Wir al­le sind in der Pflicht

Rheinische Post Moenchengladbach - - ANSCHLAG IN BERLIN - VON FRANK VOLLMER

Na­tür­lich wer­den wir jetzt, nach Ber­lin, ei­ne neue Si­cher­heits­de­bat­te füh­ren. Das ist auch gut so, denn ein Staat, und sei er noch so li­be­ral, muss die Si­cher­heit sei­ner Bür­ger ge­währ­leis­ten, so gut es geht. Das heißt nicht, dass ein An­schlag au­to­ma­tisch ein Staats­ver­sa­gen ist – zu zahl­reich sind die po­ten­zi­el­len Zie­le, nicht nur im Ad­vent. Wir dür­fen uns un­se­re Freu­de an und in der Öf­fent­lich­keit nicht neh­men las­sen, aber wir müs­sen dar­über nach­den­ken, auf wel­che Wei­se wir Ta­ten wie am Breit­scheid­platz zu­min­dest er­schwe­ren wol­len. War­um nicht Fes­tor­te mit ver­senk­ba­ren Pol­lern ab­schir­men, war­um nicht Weih­nachts­märk­te mit Be­ton-Ele­men­ten wie auf der Au­to­bahn schüt­zen?

Si­cher, das kos­tet. Vi­el­leicht wird dann nächs­tes Jahr der Glüh­wein teu­rer. Vor­keh­run­gen die­ser Art wä­ren aber ins­ge­samt er­träg­lich, sie wä­ren leist­bar; vor al­lem aber könn­ten sie Le­ben ret­ten. Wem das nicht reicht, der muss auch über Stra­ßen­sper­run­gen im Um­kreis von Groß­ver­an­stal­tun­gen nach­den­ken. Das greift schon deut­lich tie­fer ins Zu­sam­men­le­ben ein – in Ber­lin gibt es Weih­nachts­märk­te an 60 Stel­len, und auch in der rest­li­chen Zeit des Jah­res fin­den in un­se­ren Groß­städ­ten prak­tisch oh­ne Un­ter­bre­chung ver­wund­ba­re Mas­sen­ver­an­stal­tun­gen statt.

All das ist so­zu­sa­gen die tech­ni­sche Sei­te der Si­cher­heits­de­bat­te. Das Pro­blem reicht aber tie­fer. Si­cher­heit ist nicht nur ei­ne Auf­ga­be der Be­hör­den, sie ist auch ein ge­sell­schaft­li­ches Pro­dukt. Un­si­cher kön­nen wir auch sein, wenn ein Dut­zend Po­li­zis­ten mit Sturm­ge­wehr ne­ben uns auf dem Weih­nachts­markt pa­trouil­liert – weil wir uns eben un­si­cher füh­len. Doch in­ne­re Un­si­cher­heit be­deu­tet Un­frei­heit, sie lähmt uns, eben­so wie die äu­ße­re Un­si­cher­heit durch man­geln­den Schutz.

Der Staat ist al­so in der Pflicht. Wir Bür­ger aber sind es auch, je­den Tag. Ver­schan­zen wir uns nicht im Wohn­zim­mer. Un­se­re Le­bens­art speist sich aus der Ge­mein­schaft. Ver­tei­di­gen wir sie. BERICHT

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