Frü­her war ganz si­cher nicht al­les bes­ser

Au­tor und Jour­na­list Michael Miersch kri­ti­sier­te in sei­nem Vor­trag beim Wis­sen­schaft­li­chen Ver­ein die ak­tu­el­le Lust am Welt­un­ter­gang. Un­ter dem Ti­tel „Öko­lo­gis­mus und Irr­we­ge des grü­nen Den­kens“prä­sen­tier­te er viel­mehr Er­folgs­sto­rys.

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES - VON AN­GE­LA RIETDORF

Wer ge­glaubt hat, Michael Miersch leug­ne den Kli­ma­wan­del oder den mensch­li­chen Ein­fluss dar­auf, sieht sich ge­täuscht. Der er­fah­re­ne Jour­na­list und Au­tor ist zu klug und zu dif­fe­ren­ziert, um sich vor den Kar­ren de­rer span­nen zu las­sen, die den Kli­ma­wan­del für er­fun­den und Me­di­en für lü­gen­haft hal­ten. Was er kri­ti­siert, ist die Lust am Welt­un­ter­gang, die Ver­brei­tung von Angst und die Wei­ge­rung, po­si­ti­ve Ef­fek­te und Ent­wick­lun­gen wahr­zu­neh­men und die ei­ge­nen An­schau­un­gen kri­tisch zu re­flek­tie­ren.

Michael Miersch, 30 Jah­re als Jour­na­list bei re­nom­mier­ten Me­di­en tä­tig und heu­te Ge­schäfts­füh­rer bei der Deut­schen Wild­tier­stif­tung, re­fe­rier­te im Haus Er­ho­lung auf Ein­la­dung des Wis­sen­schaft­li­chen Ver­eins zum The­ma Öko­lo­gis­mus und Irr­we­ge des grü­nen Den­kens. Mit Öko­lo­gis­mus be­zeich­net er die grü­ne Wel­t­an­schau­ung im Ge­gen­satz zur Öko­lo­gie, dem wis­sen­schaft­li­chen For­schungs­ge­biet. „Das grü­ne Den­ken hat heu­te die ge­sam­te Ge­sell­schaft durch­drun­gen“, stellt er fest. Das las­se sich am si­chers­ten dar­an er­ken­nen, dass selbst Welt­kon­zer­ne wie Co­ca-Co­la und McDo­nald´s sich ein grü­nes Män­tel­chen um­hän­gen. „Kon­zer­ne tun das nur, wenn sie glau­ben, dass das al­le gut fin­den“, er­klärt er. Es ge­be kei­ne Geg­ner mehr, al­le sei­en grün, al­ler­dings wer­de da­durch das Eti­kett im­mer un­kla­rer, die Wi­der­sprü­che näh­men zu. Wind­kraft­in­ves­to­ren ver­tre­ten eben­so grü­ne Po­si­tio­nen wie die Fle­der­maus­schüt­zer, die sie be­kämp­fen. Die Plas­tik­tü­te, die aus Zu­cker­rohr her­ge­stellt wer­de, nen­ne sich grün, Zu­cker­rohr wer­de aber nicht um­welt­freund­lich pro­du­ziert. Bi­odie­sel wer­de aus Palm­öl her­ge­stellt, für das wie­der­um Re­gen­wald ab­ge­holzt wird. Wi­der­sprü­che über Wi­der­sprü­che.

Dann zählt er auf, was sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten al­les zum Po­si­ti­ven ver­än­dert ha­be. „Die Ver­hält­nis­se ha­ben sich von Grund auf ge­wan­delt“, sagt Miersch. Es ge­be übe­r­all Klär­an­la­gen, im Rhein schwim­men wie­der Lach­se, der Wolf keh­re zu­rück eben­so wie der Bi­ber. Die Luft sei sau­be­rer, die Be­las­tung mit Schwer­me­tal­len ge­he zu­rück, Roh­stof­fe wür­den wie­der­ver­wer­tet, die In­dus­trie brau­che im Schnitt ein Drit­tel we­ni­ger Energie als 1990. Der Wald brei­te sich aus: „Ei­ne gran­dio­se Er­folgs­sto­ry“, fasst er zu­sam­men. Weil aber so viel er­reicht sei, such­ten die grü­nen Eli­ten nun po­ten­zi­el­le Ge­fah­ren in fer­ner Zu­kunft. Ka­ta­stro­phen­sze­na­ri­en sei­en spe­zi­ell in Deutsch­land sehr be­liebt bei den Me­di­en. Als Bei­spiel für ei­ne aus­ge­blie­be­ne Ka­ta­stro­phe nennt er das Wald­ster­ben, das die Deut­schen in den 1980er Jah­ren er- schreck­te. „Die Tat­sa­che, dass es kein groß­flä­chi­ges Abst­er­ben gab, wur­de weit­ge­hend igno­riert“, sagt er. „Statt­des­sen neh­men die Wäl­der zu, aber der Irr­tum wur­de nie selbst­kri­tisch re­flek­tiert.“

Die glei­chen Mecha­nis­men sieht er beim The­ma Kli­ma­wan­del am Werk. Er be­strei­tet nicht den Kli­ma­wan­del an sich. „Es herrscht Ei­nig­keit über die Er­wär­mung und dar­über, dass der Mensch die Ent­wick­lung be­ein­flusst“, er­klärt er. Aber er hin­ter­fragt die Qua­li­tät der Pro­gno­sen, kri­ti­siert, dass an­de­re Fak­to­ren nicht ge­nannt wer­den oder po­si­ti­ve Ef­fek­te nicht ge­se­hen wer­den. „Ei­ne Warm­pha­se hat bis­her auch im­mer po­si­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf Mensch und Na­tur ge­habt“, sagt er. Deut­sche Me­di­en aber lieb­ten düs­te­re Zu­kunfts­pro­gno­sen und apo­ka­lyp­ti­sche Sze­na­ri­en. Ein Bei­spiel aus sei­ner Zeit als Fo­cus-Wis­sen­schafts­chef: Ei­ne Mel­dung des US-Po­lar­for­schungs­in­sti­tuts sprach von ei­ner Re­kord­schmel­ze des Ei­ses am Nord­pol und ei­ner Re­kord­zu­nah­me am Süd­pol. Der zwei­te Teil der Mel­dung wur­de von deut­schen Me­di­en – bis auf den Fo­cus – prak­tisch igno­riert. Un­re­flek­tier­te Me­dien­schel­te will der lang­jäh­ri­ge Jour­na­list aber nicht be­trei­ben. Er ha­be nie ei­nen Nach­teil durch sei­ne vom Main­stream ab­wei­chen­de Mei­nung ge­habt: „Die Me­di­en wer­den nicht durch bö­se Mäch­te ge­steu­ert.“

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