Eh­ren­sa­che Eh­ren­amt

Ei­ner Um­fra­ge zu­fol­ge en­ga­gie­ren sich heu­te 15 Pro­zent der Deut­schen mehr für ka­ri­ta­ti­ve Pro­jek­te als vor 17 Jah­ren.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON RICHARD MEYER ZU EISSEN

DÜSSELDORF Eh­ren­amt be­deu­tet für Bo­do Fuhr­meis­ter auch Ent­span­nung. Der 72-Jäh­ri­ge be­treut im Düs­sel­dor­fer Ver­ein „Jung trifft Alt“je­den Frei­tag­nach­mit­tag Kin­der, de­ren El­tern nach der Schu­le kei­ne Zeit ha­ben, hilft beim Bas­teln und Ma­len oder liest ih­nen et­was vor. „Mit Kin­dern zu ar­bei­ten, ist mein Hob­by“, er­zählt der frü­he­re Te­le­kom-Mit­ar­bei­ter. „Wenn sie glück­lich sind, bin ich auch glück­lich.“Am Wo­che­n­en­de be­glei­tet er mit an­de­ren Se­nio­ren auch mal Aus­flü­ge, ge­mein­sam ge­hen sie in Parks oder ein Mu­se­um. Die Kin­der pro­fi­tie­ren ge­nau­so da­von wie Fuhr­meis­ter – ei­ne klas­si­sche Win-WinSi­tua­ti­on al­so. Im­mer mehr Men­schen se­hen das ge­nau­so und en­ga­gie­ren sich eh­ren­amt­lich. Laut ei­ner Um­fra­ge des Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­ums üben 43 Pro­zent der Deut­schen ein Eh­ren­amt aus. Das ent­spricht et­wa 31 Mil­lio­nen Men­schen und ist ver­gli­chen mit ei­ner Er­he­bung von 1999 ein An­stieg um 15 Pro­zent.

Die­ter Krie­geskor­te un­ter­stützt seit zehn Jah­ren die Bahn­hofs­mis­si­on in Düsseldorf. Ein­mal die Wo­che ist der 64-Jäh­ri­ge sie­ben St­un­den lang für Men­schen da, die Hil­fe am Haupt­bahn­hof brau­chen. Ob­dach­lo­se zum Bei­spiel, aber auch Seh­be­hin­der­te, Roll­stuhl­fah­rer oder Se­nio­ren, die et­was wa­cke­lig auf den Bei­nen sind. Krie­geskor­te be­kommt durch die­ses En­ga­ge­ment viel zu­rück, sagt er. „Ich ge­he im­mer mit ei­nem gu­ten Ge­fühl hier raus“, er­zählt der frü­he­re Ban­ker. Nach ei­ner län­ge­ren Krank­heit hat der Düs­sel­dor­fer nach ei­nem so­zia­lem En­ga­ge­ment ge­sucht und ist in der Bahn­hofs­mis­si­on fün­dig ge­wor­den. Für sei­ne seel­sor­ge­ri­schen Auf­ga­ben wur­de der 64-Jäh­ri­ge in Se­mi­na­ren ge­schult.

Das Eh­ren­amt boomt. Mit Blick auf die ak­tu­el­le Flücht­lings­hil­fe dürf­te die Zahl der Eh­ren­amt­li­chen noch wei­ter ge­stie­gen sein. Am liebs­ten en­ga­gie­ren sich die Deut­schen in Sport­ver­ei­nen (16 Pro­zent), ge­folgt von Schu­len und Kin­der­gär­ten so­wie Mu­sik und Kul­tur (je­weils neun Pro­zent). Laut der Stu­die ge­hen 58 Pro­zent der Eh­ren­amt­li­chen bis zu zwei St­un­den in der Wo­che ih­rem Amt nach, 24 Pro­zent en­ga­gie­ren sich für drei bis fünf St­un­den und 18 Pro­zent mehr als sechs St­un­den in der Wo­che. 80 Pro­zent der Be­frag­ten ga­ben an, dass ih­nen das Eh­ren­amt Spaß macht. An­de­re Grün­de sind Ge­mein­schaft mit an­de­ren Men­schen, Ge­ne­ra­tio­nen­aus­tausch und Mit­ge­stal­tung von Ge­sell­schaft.

Be­woh­ner aus länd­li­chen Re­gio­nen ge­hen eher ei­nem Eh­ren­amt nach als Städ­ter, und El­tern sind so­zi­al ak­ti­ver als Kin­der­lo­se. So ver­zeich­nen et­wa Frei­wil­li­ge Feu­er­weh­ren und Ver­ei­ne auf dem Land ei­nen Mit­glie­der­schwund. Dies liegt un­ter an­de­rem dar­an, dass ge­ra­de von jun­gen Er­wach­se­nen im­mer mehr Mo­bi­li­tät im Be­ruf ge­for­dert wird. Ein Pro­blem, das so auch Ul­rich van Oe­pen vom Lan­de­sport­bund NRW kennt. Vor al­lem für Wahläm­ter, bei de­nen man sich lang­fris­tig ein­brin­gen muss, sei es sehr schwie­rig, jün­ge­re Nach­wuchs­kräf­te zu be­kom­men, so van Oe­pen. Das hän­ge aber vor al­lem mit den sich än­dern­den Rah­men­be­din­gun­gen zu­sam­men. In der Ganz­tags­schu­le und spä­ter im Stu­di­um ge­be es oft ein­fach zu we­ni­ge Frei­räu­me für re­gel­mä­ßi­ges En­ga­ge­ment. Ein wei­te­rer Grund sei die ver­än­der­te Mo­tiv­la­ge bei de­nen, die sich en­ga­gie­ren. So wol­len Men-

„Ich ha­be kein Hel­fer­syn­drom, leis­te aber ger­ne ei­nen klei­nen Bei­trag“

Do­ro­thea Del­pi­no Eh­ren­amt­le­rin aus Düsseldorf schen An­er­ken­nung für ih­ren Ein­satz und ei­nen spe­zi­el­len Nut­zen. Bei rei­ner Schreib­tisch­ar­beit sei das je­doch nicht ge­ge­ben.

Am ge­ne­rel­len Trend zum Eh­ren­amt än­dert das je­doch nichts. Nur die Be­tä­ti­gungs­fel­der ver­schie­ben sich. Ei­ne Stu­die der Fir­ma bet­ter- place.lab, die Frei­wil­li­gen­ar­beit in Deutsch­land ana­ly­siert hat, spricht gar von ei­nem Struk­tur­wan­del. Sie be­stä­tigt, dass die Mo­ti­ve der Frei­wil­li­gen heu­te kon­kre­ter ge­wor­den sind. Men­schen wol­len mit an­de­ren Men­schen ak­tiv in Kon­takt tre­ten und ih­ren Ho­ri­zont er­wei­tern. So wie Do­ro­thea Del­pi­no. Die 63-jäh­ri­ge Be­am­tin ar­bei­tet im Lan­des­amt für Um­welt in Düsseldorf. Über das Lot­sen­pro­jekt des So­zi­al­diens­tes Ka­tho­li­scher Frau­en und Män­ner (SKFM) hat sie zu­dem zu ei­nem so­zia­len En­ga­ge­ment ge­fun­den. Der Di­enst hilft Men­schen in Not und ver­mit­telt die­se an Men­schen, die hel­fen kön­nen und wol­len.

Del­pi­no gibt Kin­dern Nach­hil­fe, die star­ke Pro­ble­me in der Schu­le ha­ben und sonst kei­ner­lei Un­ter­stüt­zung be­kom­men. Sie will mit ein­zel­nen Men­schen ar­bei­ten, so dass ein Ver­trau­ens­ver­hält­nis ent­steht. „Mir ist Schu­le im­mer leicht ge­fal­len“, sagt sie. Da sie be­rufs­tä­tig ist, geht sie zwei­mal in der Wo­che für ei­ne gu­te St­un­de zu ih­rer Schü­le­rin. „Ich ha­be kein Hel­fer­syn­drom“, sagt Del­pi­no. „Aber ich leis­te ger­ne ei­nen klei­nen Bei­trag.“

FOTO: ANDRE­AS ENDERMANN

Bo­do Fuhr­meis­ter be­treut im Düs­sel­dor­fer Ver­ein „Jung trifft Alt“nach der Schu­le Kin­der, dar­un­ter (v.l.) Di­araye, Je­ro­me, Ali­ce, Liz­zy und Qu­en­tin.

Die­ter Krie­geskor­te (64) un­ter­stützt seit zehn Jah­ren die Bahn­hofs­mis­si­on in Düsseldorf.

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