Ver­däch­ti­ger tricks­te Be­hör­den aus

Ge­gen den mut­maß­li­chen At­ten­tä­ter von Ber­lin wur­de zeit­wei­se we­gen der Vor­be­rei­tung ei­ner schwe­ren staats­ge­fähr­den­den Straf­tat er­mit­telt. Ei­ne Ab­schie­bung des Tu­ne­si­ers schei­ter­te.

Rheinische Post Moenchengladbach - - VORDERSEITE - VON G. MAYNTZ, T. REISENER UND C. SCHWERDTFEGER

DÜS­SEL­DORF/BER­LIN Das At­ten­tat von Ber­lin könn­te Er­geb­nis ei­ner bei­spiel­lo­sen Be­hör­den­pan­ne ge­we­sen sein. Der un­ter­ge­tauch­te Anis Am­ri, des­sen Pa­pie­re im Fuß­raum des Ber­li­ner Terror-Lkw ge­fun­den wur­den, war von den deut­schen Si­cher­heits­be­hör­den län­der­über­grei­fend als Ge­fähr­der ein­ge­stuft. Das be­stä­tig­te NRWIn­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) ges­tern. Sol­che Per­so­nen wer­den in der Re­gel eng­ma­schig über­wacht.

Zwi­schen­zeit­lich war ge­gen Am­ri so­gar we­gen des Ver­dachts auf Vor­be­rei­tung ei­ner staats­ge­fähr­den­den Straf­tat er­mit­telt wor­den. Die Er­mitt­lun­gen führ­te der Ber­li­ner Ge­ne­ral­staats­an­walt. Sie wur­den ein­ge­stellt, weil die Be­wei­se für ei­ne An­kla­ge nicht reich­ten. Zu­letzt ha­be NRW im No­vem­ber mit an­de­ren Län­dern In­for­ma­tio­nen über Am­ri aus­ge­tauscht, sag­te Jä­ger.

Die Be­hör­den fahn­den eu­ro­pa­weit nach dem mut­maß­li­chen Tä­ter. Für Hin­wei­se wur­de ei­ne Be­loh­nung bis zu 100.000 Eu­ro aus­ge­setzt. Wich­ti­ge Spu­ren füh­ren nach NRW: Am­ri soll en­ge Kon­tak­te zu dem in­haf­tier­ten Is­la­mis­ten Ah­mad Ab­du­la­ziz Ab­dul­lah A. ge­habt ha­ben, der un­ter dem Na­men Abu Wa­laa als ei­ner der ge­fähr­lichs­ten Is­la­mis­ten in Deutsch­land gilt. Er leb­te bis zu sei­ner Ver­haf­tung in Tö­nis­vorst im Kreis Vier­sen. Seit Fe­bru­ar soll Am­ri in Ber­lin ge­lebt ha­ben. Da­nach war er nur noch für kur­ze Auf­ent­hal­te in NRW. Zu­vor soll er ita­lie­ni­schen Me­di­en zu­fol­ge vier Jah­re in Ita­li­en im Ge­fäng­nis ge­ses­sen ha­ben.

Nach ei­nem Be­richt der „Welt“stürm­te die Po­li­zei in Ber­lin ges­tern zeit­gleich ge­gen 20 Uhr zwei Woh­nun­gen, dar­un­ter ei­ne in Kreuz­berg. Bei der Raz­zia sei ein Mann über­wäl­tigt wor­den. Da­bei han­de­le es sich aber nicht um den eu­ro­pa­weit ge­such­ten Anis A, hieß es un­ter Be­ru­fung auf Er­mitt­ler­krei­se.

Der NRW-In­nen­mi­nis­ter be­ton­te, dass ei­ne Be­tei­li­gung von Am­ri an dem Ter­ror­an­schlag noch nicht be­wie­sen sei. „Wir ha­ben nur sei­ne Pa­pie­re in dem Lkw ge­fun­den“, so Jä­ger. Un­ter dem Fah­rer­sitz des Tat- fahr­zeugs war ei­ne auf den Na­men von Am­ri aus­ge­stell­te Dul­dungs­be­schei­ni­gung aus NRW ge­fun­den wor­den. Wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts in Deutsch­land nutz­te Am­ri nach In­for­ma­tio­nen un­se­rer Re­dak­ti­on zwölf Ali­as-Na­men. Zu den Maß­nah­men, de­nen Ge­fähr­der wie Am­ri un­ter­zo­gen wer­den, ge­hö­ren auch Te­le­fon­über­wa­chun­gen. Me- dien­be­rich­te, de­nen zu­fol­ge Am­ris Te­le­fon über­wacht wur­de, woll­te das Mi­nis­te­ri­um nicht kom­men­tie­ren. Im Um­feld des Mi­nis­te­ri­ums hieß es, in NRW sei Am­ri „sehr weit­ge­hend bis lü­cken­los“über­wacht wor­den.

Auch in Ber­lin ist Am­ri über Mo­na­te auf An­wei­sung der Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft be­ob­ach­tet wor­den. Die Er­mitt­lun­gen sei­en nach Hin­wei­sen von Si­cher­heits­be­hör­den des Bun­des ein­ge­lei­tet wor­den, teil­te die Ber­li­ner Be­hör­de mit. Es ha­be In­for­ma­tio­nen ge­ge­ben, wo­nach Am­ri ei­nen Ein­bruch pla­ne, um Waf­fen zu be­schaf­fen, „mög­li­cher­wei­se, um da­mit spä­ter mit noch zu ge­win­nen­den Mit­tä­tern ei­nen An­schlag zu be­ge­hen“. Die Ob­ser­vie­rung von März bis Sep­tem­ber die­ses Jah­res ha­be aber kei­ne Hin­wei­se auf ein ge­plan­tes De­likt er­bracht

Der Tat­ver­däch­ti­ge hat­te sich in Ba­denWürt­tem­berg wo­mög­lich kurz­zei­tig in Ab­schie­be­haft be­fun­den. Ei­ne Per­son mit die­sem Na­men sei am 30. Ju­li in Fried­richs­ha­fen auf­ge­grif­fen wor­den, weil sie ab­ge­scho­ben wer­den soll­te, sag­te der Lei­ter des Amts­ge­richts Ravensburg. Auf­grund feh­len­der Do­ku­men­te kam er wie­der auf frei­en Fuß. Auch Be­hör­den des Krei­ses Kle­ve wa­ren an dem Ab­schie­be­ver­such be­tei­ligt. Laut Jä­ger gab es aber kei­ne recht­li­che Grund­la­ge für Ab­schie­be­haft. Vor­aus­set­zung da­für ist die Klä­rung der Na­tio­na­li­tät. Die steht bei Am­ri erst seit ges­tern fest. Bei Uni­on und FDP in NRW wur­den kri­ti­sche Stim­men ge­gen Jä­ger laut. Die Ver­säum­nis­se mach­ten fas­sungs­los, sag­te ges­tern NRW-FDP-Frak­ti­ons­chef Chris­ti­an Lind­ner. Leit­ar­ti­kel Son­der­sei­ten

FO­TO: DPA

Mit die­sem Fahn­dungs­pla­kat sucht das Bun­des­kri­mi­nal­amt seit ges­tern Abend nach dem mut­maß­li­chen Tä­ter von Ber­lin. Hin­wei­se bit­te an das BKA: 0800 0130110 oder in­fo@bka.de.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.