zeit“, sa­gen die Grü­ne­walds.

to­bac­co­land, das mit Fu­sio­nen und Zu­käu­fen im­mer wei­ter ex­pan­dier­te, von Ham­burg bis München, von Mön­chen­glad­bach bis Leip­zig, hat es so­gar ins Gui­ness-Buch der Re­kor­de ge­schafft: „Als welt­weit größ­ter Ta­bak­wa­ren-Groß­händ­ler.“6,3 Mil­li­ar­den D-Mark Um­satz im Jahr hat die Fir­ma ge­macht, als die Brü­der 1999 ih­re letz­ten An­tei­le an die ös­ter­rei­chi­sche Aus­tria Ta­bak ab­ga­ben, die 1990 be­reits 49 Pro­zent über­nom­men hat­te. Ta­bak­wa­ren wa­ren längst nicht mehr das ein­zi­ge An­ge­bot der Fir­ma, die 1998 mit Lek­ker­land fu­sio­nier­te: ei­nem Groß­han­dels­un­ter­neh­men für Le­bens­mit­tel, Ge­trän­ke, Ta­bak­wa­ren, Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on und NonFood. „Al­ter­na­ti­ve wä­re ein har­ter Wett­be­werb der bei­den Un­ter­neh­men“, sag­te Heinz Grü­ne­wald.

Mehr als 200.000 Zi­ga­ret­ten-Au­to­ma­ten hat­te to­bac­co­land in der Spit­ze, heu­te sind es noch 100.000 bei der An­fang 1999 ab­ge­teil­ten to­bac­co­land Au­to­ma­ten­ge­sell­schaft. Ein Groß­teil des Um­sat­zes hat­te sich ver­la­gert, die bei­den Un­ter­neh­mer aus Wind­berg hat­ten den Trend früh­zei­tig er­kannt: Im­mer mehr Zi­ga­ret­ten wur­den an Tank­stel­len ver­kauft. to­bac­co­land schloss ab Mit­te der 80er Jah­re bun­des­weit Ver­trä­ge mit den gro­ßen Mi­ne­ral­öl­kon­zer­nen. Die be­ka­men von to­bac­co­land nicht nur Zi­ga­ret­ten, son­dern auch Te­le­fon­kar­ten ge­lie­fert (nur die Deut­sche Post ver­kauf­te 1995 noch mehr da­von), spä­ter Mo­bil­funk-Pre­paid­kar­ten, Ta­schen­bü­cher und Kon­do­me.

Be­gon­nen hat die Er­folgs­ge­schich­te der Fa­mi­lie 1926 in Wind­berg an der Ecke Anna­kirch- und Be­be­ri­cher Stra­ße. Wil­helm Grü­ne­wald, Ver­tre­ter ei­ner nie­der­län­di­schen Zi­gar­ren-Fir­ma, wag­te den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit, er­öff­ne­te mit Un­ter­stüt­zung sei­ner Frau Fran­zis­ka ei­nen Groß­han­del mit Ta­bak­wa­ren. „Er brach­te sie per Fahr­rad zu den Kun­den, mei­ne Mut­ter war bald mit un­ter­wegs“, er­zählt Heinz Grü­ne­wald. 1939, als der Krieg aus­brach, hat­te die Fir­ma be­reits drei Au­to­mo­bi­le, mit de­nen sie in Glad­bach, Rhe­ydt und Um­ge­bung aus­lie­fer­te. Als es 1945 wie­der los­ging, brach­te auch der nun 16jäh­ri­ge Heinz die Wa­re zu den Kun­den – mit ei­nem Rad, das den Krieg

Am An­fang wur­de die Wa­re per Fahr­rad zu den Kun­den ge­bracht. Spä­ter gab es 6,3 Mil­li­ar­den Mark Um­satz.

über­stan­den und noch Voll­gum­mi­rei­fen hat­te. Heinz und sie­ben Jah­re spä­ter Man­fred mach­ten die Kauf­manns­leh­re, stie­gen ins Ge­schäft ein, bau­ten es im­mer wei­ter aus. Der Va­ter starb 1968. 1974 mach­te „Wil­helm Grü­ne­wald“100.000 Mark Um­satz, doch das Ge­schäft wur­de zu­neh­mend schwie­ri­ger, Heinz und Man­fred ent­schlos­sen sich zu ei- nem stra­te­gi­schen Schritt: der Fu­si­on mit dem Es­se­ner Groß­händ­ler J. A. Gie­sen (80.000 Mark Um­satz) und Fritz Hen­berg aus Bor­ken (zwi­schen dem Müns­ter­land und den Nie­der­lan­den, 60 Mil­lio­nen) zur to­bac­co­land-Groß­han­dels­ge­sell­schaft mbH & Co. KG mit Sitz in Mön­chen­glad­bach. Al­lei­ni­ge Ge­schäfts­füh­rer wa­ren Heinz und Man­fred Grü­ne­wald.

„Durch die Auf­he­bung der Preis­bin­dung im Groß­han­del, die Dis­kus­si­on über ei­ne kurz­fris­ti­ge wei­te­re Preis­an­he­bung und die an­hal­ten­de Kri­tik der An­ti-Rau­cher-Lob­by wa­ren Kal­ku­la­ti­ons­si­cher­heit und In­ves­ti­ti­ons­be­reit­schaft der Fach­groß­hand­lun­gen be­ein­träch­tigt, der Wett­be­werb schär­fer ge­wor­den. Dem muss­ten wir mit mehr Grö­ße und Markt­macht be­geg­nen“, er­läu­ter­ten die bei­den Brü­der. Ei­ne Ent­wick­lung, die sich über Jahr­zehn­te und mit dem Zu­sam­men­schluss von Bun­des­re­pu­blik und DDR fort­set­zen soll­te. to­bac­co­land deu­te­te die Zei­chen der Zeit, ex­pan­dier­te wei­ter und wur­de zum größ­ten Ta­bak­wa­ren-Groß­händ­ler (nicht nur) Deutsch­lands.

FOTOS: TOB IN­TERN (2), KN (5)

In Neu­werk an­ge­kom­men: Grü­ne­wald-Mit­ar­bei­ter 1972 vor dem dem neu­en Fir­men­ge­bäu­de Krah­nen­donk.

En­de 1998 ga­ben Heinz (rechts) und Man­fred Grü­ne­wald den Zu­sam­men­schluss mit „Lek­ker­land“be­kannt.

Die Grü­ne­walds heu­te (von links): Heinz, Kath­rin, Re­na­te und Man­fred.

Ecke Anna­kirch- und Be­be­ri­cher Stra­ße: Hier be­gann al­les.

Von Wind­berg aus Deutsch­land „er­obert“: Heinz und Man­fred (rechts).

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