„Die ak­tu­el­len Ge­set­ze rei­chen nicht“

Der Chef der In­nen­mi­nis­ter­kon­fe­renz kün­digt be­son­de­ren Schutz für Weih­nachts­märk­te und wei­te­re Ge­set­zes­ver­schär­fun­gen an.

Rheinische Post Moenchengladbach - - ANSCHLAG IN BERLIN - GRE­GOR MAYNTZ FÜHR­TE DAS INTERVIEW.

Wel­che Kon­se­quen­zen fol­gen aus dem Ter­ror­an­schlag? BOUILLON Wir wer­den die Prä­senz bei den Weih­nachts­märk­ten noch­mals auf­sto­cken. Wir wer­den die Po­li­zis­ten mit Ma­schi­nen­pis­to­len aus­stat­ten und die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten vor Ort ab­klä­ren, wie wir die Zu­gangs­we­ge ver­sper­ren kön­nen. Das gin­ge et­wa mit Be­ton­klöt­zen. Das müs­sen jetzt die Bür­ger­meis­ter über die Si­cher­heits­kon­zep­te mit den Ver­an­stal­tern ma­chen. An den Haupt­ein­gän­gen wer­den wir auch die Strei­fen­wa­gen quer­stel­len, um deut­lich zu zei­gen: Hier steht der Staat. Hät­te man das in Ber­lin auch schon ma­chen sol­len? BOUILLON Im Nach­hin­ein ist das im­mer ein­fach zu sa­gen. Ber­lin hat 65 Märk­te. Zu­künf­tig wird man das si- cher­lich zu be­ach­ten ha­ben. In der Pra­xis ist das nicht im­mer so leicht zu rea­li­sie­ren. Kann man noch un­be­schwert auf Weih­nachts­märk­te ge­hen? BOUILLON Wir müs­sen al­le das ge­sell­schaft­li­che Le­ben wei­ter­füh­ren. Na­tür­lich wer­den man­che auch ein un­gu­tes Ge­fühl ha­ben. Das ist ja nicht nur beim Weih­nachts­markt so. Wenn wir uns die zu­rück­lie­gen­den Ter­ror­zie­le an­schau­en: Mal ist es ein Zug, mal ei­ne S-Bahn, mal ei­ne U-Bahn, mal ein Bahn­hof, mal ein Flug­ha­fen. Im Grun­de sind wir al­le in ei­ner Ge­fähr­dungs­si­tua­ti­on in Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Ter­ro­ris­ten. Dar­auf müs­sen wir uns lei­der Got­tes ein­stel­len. Muss bei der Auf­klä­rung po­ten­zi­el­ler Tä­ter nach­ge­ar­bei­tet wer­den? BOUILLON Die Speer­spit­ze un­se­res Staa­tes sind zur Zeit die Nach­rich­ten­diens­te und der Ver­fas­sungs­schutz. De­ren Mit­ar­bei­ter hat man in Deutsch­land jah­re­lang ver­teu­felt. Aber oh­ne In­for­ma­tio­nen tap­pen wir im Dun­keln. Wir ha­ben rund 500 Ge­fähr­der auf dem Schirm. Wenn wir ehr­lich sind, wis­sen wir nicht, ob es mehr sind. Müs­sen sich die Be­hör­den al­le Flücht­lin­ge jetzt noch mal an­schau­en? BOUILLON Nicht al­le. Wir ha­ben hier im Saar­land vie­le Sy­rer. Bei ih­nen liegt die An­er­ken­nungs­quo­te über 95 Pro­zent. Die ha­ben Pa­pie­re vor­ge­legt, sind mit Kin­dern hier, ha­ben ei­ne Ar­beit, die muss man nicht al­le noch ein­mal über­prü­fen. Aber dort, wo An­halts­punk­te be­ste­hen, ha­ben die Län­der mit der Über­prü­fung be- reits be­gon­nen. Be­son­ders dort, wo es Hin­wei­se aus der Be­völ­ke­rung, aus den La­gern, von den Nach­rich­ten­diens­ten gibt. Es gibt bun­des­weit zahl­rei­che Flücht­lin­ge, von de­nen wir nicht wis­sen, wo sie her­kom­men und wie sie hei­ßen. Ge­nau hier wird jetzt nach­ge­prüft. Die Iden­ti­tät ist oft ge­fälscht, die Päs­se sind ver­schwun­den, und dann wei­gern sie sich auch noch, an der Über­prü­fung mit­zu­wir­ken. Da brau­chen wir si­cher­lich noch Ge­set­zes­än­de­run­gen. Mit wel­chem Ziel? BOUILLON Wer hier ei­nen Asyl­an­trag stellt und an sei­ner Iden­ti­täts­fest­stel­lung nicht mit­wirkt, muss sei­nen An­spruch auf Asyl ver­lie­ren. Das müs­sen wir klar­stel­len, und da­zu wer­de ich im Ja­nu­ar Vor­schlä­ge

un­ter­brei­ten. Se­hen Sie wei­te­ren Än­de­rungs­be­darf? BOUILLON Ja, ein­deu­tig. Al­le un­se­re Ge­set­ze be­ru­hen da- rauf, dass wir nach dem Zwei­ten Welt­krieg ei­ne Ge­schich­te zu ver­ar­bei­ten hat­ten. Da­her rührt zum Bei­spiel auch das Tren­nungs­ge­bot zwi­schen Po­li­zei und Nach­rich­ten­diens­ten. Das müs­sen wir jetzt mal vor­ur­teils­frei dis­ku­tie­ren. Da­zu ge­hö­ren auch die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten der Si­cher­heits­be­hör­den. Es kann doch nicht sein, dass mit Whats­app Fir­men Mil­li­ar­dä­re wer­den, Ver­bre­cher sich ver­ab­re­den, jun­ge Men­schen an­lei­ten und un­se­re Be­hör­den vor ei­nem Rät­sel ste­hen, weil ih­nen der Ver­schlüs­se­lungs­code nicht zur Ver­fü­gung ge­stellt wird. Der Staat muss sich auf die Her­aus­for­de­run­gen ein­stel­len, an die vor zehn, 15 Jah­ren kei­ner ge­dacht hat.

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