Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Bei den Mus­keln in der Nä­he der Hüf­te ent­stan­den Ver­knö­che­run­gen, und nie­mand wuss­te, war­um. Sie konn­te sich noch schlech­ter be­we­gen als vor­her und nicht mehr oh­ne Schmerz­mit­tel le­ben.

Da­her ver­brach­te sie die meis­te Zeit vor dem Fern­se­her oder am Fens­ter. Im Som­mer am of­fe­nen, im Win­ter am ge­schlos­se­nen. Viel gab es zwar nicht zu se­hen, aber die Stra­ße war trotz­dem ab­wechs­lungs­rei­cher als das Ta­ges­fern­se­hen. Sie wuss­te bald Be­scheid über das Kom­men und Ge­hen ih­rer Nach­bar­schaft, wuss­te, wer die Nacht zum Tag mach­te, wel­che Paa­re Streit hat­ten und wel­che Schlüs­sel­kin­der die Schu­le schwänz­ten. Sie wohn­te in der ers­ten Eta­ge, und im Som­mer konn­te sie sich mit den Nach­barn vom Fens­ter aus un­ter­hal­ten. Nicht mit al­len, nur mit de­nen, die sie grüß­ten.

Max Gant­mann hat­te zu de­nen ge­hört, mit de­nen sie ein paar Wor­te wech­sel­te. Ob­wohl er ei­ne Be­rühmt­heit war, die fast je­den zwei­ten Tag im Fern­se­hen kam, war er sich nicht zu fein ge­we­sen, mit ei­ner al­ten geh­be­hin­der­ten Frau ei­nen klei­nen Schwatz zu hal­ten. Bis sei­ne Frau starb. Seit­dem konn­te sie froh sein, wenn er auch nur ih­ren Gruß er­wi­der­te. Sie konn­te zu­schau­en, wie er aus­ein­an­der­ging. Wenn er so wei­ter­mach­te, wür­de er bald schlech­ter zu Fuß sein als sie. Wenn der Lift au­ßer Be­trieb war, was öf­ter vor­kam, hör­te sie ihn die Trep­pe hin­auf­keu­chen wie ei­ne Dampf­lok. Wenn sie da­nach die Woh­nungs­tür öff­ne­te, roch es im Trep­pen­haus wie in ei­ner Kn­ei­pe.

An die­sem kal­ten Tag im Fe­bru­ar stand sie mit ih­rem Rol­la­tor am ge­schlos­se­nen Fens­ter hin­ter der Gar- di­ne und blick­te auf die trost­lo­se Stra­ße hin­un­ter, als Gant­mann an­ge­wat­schelt kam. Er trug wie im­mer ei­nen schwar­zen Drei­tei­ler un­ter sei­nem Man­tel, den er längst nicht mehr zu­knöp­fen konn­te. Und wie im­mer steck­te ei­ne Zi­ga­ret­te in sei­nem Mund. Schon weit vor der Haus­tür be­gann er, in sei­ner Ho­sen­ta­sche nach dem Schlüs­sel­bund zu gr­a­ben, schaff­te es aber nicht in der Zeit, die ihm blieb. Er muss­te vor der ge­schlos­se­nen Tür ste­hen­blei­ben und sich wei­ter ver­ren­ken, bis er ihn fand. Herr Gant­mann blick­te kurz zu ihr her­auf und nick­te, ob­wohl sie wuss­te, dass er sie nicht se­hen konn­te, nur ver­mu­ten.

Kurz nach­dem der Lift­mo­tor ver­stummt war, sah sie ei­nen Mann auf die Haus­tür zu­kom­men. Er stu­dier­te die Klin­geln und drück­te. Es klin­gel­te bei ihr.

Frau Ga­bler schob sich mit dem Rol­la­tor zum Tür­öff­ner, drück­te und öff­ne­te die Woh­nungs­tür. Sie hör­te die Haus­tür zu­schla­gen und dann nichts mehr. „Hal­lo?“, rief sie. Kei­ne Ant­wort. „Ist da je­mand?“Jetzt rief ei­ne Stim­me: wrong hou­se!“

Sie ging zum Trep­pen­ge­län­der und sah un­ten ge­ra­de noch ei­nen Mann ver­schwin­den. Kurz drauf hör­te sie wie­der die Haus­tür.

Sie ging, so schnell sie konn­te, zum Fens­ter, aber von dem Mann war nichts zu se­hen.

Kurz dar­auf hör­te sie wie­der den Lift­mo­tor.

Als sie vie­le auf­re­gen­de St­un­den spä­ter ei­nem Brand­spe­zia­lis­ten der Kan­tons­po­li­zei da­von er­zähl­te, konn­te sie den Mann nicht ein­mal be­schrei­ben. Au­ßer, dass er ro­te Haa­re hat­te. „Sor­ry,

Das Pro­duk­ti­ons­bü­ro von Mon­te­cris­to hat­te sich in ei­nen Bie­nen­stock ver­wan­delt. Li­li, Tom­my und Jo­nas ar­bei­te­ten zehn, manch­mal zwölf St­un­den, nur un­ter­bro­chen von Sand­wich- und Piz­za-Pau­sen.

Ka­me­ra- und Be­leuch­tungs­teams, Aus­stat­ter und Re­qui­si­teu­re stell­ten sich vor, die Wän­de wa­ren ta­pe­ziert mit Fotos von Schau­spie­lern und Dreh­or­ten.

Zu­sätz­li­che Ti­sche wa­ren auf­ge­stellt wor­den für die Mo­del­le der Stu­dio­ku­lis­sen, zum Bei­spiel für die Ge­fäng­nis­zel­le und den Be­su­cher­raum von Bang Kwang.

Die Ner­vo­si­tät der ers­ten Ta­ge war ver­schwun­den, Li­li und Tom­my ga­ben Jo­nas die Si­cher­heit, die er brauch­te, um die Au­to­ri­tät aus­zu­strah­len, die für ei­nen Re­gis­seur er­for­der­lich war.

Er war glück­lich und aus­ge­füllt wie noch nie. Ein­zi­ger Wer­muts­trop­fen: Er sah Ma­ri­na zu sel­ten. Ent­we­der zu­sam­men mit sei­nem Team oder nachts.

Aber es wa­ren wun­der­vol­le Näch­te. Ma­ri­na sag­te: „Die bes­ten Lieb­ha­ber sind glück­li­che Män­ner.“

Nur ein ein­zi­ges Mal hat­te er in die­ser Zeit kurz mit den Re­cher­chen von Max zu tun. Bar­ba­ra Con­ti­ni, die Wit­we des Tra­ders, rief ihn an und sag­te, dass sie jetzt be­reit sei, über die neu­en Er­kennt­nis­se zum Tod ih­res Man­nes zu spre­chen. Er er­klär­te ihr, dass er nichts mehr mit dem The­ma zu tun ha­be, und gab ihr Max’ Num­mer.

Dann rück­ten Max, Con­ti­ni und die dop­pel­ten Bank­no­ten wie­der in wei­te Fer­ne.

Bis sie mit ei­nem Schlag wie­der in sein Be­wusst­sein tra­ten.

Wie heut­zu­ta­ge das meis­te er­fuhr Jo­nas auch dies aus dem In­ter­net. Er saß im Pro­duk­ti­ons­bü­ro vor dem Bild­schirm und ließ sich durch sei- ne On­li­ne-Zei­tung von der Ar­beit ab­len­ken. Ganz zu­oberst, noch vor den In­ter­na­tio­na­len Meldungen, stand die Schlag­zei­le „Brand im Kreis 4“. Die Mel­dung lau­te­te: „Im Kreis 4 steht ein Wohn­haus in Flam­men. Zwei Lösch­zü­ge im Ein­satz. Up­date folgt.“Das Bild zeig­te ei­ne Rauch­wol­ke über den Dä­chern.

Er wur­de von Jeff Rebstyns As­sis­ten­tin zu ei­ner Aus­stat­tungs­sit­zung ge­ru­fen und kam erst nach ei­ner St­un­de an sei­nen Platz zu­rück. Die Mel­dung war jetzt aus­führ­li­cher. Der Brand sei un­ter Kon­trol­le. Die Be­woh­ner hät­ten eva­ku­iert wer­den kön­nen. Ein Be­woh­ner wer­de noch ver­misst. Ei­ne Bild­stre­cke war jetzt an­ge­hängt. Be­woh­ner mit Woll­de­cken über den Schul­tern, Feu­er­wehr­lei­tern vor dem bren­nen­den Ge­bäu­de.

Jo­nas er­kann­te es. Es war das Haus, in dem Max Gant­mann wohn­te. Ei­ne Per­son wur­de noch ver­misst.

Es dau­er­te fast ei­ne hal­be St­un­de, bis er die Brand­stel­le end­lich er­reich­te. Er hat­te ein Ta­xi ge­nom­men, das nach kur­zer Zeit im Fei­er­abend­ver­kehr ste­cken­ge­blie­ben war. Nach zu lan­gem Zö­gern hat­te er be­zahlt und war zu Fuß wei­ter­ge­gan­gen.

Max’ Stra­ße war ab­ge­sperrt. Dem Be­am­ten, der ihn auf­hielt, zeig­te er sei­nen Pres­se­aus­weis und wur­de durch­ge­las­sen. Von dem Haus stieg im­mer noch Rauch auf, aber ei­ner der Lösch­zü­ge war be­reits los­ge­fah­ren.

Zwei Strei­fen­wa­gen der Po­li­zei stan­den da­vor, so­wie ein Ein­satz­wa­gen der Feu­er­wehr und ein schwar­zer Kas­ten­wa­gen. Ein Kran­ken­wa­gen fuhr ge­ra­de weg. (Fort­set­zung folgt)

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