Ge­gen selbst­ge­fäl­li­ges Thea­ter

Der Kri­ti­ker Jan Kü­ve­ler hat die im­mer glei­chen Ges­ten auf der Büh­ne satt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KULTUR - VON DOROTHEE KRINGS

DÜSSELDORF Ent­täu­sche Lie­be schmerzt – und kann er­staun­li­che Kräf­te frei­set­zen. Da­von han­deln die wirk­lich gro­ßen Büh­nen­stof­fe, Tra­gö­di­en wie Ra­ci­nes „Phèd­re“. Manch­mal er­fasst die­ser aus Ent­täu­schung ge­wach­se­ne Zorn je­doch auch Men­schen jen­seits der Büh­ne, Kri­ti­ker zum Bei­spiel.

Jan Kü­ve­ler lebt in Ber­lin, schreibt für „Welt“und „Welt am Sonn­tag“über Thea­ter und hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vie­le Ins­ze­nie­run­gen ge­se­hen, die auf die­sel­be Art zu pro­vo­zie­ren ver­su­chen, die Mo­de­the­men be­die­nen und auf er­wart­ba­re Art ver­su­chen, ein bür­ger­li­ches Pu­bli­kum, das es kaum noch gibt, zu ver­stö­ren. Und weil Kü­ve­ler ein hu­mor­be­gab­ter Schrei­ber mit Hang zum Sar­kas­mus ist, hat er sich nun selbst zum „Thea­ter­has­ser“er­klärt und ei­ne Po­le­mik ge­gen „ängst­li­ches, fei­ges, rühr­se­li­ges Thea­ter“ ver­fasst, ge­gen „ein Thea­ter der schwam­mi­gen Be­grif­fe, der Flach­heit, Ver­lo­gen­heit, der Ar­ro­ganz, Selb­ge­fäl­lig- und Min­der­wer­tig­keit“.

Das ist ver­gnüg­lich zu le­sen, wie im­mer, wenn ei­ner mit Biss die Gro­ßen an­greift, die Pey­manns, Jo­han Si­mons, Ni­co­las Ste­manns der Sze­ne zu selbst­ver­lieb­ten Lan­ge­wei­lern er­klärt und so­gar den schril­len Fürst der Wi­der­spens­tig­keit, Her­bert Fritsch, der kal­ku­lier­ten Ma­sche über­führt. Kü­ve­ler hat viel ge­se­hen, man­ches durch­schaut und kann es sprit­zig ver­nich­ten. So ist sei­ne Streit­schrift auch ein zor­ni­ger Streif­zug durch die jün­ge­re Thea­ter­ge­schich­te und gibt na­tür­lich bald zu er­ken­nen, dass es dem Thea­ter­has­ser ei­gent­lich um die Lie­be geht, um sei­ne Lei­den­schaft für ein Thea­ter, das nicht po­siert, nicht be­haup­tet, kei­nen Mo­den, Schu­len, Ideo­lo­gi­en folgt, son­dern in­tel­li­gent, un­ter­halt­sam, mu­tig und vor al­lem mit künst­le­ri­scher Stur­heit und äs­the­ti­schem Ei­gen­sinn nach neu­en Aus­drucks­wei­sen für die Büh­ne tas­tet.

Frank Cas­torf fin­det dar­um Gna­de mit sei­nem in­sze­nier­ten Wi­der­stand ge­gen al­les Ver­ein­nah­men­de, auch we­ni­ge Ver­tre­ter der jüngs­ten Re­gis­seur­ge­ne­ra­ti­on, der um­strit­te­ne Er­san Mond­tag et­wa und An­tú Ro­me­ro Nu­nes. Doch wie die meis­ten Po­le­mi­ker hält Kü­ve­ler sich vor­nehm zu­rück, wenn es dar­um geht, po­si­tiv zu be­schrei­ben, wel­che Art von Thea­ter in die Zu­kunft wei­sen könn­te. Da heißt es dann schlicht, die alt­mo­di­sche Durch­drin­gung des Stof­fes sei Vor­aus­set­zung für das Ge­lin­gen ei­ner Ins­ze­nie­rung, äs­the­ti­scher Eklek­ti­zis­mus ein Zei­chen geis­ti­ger Frei­heit und Re­gis­seu­re im­mer dann über­zeu­gend, wenn sie für die höchs­te Wir­kung auf ein­fachs­te Mit­tel ver­trau­ten. Zum Thea­ter­tref­fen nach Ber­lin wer­de aber re­gel­mä­ßig das be­reits Be­kann­te ge­la­den, „Po­si­tio­nen“von „Per­for­mern“, die po­li­tisch kor­rek­te Bot­schaf­ten ver­kün­den wol­len und da­zu auf ver­meint­lich neue Mit­tel zu­rück­grei­fen, die die bil­den­de Kunst schon wie­der hin­ter sich lässt. Da wird dann nicht mehr ge­spielt, son­dern Text flim­mert über Bild­schir­me, und nie­mand sagt, dass des Kai­sers neue Klei­der die Nackt­heit nicht be­de­cken.

Kü­ve­ler führt das aus – mit dem ge­spiel­ten Hass ei­nes Lie­ben­den. Jan Kü­ve­ler:

FOTO: GEORG SOULEK, BURGTHEATER

Joa­chim Mey­er­hoff als Kre­on in Jet­te Ste­ckels Ins­ze­nie­rung der „An­ti­go­ne“von So­pho­kles am Burgtheater in Wi­en. Für den Thea­ter­kri­ti­ker Jan Kü­ve­ler bes­tes Bei­spiel für auf­ge­plus­ter­ten Un­sinn auf der Büh­ne.

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