Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Als der nick­te, gab er Li­li die Hand. „Jo­nas. Will­kom­men. Such dir ei­nen Schreib­tisch aus, au­ßer mei­nem sind noch al­le frei.“

Schon bei der ers­ten Be­spre­chung am glei­chen Nach­mit­tag be­kam Jo­nas ei­ne Ah­nung da­von, wie wert­voll Li­li für ihn war. Sie gin­gen zu­sam­men die Lis­te der Kan­di­da­ten für das Team durch. Bei je­dem Na­men wuss­te sie, ob und wo der­je­ni­ge ge­ra­de be­schäf­tigt war, und sie hat­te auch ei­ne de­zi­dier­te Mei­nung da­zu, wer ge­eig­net war, wer ins Team pass­te und wer mit wem nicht konn­te.

„Darf ich?“, frag­te sie, be­vor sie den ers­ten Na­men strich. Als Jo­nas nick­te, frag­te sie nicht mehr. Mun­ter strich sie die Lis­te zu­sam­men und füg­te neue Na­men hin­zu.

Als sie Rebstyn das Re­sul­tat ih­rer ers­ten Sit­zung zeig­ten, run­zel­te er die Stirn. „Kas­par Eil­mann ist ge­setzt.“

Eil­mann war der Pro­duk­ti­ons­lei­ter, den Rebstyn von An­fang an vor­ge­se­hen hat­te. Li­li hat­te ihn mit ih­rem ro­ten Ku­gel­schrei­ber schon beim ers­ten Durch­gang kom­men­tar­los ge­stri­chen.

Jeff deu­te­te auf die Stel­le und sah sie vor­wurfs­voll an.

„Eil­mann und ich, das geht nicht. Dann muss ich pas­sen.“

„Wer geht denn mit Li­li Eck?“, frag­te Rebstyn spöt­tisch.

Oh­ne nach­zu­den­ken, ant­wor­te­te Li­li: „Der Bes­te. An­dy Fast­ner.“

Rebstyn war über­rascht. „Ist der frei?“

Sie nick­te. „Wird frei. In ei­nem Mo­nat oder so. Bis da­hin kön­nen wir al­les so weit vor­be­rei­ten, dass An­dy voll los­le­gen kann.“

„Aber er ist teu­er.“– „Das Geld, das er mehr kos­tet, spart er zwei­mal ein.“– Der Pro­du­zent tat, als über­le­ge er. Dann nick­te er. „Sprich mit ihm.“„Schon pas­siert.“Li­lis größ­tes Ver­dienst aber war es, Tom Wipf zu ge­win­nen, Tom­my, wie ihn al­le nann­ten. Nir­gends auf der Kan­di­da­ten­lis­te der Re­gie­as­sis­ten­ten war sein Na­me zu fin­den ge­we­sen. Nicht, weil er kei­ner war – in der Bran­che war er so­gar ein klin­gen­der –, son­dern weil er seit Jah­ren in Ka­li­for­ni­en ar­bei­te­te und nicht für Schwei­zer Pro­duk­tio­nen in Fra­ge kam.

Aber Li­li ver­füg­te über In­si­der­infor­ma­tio­nen: Sei­ne Freun­din, ei­ne Schwei­zer Schau­spie­le­rin, die in Hol­ly­wood ihr Glück ver­sucht hat­te, war über­ra­schend für ei­ne Fern­seh­se­rie in der Schweiz be­setzt wor­den, und Tom­my woll­te sie nicht al­lei­ne ge­hen las­sen. Sie war fast fünf­zehn Jah­re jün­ger und Tom­my ein ei­fer­süch­ti­ger Mann.

Er sag­te so­fort zu und brach­te zur ers­ten Be­geg­nung mit Jo­nas be­reits den Ent­wurf ei­nes Dreh­plans mit, den er im Flug­zeug nach Zü­rich ge­macht hat­te.

Jo­nas ver­stand sich auf An­hieb mit ihm. Sie wa­ren et­wa gleich alt, lach­ten über die­sel­ben Din­ge, fan­den die­sel­ben Fil­me gut und die­sel­ben Stars. Und sie hat­ten die­sel­ben Vor­stel­lun­gen von Mon­te­cris­to.

Nun war Dil­lier wirk­lich ner­vös. Jo­nas Brand hat­te ihn zwar auch aus dem Kon­zept ge­bracht, als er plötz­lich mit den Dop­pel­zif­fe­run­gen raus­rück­te, aber Just hat­te die Sa­che rasch im Griff ge­habt.

Dies­mal war es erns­ter. Vor al­lem der Mann, der hin­ter der Sa­che stand, mach­te ihm Sor­gen. Ein gro­ßer Na­me im Wirt­schafts­jour­na­lis­mus: Max Gant­mann. Bis vor ei­ni­gen Jah­ren ein ver­trau­tes Ge­sicht in al­len Wohn­zim­mern.

Er hat­te gleich nach des­sen An­ruf Just an­ge­ru­fen und auf ein bal­di­ges Tref­fen ge­drängt. Am Te­le­fon woll­te er nichts sa­gen. Just hat­te ge­zö­gert, bis Dil­lier das in­ter­na­tio­na­le Not­si­gnal be­müh­te: May­day, May­day, May­day.

Sie hat­ten sich wie­der im Dra­chen­haus ver­ab­re­det, dem dis­kre­tes­ten Treff­punkt in sol­chen Si­tua­tio­nen. Dil­lier drück­te auf die un­be­schrif­te­te obers­te Klin­gel beim Sei­ten­ein­gang und wur­de so­fort ein­ge­las­sen. „Vier­te Eta­ge“, sag­te die Stim­me von Herrn Schwarz. Wo die Ka­me­ra ver­steckt war, mit der er ihn iden­ti­fi­zier­te, hat­te Dil­lier noch nicht her­aus­ge­fun­den.

Just er­war­te­te ihn nicht wie sonst im Her­ren­zim­mer. Der Raum, in den Herr Schwarz ihn führ­te, war ein mi­ni­ma­lis­tisch mit De­si­gner­mö­beln ein­ge­rich­te­ter Bü­ro­raum. Über ei­nen Flach­bild­schirm lie­fen Bör­sen­kur­se, auf ei­nem run­den Be­spre­chungs­tisch stan­den je zwei Mi­ne­ral­was­ser, mit und oh­ne, zwei Kap­sel­öff­ner, zwei Was­ser­glä­ser aus Kris­tall und zwei Schreib­un­ter­la­gen mit Pa­pier und Ku­gel­schrei­ber.

Herr Schwarz bot ihm den Platz mit Blick zum Fens­ter an. Dil­lier war klar, dass er dies auf An­wei­sung von Just tat, der das Licht im Rü­cken ha­ben woll­te.

Er ließ ihn zehn Mi­nu­ten war­ten, dann be­trat Just den Raum, schwung­voll, als be­fin­de er sich zwi­schen zwei wich­ti­gen Sit­zun­gen. Er kam mit aus­ge­streck­ter Hand auf ihn zu und er­reich­te Dil­lier, noch ehe er sich ganz vom Stuhl er­ho­ben hat­te. „Ver­zei­hen Sie, sech­zehn Uhr, da fan­gen die drü­ben an zu ar­bei­ten.“Mit „drü­ben“mein­te er New York.

Sie setz­ten sich, Just öff­ne­te ein Mi­ne­ral­was­ser und schenk­te sich ein. „Wo brennt’s?“

„Sagt Ih­nen der Na­me Max Gant­mann et­was?“

„Der ehe­ma­li­ge Wirt­schafts­ex­per­te des Staats­fern­se­hens? Gibt’s den noch?“

„Und ob. Der hat mich heu­te an­ge­ru­fen.“Dil­lier war­te­te, bis Just frag­te, wes­halb. Als die Fra­ge aus­blieb, fuhr er fort: „We­gen der Dop­pel­zif­fe­run­gen.“

„Ach, ich dach­te, die Sa­che sei er­le­digt. Hat sich nicht ei­ne der No­ten als Fäl­schung er­wie­sen?“

„Es ging ihm nicht um die­sen Geld­schein.“Wie­der war­te­te Dil­lier dar­auf, dass Just nach­hak­te.

Und dies­mal tat er es: „Wo­rum denn?“

Nach ei­ner Kunst­pau­se sag­te Dil­lier fei­er­lich: „Gant­mann woll­te wis­sen, ob es wahr sei, dass wir im Spät­som­mer letz­ten Jah­res grö­ße­re Men­gen Dop­pel­zif­fe­run­gen ge­druckt hät­ten.“Pau­se. „Und an die GCBS ge­lie­fert.“

Was Dil­lier wie ei­ne klei­ne Ewig­keit des Schwei­gens vor­kam, wa­ren wohl nicht mehr als ein paar Se­kun­den.

End­lich sag­te Just: „Wo­her hat er das?“

Frau Ga­bler ging nicht mehr viel aus dem Haus. Sie war vier­und­acht­zig und schlecht zu Fuß. Sie hat­te sich vor Jah­ren ei­ner Hüft­ope­ra­ti­on un­ter­zie­hen müs­sen, und seit­her war al­les schlim­mer ge­wor­den. Zu­erst woll­te die Wun­de nicht ver­hei­len. Der Arzt sag­te, das ha­be mit ih­rer Dia­be­tes zu tun und da­mit, dass sie rau­che. Da­bei war er über bei­des ge­nau in­for­miert ge­we­sen. Man muss­te ein zwei­tes und drit­tes Mal ope­rie­ren, sechs Wo­chen lag sie im Spi­tal.

Da­nach ka­men Kom­pli­ka­tio­nen.

(Fort­set­zung folgt) die wei­te­ren

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