Bil­li­ges Geld macht In­ves­tie­ren leich­ter

Spa­rer kri­ti­sie­ren die Nied­rig­zin­sen, Kon­zer­ne sind da­ge­gen be­geis­tert. Laut ei­ner Stu­die sind die Ge­win­ne dank bil­li­gem Geld deut­lich ge­stie­gen. Un­ter­neh­men wie Bay­er, Hen­kel oder Evo­nik ge­hen güns­tig auf Ein­kaufs­tour.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WIRTSCHAFT - VON REIN­HARD KO­WA­LEW­SKY

DÜSSELDORF Der Bay­er-Kon­zern kauft den US-Wett­be­wer­ber Monsan­to für 57 Mil­li­ar­den Dol­lar. So viel hat noch nie ein deut­sches Un­ter­neh­men in ei­ne Ak­qui­si­ti­on ge­steckt. Das Be­son­de­re dar­an: An­statt mit ei­ge­nen Ak­ti­en bei ei­nem Ak­ti­en­tausch zu zah­len und so künf­ti­ge Ri­si­ken auf al­le In­ha­ber zu ver­tei­len, wird Bay­er-Chef Bau­mann kom­plett in bar be­zah­len. Und ge­mes­sen am ho­hen Ri­si­ko, be­kommt er das Geld ex­trem güns­tig. „Wir ha­ben die Trans­ak­ti­on auf Ba­sis ei­ner durch­schnitt­li­chen Zins­be­las­tung von 3,5 Pro­zent ge­plant“, er­klär­te er jüngst in ei­nem Interview. Ein Drit­tel des Gel­des holt er mit neu­en Ak­ti­en her­ein, die Ban­ken lei­hen ihm „nur“38 Mil­li­ar­den Dol­lar.

Das Bei­spiel Bay­er zeigt, wie sehr die EZB-Po­li­tik des bil­li­gen Gel­des den Un­ter­neh­men nützt. Die­se lei­den zwar dar­un­ter, dass sie künf­ti­ge Pen­sio­nen we­gen nied­ri­gen Zin­sen schwie­ri­ger fi­nan­zie­ren kön­nen, doch im ope­ra­ti­ven Ge­schäft er­höht das bil­li­ge Geld die Ge­win­ne und er­leich­tert Zu­käu­fe.

Seit 2008 stieg die Vor­steu­er­ren­di­te von Dax-Kon­zer­nen (an­hand von 24 Mit­glie­dern ge­rech­net) von 5,1 auf 6,7 Pro­zent 2015 – auch weil die Un­ter­neh­men im­mer we­ni­ger Geld für Zin­sen aus­ge­ben müs­sen. Das er­gibt ei­ne Stu­die der Un­ter­neh­mens­be­ra­tung Oli­ver Wy­man, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­liegt. Müss­ten Un­ter­neh­men im Schnitt noch rund 5,4 Pro­zent für Kre­di­te zah­len wie 2008 und nicht drei Pro­zent­punk­te we­ni­ger, lä­ge die Vor­steu­er­ren­di­te nur bei 5,8 Pro­zent. „Ak­tio­nä­re pro­fi­tie­ren dop­pelt von den Nied­rig­zin- sen“, sagt Tho­mas Kautzsch, Part­ner von Oli­ver Wy­man, „ei­ner­seits stei­gen die Er­trä­ge dank sin­ken­der Zins­be­las­tung, an­de­rer­seits die Kur­se der Ak­ti­en, weil An­le­ger ihr Geld oft lie­ber in Ak­ti­en statt in fest­ver­zins­li­che An­la­gen ste­cken.“

Wie sehr das ope­ra­ti­ve Ge­schäft vom bil­li­gen Geld pro­fi­tiert, zei­gen Post und Te­le­kom. Die Post er­hielt kürz­lich 750 Mil­lio­nen Eu­ro fri­sches Geld für nur 0,375 Pro­zent Zins. Das er­laubt, das Pa­ket­ge­schäft in Eu­ro­pa aus­zu­bau­en und so­gar Ak­ti­en zu­rück­zu­kau­fen, um so den Kurs hoch­zu­trei­ben. Die Te­le­kom in­ves­tiert mit bil­li­gem Geld (null Pro­zent Zins für drei Jah­re) bis 2018 zwölf Mil­li­ar­den Eu­ro in den Netz­aus­bau.

Die Kon­zer­ne er­lau­ben sich mit dem fri­schen Geld welt­wei­te Ein­kaufs­tou­ren und trei­ben sich bei den Prei­sen ge­gen­sei­tig hoch. „Ei­ne Groß­ak­qui­si­ti­on wie der Kauf von Monsan­to durch Bay­er wä­re frü­her we­gen der ho­hen Zins­last nicht mög­lich ge­we­sen“, sagt Bert Floss­bach, Vor­stand von Floss­bach von Storch AG in Köln. Da­ni­el Stel­ter, Au­tor des Bu­ches „Die Schul­den im 21. Jahr­hun­dert“, sieht das eben­so und rech­net vor: Wür­de Bay­er statt 3,5 Pro­zent rund sechs Pro­zent für die Kre­di­te zah­len, wür­de dies pro Jahr ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro mehr an Zin­sen kos­ten. Er­geb­nis: Das Ge- schäft wür­de sich nicht mehr loh­nen. Oder Monsan­to hät­te den Ver­kaufs­preis sen­ken müs­sen.

Der Es­se­ner Che­mie­kon­zern Evo­nik hat ge­ra­de ei­nen 3,5 Mil­li­ar­den Eu­ro teu­ren Zu­kauf zum Teil mit Kre­di­ten fi­nan­ziert – vier­ein­halb Jah­re Lauf­zeit, null Pro­zent Zins. 750 Mil­lio­nen Eu­ro für acht Jah­re kos­ten 0,375 Pro­zent, 500 Mil­lio­nen für zwölf Jah­re 0,75 Pro­zent. „Das sind sehr at­trak­ti­ve Kon­di­tio­nen“, ju­bel­te Fi­nanz­che­fin Ute Wolf. Hen­kel hat es An­fang Sep­tem­ber so­gar ge­schafft, ei­nen 3,2 Mil­li­ar­den Eu­ro teu­ren Zu­kauf so zu fi­nan­zie­ren, dass der Kon­zern da­mit teil­wei­se so­gar Geld ein­nimmt. Fi­nanz­vor­stand Cars­ten Kno­bel sam­mel­te für ei­nen Teil­be­trag 500,5 Mil­lio­nen Eu­ro ein, muss bis 2018 kei­ne Zin­sen zah­len und dann 500 Mil­lio­nen Eu­ro zu­rück­zah­len. Al­so bringt die An­lei­he 500.000 Eu­ro Ge­winn für Hen­kel. Die An­le­ger schlu­cken ei­ne Ne­ga­tiv­ren­di­te von 0,05 Pro­zent.

Doch so schön die Bil­lig­zin­sen sind, so sehr kann die sich ab­zeich­nen­de Wen­de hin zu hö­he­ren Zin­sen Un­ter­neh­men be­dro­hen. Ih­nen dro­hen deut­lich stei­gen­de Aus­ga­ben, wenn die Zin­sen wie all­ge­mein er­war­tet lang­sam an­zie­hen. Die meis­ten Kon­zer­ne ver­su­chen des­halb, sich ei­nen mög­lichst gro­ßen Teil ih­rer Fi­nan­zie­rung für vie­le Jah­re fest­zu­schrei­ben. Thys­sen­krupp bei­spiels­wei­se lässt sich bis 2020 ei­ne 750-Mil­lio­nen-Eu­ro-An­lei­he 1,75 Pro­zent Ver­zin­sung kos­ten. 600 Mil­lio­nen Eu­ro muss Thys­sen­krupp aber erst in neun Jah­ren zu­rück­zah­len. Für die­se re­la­tiv lan­ge Zins­bin­dung wer­den 0,75 Pro­zent Auf­schlag fäl­lig. „Das ist nicht bil­lig, gibt uns aber Si­cher­heit“, heißt es.

QUELLE: EIGENE RECHERCHE FOTO: UL­RICH SCHÜTZ | GRAFIK: FERL

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