„Es ist Nacht in

Kurz nach 20 Uhr am Mon­tag­abend rast ein Lkw in die fest­lich ge­schmück­ten Bu­den auf dem Breit­scheid­platz in Ber­lin. Die Tat hin­ter­lässt Ent­set­zen, Schock und Trau­er. Ein­drü­cke aus ei­ner tief ge­trof­fe­nen Stadt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - ANSCHLAG IN BERLIN -

Am Mor­gen da­nach ist es auf­fal­lend ru­hig. Men­schen ge­hen zur Ar­beit, an­de­re trin­ken an ei­nem Bä­cker­stand ei­nen Kaf­fee. Die Ab­sper­run­gen der Po­li­zei rund um den Ber­li­ner Breit­scheid­platz be­schrän­ken sich auf den di­rekt be­trof­fe­nen Be­reich des Weih­nachts­markts. Al­le an­de­ren Gän­ge sind für Pas­san­ten ge­öff­net, die Bu­den hin­ge­gen blei­ben wie auf al­len an­de­ren Märk­ten Ber­lins ge­schlos­sen. Ei­ne Sicht­ach­se auf die Schnei­se der Zer­stö­rung ist um die­se Uhr­zeit noch frei. Sie lässt er­ah­nen, mit wel­cher Wucht der Sat­tel­schlep­per in et­wa 100 Me­ter Ent­fer­nung in die Bret­ter­bu­den krach­te. Zwölf Men­schen sind hier ge­stor­ben. Ein Seel­sor­ger mit li­la­far­be­ner Warn­wes­te über­quert den Breit­scheid­platz, er geht hin­über zur Ge­dächt­nis­kir­che. Dort hält sich Axel Kai­ser an ei­nem Ab­sperr­git­ter der Po­li­zei fest. Et­wa 20 Me­ter da­hin­ter steht sei­ne ge­räu­mi­ge Weih­nachts­markt­hüt­te, in der sich am Mon­tag­abend 120 Men­schen zur Weih­nachts­fei­er ge­trof­fen hat­ten. Di­rekt da­ne­ben, we­ni­ge St­ein­stu­fen tie­fer, ras­te der Lkw durch die Men­ge. „Ich ha­be ei­nen Knall ge­hört und dach­te erst an ei­ne ex­plo­dier­te Gas­fla­sche“, sagt Kai­ser. Er wirkt ge­fasst, spricht lei­se. Seit 23 Jah­ren mie­tet er den Stell­platz. „Aber dann schau­te ich nach un­ten und sah, dass die Bu­de ei­ner Freun­din ein­fach nicht mehr da war. Sie hat­te frei, aber ih­re Mit­ar­bei­te­rin krab­bel­te aus den Trüm­mern her­aus“, sagt der 61-Jäh­ri­ge. Am Mon­tag­abend trin­ken die Men­schen fröhlich Glüh­wein, als das Grau­en über sie her­ein­bricht. Ge­gen 20 Uhr rast der dunk­le Last­wa­gen über den Bür­ger­steig, di­rekt in den Markt hin­ein. Auf ei­ner Stre­cke von 50 bis 80 Me­tern wer­den Men­schen über­rollt, Bu­den ein­ge­drückt, Markt­stän­de zer­stört. Übe­r­all liegt zer­fetz­te Weih­nachts­de­ko­ra­ti­on zwi­schen den Trüm­mern. In den ers­ten Mo­men­ten herrscht Ver­wir­rung. „Vor­sicht, er hat ei­ne Waf­fe“, ha­be je­mand ge­ru­fen, be­rich­tet der „Süd­ku­rier“un­ter Be­ru­fung auf ei­nen Au­gen­zeu­gen – of­fen­bar war das als War­nung vor dem Lkw-Fah­rer ge­meint. Frau­en hät­ten zu wei­nen be­gon­nen, ein Mann sei in Ohn­macht ge­fal­len. Von an­de­rer Sei­te sei die War­nung „Bom­be, Bom­be“ge­kom­men. Da­zu passt, dass meh­re­re Zeu­gen von ei­nem lau­ten Knall be­rich­ten. Auch die En­g­län­de­rin Em­ma Rush­ton hört ihn – sie er­zählt dem US-Sen­der CNN: „Zu un­se­rer lin­ken Sei­te sa­hen wir, dass Weih­nachts­be­leuch­tung her­un­ter­ge­ris­sen wur­de.“In die­sem Mo­ment ha­be sie auch schon den Last­wa­gen ge­se­hen, der durch die Men­schen­men­ge ras­te. Dass es sich um ei­ne vor­sätz­li­che Tat han­delt, ist auch ei­nem äl­te­ren Pas­san­ten so­fort klar, der sieht, wie die Lich­ter des Las­ters aus­ge­schal­tet wer­den, als der sich dem Weih­nachts­markt nä­her­te. „Dann hör­te ich die­sen lau­ten Knall und hys­te­ri­sche Schreie.“ Un­mit­tel­bar nach dem An­schlag, sagt ein Pas­sant dem „Stern“, ha­be da­ge­gen „ge­spens­ti­sche Stil­le“ge­herrscht, be­vor die Ret­tungs­kräf­te ein­tra­fen. Die Men­schen hät­ten mit ver­stei­ner­ten Ge­sich­tern „wie Zom­bies“da­ge­stan­den. Auf Vi­de­os ist zu se­hen, wie Men­schen auf dem Bo­den lie­gen, an­de­re Be­su­cher ver­stört um­her­ir­ren oder per Han­dy ver­su­chen, An­ge­hö­ri­ge zu be­nach­rich­ti­gen. We­nig spä­ter ist ein Groß­auf­ge­bot von Po­li­zei und Kran­ken­wa­gen am Tat­ort. Im­mer wie­der tra­gen Sa­ni­tä­ter mit Infu­si­ons­fla­schen Schwer­ver­letz­te in die Ret­tungs­wa­gen. An­de­re Op­fer wer­den in ei­nem wei­ßen Zelt na­he der Ge­dächt­nis­kir­che be­han­delt. „Der Lkw ist hier mit gro­ßer Ge­schwin­dig­keit durch­ge­fah­ren“, er­zählt ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Weih­nachts­markts der „Ber­li­ner Zei­tung“. „Die Leu­te rann­ten weg und sind zu Bo­den ge­stürzt. Ich ha­be noch ei­nen Schwer­ver­letz­ten un­ter dem Lkw her­vor­ge­zo­gen“, sagt die scho­ckier­te Frau. „Dann ha­be ich sie ge­se­hen: die To­ten und Schwer­ver­letz­ten, die in ih­rem Blut la­gen.“ Auch Ha­vel, ein Sy­rer aus Alep­po, der in Bran­den­burg lebt und nach ei­ge­nen An­ga­ben beim Ro­ten Halb­mond ge­ar­bei­tet hat, leis­tet Ers­te Hil­fe. „Es war schreck­lich“, sagt er. Rund zwei Dut­zend Men­schen hät­ten auf dem Bo­den ge­le­gen, vie­le mit Kopf­ver­let­zun­gen. Am Rand des Weih­nachts­markts steht ei­ne tür­ki­sche Ärz­tin, sie trägt noch me­di­zi­ni­sche Hand­schu­he. Sie ha­be ei­ne St­un­de lang ge­hol­fen und ver­sucht, Op­fer zu re­ani­mie­ren, sagt sie. Ein Mensch sei trotz­dem ge­stor­ben. Au­ßer­dem ha­be sie meh­re­re ab­ge­trenn­te Glied­ma­ßen ge­se­hen. Schnell kom­men Fra­gen auf, wie das pas­sie­ren konn­te. „Es wirk­te so wie in Niz­za“, sagt der Au­gen­zeu­ge Mi­ke Fox, ein Tou­rist aus Bir­ming­ham in En­g­land. Dort war am 14. Ju­li ein Mann mit ei­nem Last­wa­gen über die Strand­pro­me­na­de ge­rast und hat­te 86 Men­schen ge­tö­tet, die sich zum fran­zö­si­schen Na­tio­nal­fei­er­tag ver­sam­melt hat­ten. „Des­halb gibt es in Bir­ming­ham Bar­rie­ren, die so et­was ver­hin­dern sol­len“, sagt Fox. „Hier war ich auf ver­schie­de­nen Märk­ten und ha­be sol­che Bar­rie­ren nir­gends ge­se­hen.“ Nach dem An­schlag tun vie­le Men­schen ih­re Be­trof­fen­heit in den so­zia­len Me­di­en kund. An die­sem Tag ist je­der ein Ber­li­ner – Schrift­zü­ge des ent­spre­chen­den Ken­ne­dy-Zi­tats ver­brei­ten sich bei Face­book und Twit­ter. Un­ter dem Hash­tag „Ber­lin Attack“oder schlicht „Ber­lin“schrei­ben Men­schen, wie be- und ge­trof­fen sie sich füh­len. „Pray For Ber­lin“ist ein wei­te­rer viel­ge­nutz­ter Hash­tag: „Be­tet für Ber­lin“. An­de­re Nut­zer be­rich­ten vom Wi­der­stands­geist, der sich in ih­nen breit­ma­che: „Ich möch­te nicht al­lein, trau­rig und ver­ängs­tigt zu Hau­se sit­zen“, schreibt ei­ne Nut­ze­rin. Ei­ne an­de­re kom­men­tiert: „Hof­fent­lich lebt die Fa­mi­lie noch, von de­nen ich ges­tern den Glüh­wein ge­kauft ha­be.“ Noch am Abend pos­tet der SPD-Lo­kal­po­li­ti­ker Mat­thi­as Traub ei­nen Ein­trag bei Face­book und Twit­ter: Er sei ge­ra­de mit dem Ta­xi nach Hau­se ge­fah­ren. Der Fah­rer sei vor 27 Jah­ren aus der Tür­kei nach Ber­lin ge­kom­men. „Sei­ne Toch­ter woll­te heu­te mit ihm zum Breit­scheid­platz, hat aber dar­auf ver­zich­tet, weil sie noch Schul­ar­bei­ten zu er­le­di­gen hat­te.“Der Fah­rer ha­be ihm ge­sagt, er be­te da­für, dass die Tat kein An­schlag sei, kei­nen re­li­giö­sen Hin­ter­grund ha­be. „Und er hat mir ge­sagt, dass er Angst hat, vor mor­gen.“Sein Bei­trag wird bis zum Abend fast 600 Mal ge­teilt. Mehr als 200 Mal ver­brei­tet wird aber auch der Bei­trag des Ös­ter­rei­chers Mar­tin Sell­ner, der nach ei­ge­nen An­ga­ben „Co-Lei­ter der Iden­ti­tä­ren Be­we­gung“ist. Die rechts­ra­di­ka­le Grup­pie­rung wird vom Ver­fas­sungs­schutz be­ob­ach­tet. Sell­ner pos­tet ein Bild, das die Kanz­le­rin mit Blut an den Hän­den zeigt, da­zu ei­nen Satz: „Mer­kel, wir wis­sen, was du letz­ten Som­mer ge­tan hast.“ Am Mor­gen steht der de­mo­lier­te Sat­tel- Der Lkw nä­hert sich dem Weih­nachts­markt. Nach ca. 50 Me­ter Fahrt kommt der Sat­tel­zug auf der Bu­da­pes­ter Stra­ße zum Ste­hen, der Fah­rer flüch­tet zu Fuß. schlep­per ver­kan­tet da. Die Wind­schutz­schei­be ist zer­stört, die Front­par­tie ver­beult. Die blin­ken­den Leuch­ten des Ab­schlepp­wa­gens mi­schen sich mit der bun­ten Weih­nachts­be­leuch­tung. Ge­gen 9.30 Uhr wird die Zug­ma­schi­ne zur wei­te­ren Spu­ren­si­che­rung ab­ge­schleppt, ei­ne knap­pe St­un­de spä­ter auch der An­hän­ger; Po­li­zei­fahr­zeu­ge be­glei­ten das Ge­spann. Sei­ne Pla­ne ha­ben die Po­li­zis­ten an der lin­ken Sei­te noch am Mon­tag­abend auf­ge­schlitzt, um ei­nen Blick ins In­ne­re zu wer­fen. Auf der rech­ten vor­de­ren Sei­te klafft ein Loch, das wahr­schein­lich Trüm­mer­tei­le von Weih­nachts­markt­bu­den in die Pla­ne ris­sen. Vie­le Men­schen, die zur Kai­ser-Wil­helm-Ge­dächt­nis­kir­che kom­men, müs- sen das Er­leb­te erst ver­ar­bei­ten. Im­mer wie­der fan­gen Leu­te in der Kir­che an zu wei­nen. Die Kir­che mit dem zer­stör­ten Turm ist ein Frie­dens­sym­bol, ein Mahn­mal ge­gen Krieg. Nun ist ihr Vor­platz zum Tat­ort ge­wor­den. Die Men­schen le­gen drau­ßen vor der Kir­che Blu­men ab oder stel­len Gr­ab­lam­pen auf; drin­nen sit­zen sie in dem mo­der­nen Bau mit den blau ver­glas­ten Wa­ben. Am Al­tar ent­zün­den Trau­ern­de Ker­zen, zwei Kon­do­lenz­bü­cher lie­gen aus. Am spä­ten Vor­mit­tag ste­hen Men­schen bis zum Ein­gang Schlan­ge, um ih­rer An­teil­nah­me und ih­ren Ge­füh­len Aus­druck zu ver­lei­hen. Auf Schil­dern, die an ei­nem Mast über Blu­men und Ker­zen hän­gen, steht „Das Herz Ber­lins ge­trof­fen“und „War­um?“.

FOTO: DPA

Der Tat­ort an der Kai­ser-Wil­helm-Ge­dächt­nis­kir­che.

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Die Ret­tungs­kräf­te wa­ren rund um den Weih­nachts­markt im Groß­ein­satz.

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