Neus­ser An­schlags­op­fer bangt um sei­ne Mut­ter

Rheinische Post Moenchengladbach - - ANSCHLAG IN BERLIN - VON CHRISTOPH KLEINAU

NEUSS/BER­LIN Die Rei­se nach Ber­lin war ein Ge­schenk für die Mut­ter, doch sie wur­de zum Hor­ror­trip. „Wir rech­nen mit dem Schlimms­ten“, sagt ein 40-jäh­ri­ger Neus­ser, der zu den Op­fern des Ber­li­ner An­schlags ge­hört und schwer ver­letzt in ei­nem Kran­ken­haus der Haupt­stadt be­han­delt wird. Auch 24 St­un­den nach dem An­schlag auf den Weih­nachts­markt war es ihm und sei­nem nach Ber­lin ge­eil­ten Va­ter nicht mög­lich, Ge­wiss­heit über das Schick­sal der Mut­ter be­zie­hungs­wei­se Ehe­frau zu ge­win­nen. „Aber ich ha­be ja ge­se­hen, was mit ihr pas­siert ist“, sagt der Sohn.

Da­bei ist es für Mut­ter und Sohn schon ei­ne schö­ne Tra­di­ti­on: Kurz vor Weih­nach­ten geht es nach Ber­lin. Ge­schich­te schnup­pern, Mu­se­en be­su­chen. Die Rei­se in die­sem Jahr war die drit­te, die der Sohn sei­ner Mut­ter schenk­te – und sie hät­te ges­tern mit der Rück­rei­se en­den sol­len. „Wir woll­ten auf dem Weih­nachts­markt noch ei­nen Ab­sa­cker trin­ken“, be­rich­tet er; des­halb mach­ten es sich bei­de am Mon­tag in ei­ner Glüh­wein­bu­de ge­müt­lich.

Was dann pas­sier­te, sa­hen bei­de nicht – aber sie hör­ten es. „Es klang wie das lei­se Knal­len von Feu­er­werks­kör­pern, das schnell nä­her­kam“, er­in­nert sich der Neus­ser. Dann sei der Last­wa­gen des At­ten- tä­ters re­gel­recht durch die Glüh­wein­bu­de hin­durch­ge­rast. Der 40Jäh­ri­ge wur­de von dem Last­wa­gen er­fasst und, wie er sich er­in­nert, „kom­plett durch die Bu­de ge­drückt“. Aber er hat­te Glück. Er er­litt zwar meh­re­re Be­cken­brü­che, über­stand den An­schlag aber an­sons­ten un­ver­sehrt. „Das wird schon wie­der. Ich ha­be ein­fach Schwein ge­habt.“

Der da­heim ge­blie­be­ne Va­ter hat­te sich rasch be­müht, mit­hil­fe der Po­li­zei das Schick­sal von Frau und Sohn zu klä­ren. Nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on hat­ten sich be­reits am Mon­tag­abend, kei­ne zwei St­un­den nach dem An­schlag, An­ge­hö­ri­ge bei der Po­li­zei ge­mel­det. Land­rat Hans-Jür­gen Pe­t­rausch­ke als Chef der Kreis­po­li­zei be­stä­tig­te ges­tern, dass mit Be­zug auf die To­des­fahrt ei­ne Ver­miss­ten­an­zei­ge ein­ge­gan­gen sei. Dar­über ha­be man das Bun­des­kri­mi­nal­amt in­for­miert. Die Neus­ser Po­li­zei hel­fe nun bei der Iden­ti­fi­zie­rung, die Klar­heit brin­gen müs­se.

Aus Sicht der Be­trof­fe­nen geht das al­les viel zu lang­sam. „In Un­ge­wiss­heit dar­über, wie es der Mut­ter geht“, so der Sohn, ha­be sich der Va­ter eben­so an die Po­li­zei in Neuss ge­wandt wie an die Ber­li­ner Be­hör­den – oh­ne Er­geb­nis. „Wir ha­ben so­gar die ex­tra ein­ge­rich­te­te An­ge­hö­ri­gen-Hot­li­ne an­ge­ru­fen“, sagt der 40-Jäh­ri­ge. „Aber wir war­ten noch im­mer auf Ant­wor­ten.“

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.