Far­be wirkt ge­gen den Win­ter­blues

Was in der grau­en Jah­res­zeit Blät­ter und Blü­ten trägt, tut der See­le gut. Fünf Pflan­zen tra­gen Weih­nach­ten oder Chris­tus im Na­men.

Rheinische Post Moenchengladbach - - WISSEN - VON AN­NET­TE BO­SET­TI

Die Lie­be zu Zim­mer­pflan­zen war in Deutsch­land frü­her stär­ker aus­ge­prägt. Nur an Weih­nach­ten, da er­lebt man al­le Jah­re wie­der das glei­che Phä­no­men: „Grün steht von al­ters her für Hoff­nung“, sagt Bio­lo­ge Karl-Jo­sef Strank von der RWTH Aa­chen. Das hilft ge­gen den Win­ter­blues. Ei­ne im­mer­grü­ne Pflan­ze ist im Win­ter die le­ben­di­ge Aus­nah­me, wo drau­ßen al­les grau bis ei­sig-weiß ist. Holt man sie sich ins Haus, hat man ein Sinn­bild da ste­hen für die Kraft der Er­neue­rung, für Wie­der­auf­er­ste­hung und die Wie­der­kehr des Früh­lings.

Wie die Gans sich auf dem Tel­ler be­haup­tet, so hat zum Hei­li­gen Abend ei­ne Pflan­ze ih­ren Stamm­platz im Raum in­ne – seit der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ist das so: Christ­baum, Tan­nenoder auch Weih­nachts­baum heißt das mehr oder min­der gro­ße, ge­ra­de Ex­em­plar, das meist ei­ne Fich­te oder aber ei­ne Tan­ne ist, und, ge­schmückt und il­lu­mi­niert, für den Glanz in Kin­der­au­gen mit­ver­ant­wort­lich ist.

Der Weih­nachts­baum, den erst­mals Goe­the 1774 in „Die Lei­den des jun­gen Wer­t­her“er­wähn­te, steht im Zen­trum des Ge­sche­hens am Weih­nachts­abend. Um ihn her­um grup­piert sich die Fa­mi­lie, die Ge­schen­ke lie­gen un­term Baum. Der Duft der Tan­nen­zwei­ge ver­mischt sich mit dem schmel­zen­den Bie­nen­wachs. Die meis­ten Deut­schen hal­ten an der Tra­di­ti­on fest, mehr als 600 Mil­lio­nen Eu­ro ge­ben sie je­des Jahr da­für aus. 80 Pro­zent der Haus­hal­te mit mehr als drei Per­so­nen stel­len ihn am 24. De­zem­ber auf. Dass man kein schlech­tes Ge­wis­sen ha­ben muss, ei­nen ab­ge­schla­ge­nen Baum zu er­wer­ben, er- klärt der Bio­lo­ge. Es ge­be je­de Men­ge Nach­wuchs. Das Schla­gen ein­zel­ner Bäu­me sei wich­tig für die Fort­wirt­schaft. Die Bäu­me, die nicht ver­kauft wer­den und un­be­han­delt sind, ge­hen oft an die Zoos, wo sie ver­füt­tert oder als Spiel­zeug ge­nutzt wer­den, sagt Strank.

Auch der Weih­nachts­stern prägt das Stim­mungs­bild in deut­schen Wohn­zim­mern. Doch die Pflan­ze braucht Schutz vor Zug und mag kei­ne nas­sen Fü­ße. Frü­her muss­te sie von weit­her im­por­tiert wer­den, heu­te treibt sie in Eu­ro­pas Ge­wächs­häu­sern im­mer neue Blü­ten. Ir­gend­wann, zwi­schen Ok­to­ber und 24. De­zem­ber, kommt die Zeit für die­sen za­cki­gen Best­sel­ler; fast je­der trägt ein Ex­em­plar nach Hau­se. Sei­ne Form ver­leiht ihm den Na­men, die Blät­ter (die man­che für Blü­ten hal­ten), bil­den ei­nen Stern. In Frank­reich wird er zum Mut­ter­tag ver­schenkt. Mitt­ler­wei­le gibt es ihn als Mi­nia­tur und in im­mer neu­en Far­ben – ge­flammt, lachs­ro­sa oder rein­weiß.

Zu­hau­se ist der im­mer­grü­ne Strauch in den Re­gen­wäl­dern Süd­ame­ri­kas, Alex­an­der von Hum­boldt brach­te ihn nach Eu­ro­pa. Auf den Ka­na­ren gibt es bis vier Me­ter ho­he He­cken aus Weih­nachts­ster­nen, die ih­re far­bi­gen Hoch­blät­ter nur bei be­stimm­ten Licht­ver­hält­nis­sen ent­wi­ckeln. Wer sich der Pflan­ze wid­met, kann sie über den Som­mer brin­gen, am bes­ten geht das auf ei­nem luf­ti­gen und ge­schütz­ten Ter­ras­sen­platz oh­ne di­rek­te Son­nen­ein­strah­lung. Um sie pünkt­lich im nächs­ten No­vem­ber wie­der zur Blü­te zu trei­ben, braucht sie ei­nen ge­re­gel­ten Hell-dun­kel-Rhyth­mus, ab Herbst muss der Licht­ein­fall auf un­ter 12 St­un­den ge­dros­selt wer­den.

Das­sel­be ver­langt der Weih­nachts­kak­tus: Ein gan­zes Jahr über ist er eher ein Küm­mer­ling, der nach ent­spre­chen­der Vor­be­hand­lung mit Licht­ent­zug und küh­le­rem Stand­ort rund um die Hei­li­ge Bar­ba­ra sei­ne fas­zi­nie­ren­den Blü­ten ent­fal­tet. Dass der Weih­nachts­kak­tus so heißt wie er heißt, soll am Da­tum der Blüh­zeit lie­gen. Äu­ßer­lich­kei­ten las­sen nicht auf ir­gend­wel­che weih­nacht­li­chen De­tails rück­schlie­ßen.

An­ders ist das mit dem Chris­tus­dorn, dem vier­ten von fünf Kan­di­da­ten mit weih­nacht­li­chem Na­men. Er war frü­her be­liebt und weit ver­brei­tet, heu­te ist er to­tal aus der Mo­de, man sieht ihn gar nicht mehr. Sei­ne Zwei­ge er­in­nern an die Dor­nen­kro­ne Je­su, sagt die Le­gen­de. Ro­te Tel­ler­chen bil­den sich zwi­schen den star­ken Dor­nen und grü­nen Blät­tern bei gu­ter Pfle­ge in der Vor­weih­nachts­zeit aus. „Die se­hen aus wie Bluts­trop­fen, so er­klärt sich der Na­me“, sagt der Bio­lo­ge.

Sehr ge­fragt hin­ge­gen ist der­zeit die Chris­tro­se, ob im Topf oder in der Va­se. Ih­re Blü­ten trot­zen Schnee und Eis, strah­lend weiß sind sie von Na­tur aus, doch gibt es sie auch in leich­ten Rot- und Grün­tö­nun­gen. Am rech­ten Stand­ort kön­nen sie drau­ßen stein­alt wer­den, für die Fens­ter­bank eig­nen sie sich nicht dau­er­haft. Nach Weih­nach­ten soll­te man sie in den Gar­ten brin­gen. Wer sie in die Va­se stellt, kann die Blü­ten wie ein Ora­kel be­ob­ach­ten: Kurz vor Weih­nach­ten zwölf Knos­pen ab­schnei­den und in ei­ne Va­se stel­len. Die­je­ni­gen, die auf­blü­hen, brin­gen ei­nen Mo­nat vol­ler Glück.

Der Na­me der Chris­tro­se ist ver­knüpft mit ei­ner Le­gen­de: Ein ar­mer Hir­te soll der­einst auf dem Weg nach Bet­le­hem kein Ge­schenk für das Je­sus­kind ge­habt ha­ben. Dar­über war er so trau­rig, dass sei­ne rie­sen­gro­ßen Trä­nen auf den Bo­den kul­ler­ten. Dar­aus ent­wi­ckel­ten sich Blü­ten so schön wie Ro­sen. Über­glück­lich soll der Hir­te sei­ne Chris­tro­sen an die Krip­pe ge­legt ha­ben.

Die meis­ten deut­schen Haus­hal­te stel­len an Hei­lig­abend ei­nen Weih­nachts­baum auf

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Die Chris­tro­se trotzt Eis und Schnee mit ih­ren schö­nen Blü­ten. Zahl­rei­che Le­gen­den win­den sich um die coo­le Pflan­ze, die stein­alt wer­den kann, wenn sie den rich­ti­gen Stand­ort hat, an dem im Gar­ten­jahr nicht ge­gra­ben wird. Auch als Ora­kel wird sie ge­schätzt, je­de of­fe­ne Blü­te steht für ei­nen Mo­nat Glück­lich­sein. Zwölf Blü­ten gilt es in die Va­se zu stel­len und die Stän­gel gut an­zu­schnei­den.

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Der Weih­nachts­stern ist von sei­nen An­sprü­chen her ei­ne Mi­mo­se.

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Ein­mal im Jahr fei­ert der Weih­nachts­kak­tus sei­ne Blü­ten-Hoch­zeit.

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Tan­nen, die nicht ver­kauft wer­den, wer­den in Zoos ver­füt­tert.

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Völ­lig aus der Mo­de: der Christ­dorn mit Blü­ten wie Bluts­trop­fen.

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