Gren­zen un­se­rer of­fe­nen Ge­sell­schaft

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

BER­LIN „Die Welt ist aus den Fu­gen. Nach An­sicht vie­ler Zeit­ge­nos­sen trifft das in bei­den Be­deu­tun­gen des Wor­tes zu: Ih­re äu­ße­re Ord­nung ist zer­bro­chen, ih­re in­ne­ren Zu­sam­men­hän­ge ver­lo­ren ge­gan­gen. Wir ir­ren ziel- und ori­en­tie­rungs­los um­her, ar­gu­men­tie­ren für und wi­der.“Es sind düs­te­re, fast apo­ka­lyp­ti­sche Wor­te, mit de­nen ei­ner der ein­fluss­reichs­ten So­zio­lo­gen sein letz­tes Buch ein­lei­tet. Im ver­gan­ge­nen Jahr ist der viel­fach de­ko­rier­te Har­var­dPro­fes­sor Ul­rich Beck über­ra­schend ge­stor­ben; nun ist das er­schie­nen, woran er bis zu­letzt ge­schrie­ben hat. Be­trach­tun­gen über den stän­di­gen Wan­del der Welt, ein Buch über uns, ein Buch über un­se­re Ge­sell­schaft und das, was sie sich in den Ta­gen ge­stei­ger­ter Ve­r­un­si­che­rung fragt: Wie wol­len und wie kön­nen wir künf­tig zu­sam­men­le­ben? Und vor dem Hin­ter­grund der Flücht­lings­de­bat­te: Wel­ches Land wol­len wir sein?

Bis­lang hat­ten wir da­zu zu­min­dest ein Schlag­wort pa­rat, das ganz gut klang und oh­ne je­de wei­te­re Er­klä­rung aus­zu­kom­men schien – das von der of­fe­nen Ge­sell­schaft. Doch ei­lig er­rich­te­te Be­ton­sper­ren vor und ernst­haft be­waff­ne­te Po­li­zei­pa­trouil­len auf Weih­nachts­märk­ten sind die Ka­ri­ka­tur sol­cher li­be­ra­len Ge­sell­schafts­for­men. Un­ser nach­voll­zieh­ba­res Be­dürf­nis nach Si­cher­heit wächst und mit ihm die Be­reit­schaft, pa­ra­do­xe Aus­sa­gen wie die­se zu ak­zep­tie­ren: Man muss die Frei­heit jetzt ein­schrän­ken, um sie auch künf­tig be­wah­ren zu kön­nen. Und da­bei geht es um mehr als den ak­tu­el­len Schutz der Weih­nachts­märk­te. Der öf­fent­li­che Raum ist ver­däch­tig, so­gar le­bens­ge­fähr­lich ge­wor­den.

Sol­che in­ner­städ­ti­schen Be­schrän­kun­gen un­se­rer Be­we­gungs­frei­heit sind die sicht­ba­ren Sym­pto­me ei­ner Ge­sell­schaft, die miss­trau­isch ge­gen das pro­pa­gier­te Ide­al der Of­fen­heit ist. Aus die­sem Span­nungs­feld ist die Theo­rie der of­fe­nen Ge­sell­schaft über­haupt erst her­vor­ge­gan­gen: „Die of­fe­ne Ge­sell­schaft und ih­re Fein­de“lau­tet der Ti­tel des maß­geb­li­chen Bu­ches, das Karl Pop­per 1945 ver­öf­fent­lich­te. Da­rin hat er die Zei­chen der Zeit – die er auch am ei­ge­nen Leib er­fuhr – ver­ar­bei­tet. Der Wie­ner mit jü­di­schen Wur­zeln ret­te­te sein Le­ben vor den Na­zis durch die Emi­gra­ti­on und be­schloss, dem To­ta­li­ta­ris­mus die Auf­klä­rung ent­ge­gen­zu­set­zen. Es soll­te al­so kei­nen ver­bind­li­chen Heils­plan mehr für al­le ge­ben – wie in ge­schlos­se­nen Ge­sell­schaf­ten – da­für aber ei­nen Mei­nungs­aus­tausch und in­tel­lek­tu­el­le Dis­kur­se von al­len. End­lich soll­ten die Men­schen be­freit wer­den von ei­ner vor­ma­li­gen Stam­mes­ord­nung als Sinn­bild für das Ge­schlos­se­ne und be­lohnt wer­den mit ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft. Vom per­ma­nen­ten Aus­tausch er­hoff­te sich Pop­per ei­nen per­ma­nen­ten Fort­schritt, der al­len Frei­heit und Wohl­stand be­sche­ren soll­te. In der De­mo­kra­tie als mög­li­che Staats­form sah der Phi­lo­soph zwar man­che Feh­ler­quel­len; die aber könn­ten mit der Zeit ab­ge­stellt wer­den.

Na­tür­lich ist Karl Pop­pers (1902– 1994) of­fe­ne Ge­sell­schaft am­bi­tio­niert. Wahr­schein­lich lau­ert in ihr so­gar ei­ne Über­for­de­rung vie­ler Men­schen. Denn im Grun­de ge­nom­men darf sie nicht zur Ru­he kom­men. Der Kampf für die Frei­heit ist ewig und en­det nie. Das al­les klingt gut und rich­tig, bleibt in sei­nen ho­hen An­sprü­chen aber ei­ne Kopf­ge­burt. Kri­ti­ker der of­fe­nen Ge­sell­schaft hat es dar­um schon früh ge­ge­ben. Der So­zio­lo­ge Ralf Dah­ren­dorf (1929–2009) et­wa at­tes­tier­te ei­ner Ge­sell­schaft, die zum stän­di­gen Wan­del fä­hig sein muss, ei­ne Art Wer­te­va­ku­um. Was macht ei­ne of­fe­ne Ge­sell­schaft aus, die die Met­a­mor­pho­se zum Prin­zip er­klärt und in der zwangs­läu­fig Tra­di­tio- nen, Re­li­gio­nen, Bin­dun­gen und tra­dier­te Be­deu­tun­gen kei­ne grö­ße­re Rol­le spie­len? Was bleibt dann, wenn am En­de vie­les gleich­gül­tig ist? An die Stel­le ei­ner al­les be­herr­schen­den Ideo­lo­gie ist dann ei­ne al­les ni­vel­lie­ren­de In­halts­lee­re ge­tre­ten.

Die Zei­ten ha­ben sich ge­wan­delt. Neue Fra­gen sind hin­zu­ge­kom­men – et­wa: Wel­che Ge­sell­schafts­form die bes­te sein könn­te im Um­gang mit Glo­ba­li­sie­rung, zu­neh­men­der Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät und der In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen. Ei­ne al­te Fra­ge ist ge­blie­ben: Wie es wei­ter­geht mit der of­fe­nen Ge­sell­schaft. Sind al­so Gren­zen mög­lich, oh­ne un­se­re Le­bens­form nach­hal­tig zu dis­kre­di­tie­ren? Und wenn ja: Wo lie­gen die Gren­zen sol

cher Gren­zen? Der ge­sund­heit­lich an­ge­schla­ge­ne „Kanz­ler der Ein­heit“war nach An­ga­ben des Bis­tums vor fast genau ei­nem Jahr zu­letzt im Dom, dem er sich seit sei­ner Kind­heit ver­bun­den fühlt. Für ihn sei der Dom Sinn­bild des ge­ein­ten Eu­ro­pa und sei­ner christ­li­chen Wur­zeln. Auch in die­sem Jahr ha­be er auf den vor­weih­nacht­li­chen Be­such nicht ver­zich­ten wol­len, „zu­mal es ihm nach ei­ge­nem Be­kun­den wie­der bes­ser geht“, teil­te das Bis­tum mit. Nach meh­re­ren schwe­ren Ope­ra­tio­nen we­gen teils kom­pli­zier­ter Er­kran­kun­gen so­wie ei­nes bei ei­nem Sturz er­lit­te­nen Schä­del-Hirn-Trau­mas hat­te sich der Ju­rist und His­to­ri­ker seit 2007 nur noch sel­ten in der Öf­fent­lich­keit bli- Ter­ror­ak­te und -be­dro­hun­gen sind kei­ne gu­ten Rat­ge­ber. Sie ver­lan­gen stets un­mit­tel­ba­re Re­ak­tio­nen und rau­ben die Zeit zur ak­ti­ven Gestal­tung. Manch­mal ist ihr An­trieb dann nicht krea­tiv, son­dern bloß hys­te­risch. Da­bei sind Gren­zen im wei­tes­ten Sin­ne für je­den von uns le­bens­wich­tig. Sie zei­gen uns, wo et­was be­ginnt und wo et­was en­det. Sie schär­fen al­so un­se­re Wahr­neh­mung, zei­gen Kon­tu­ren. Da­bei geht es im­mer auch um die Be­schaf­fen­heit der Gren­ze: Ob sie un­über­wind­bar ist oder ob sie nach­voll­zieh­ba­re Re­geln vor­gibt; ob sie Ab­so­lu­tes im Sinn hat oder iden­ti­täts­stif­tend ist. Ob ih­re Exis­tenz nur der Angst oder der Sou­ve­rä­ni­tät ge­schul­det ist. Es geht künf­tig we­ni­ger dar­um, ob wir Gren­zen brau­chen, son­dern vor al­lem dar­um, wel­che Art von Gren­ze es wer­den soll, weil auch sie Rück­schlüs­se auf un­se­re Wer­te zu­lässt. Dann kön­nen Grenz­zie­hun­gen auch da­zu die­nen, ei­ne Welt wie­der in ih­re Fu­gen zu rü­cken und ein Zu­sam­men­le­ben von Kul­tu­ren zu er­mög­li­chen, die ein­an­der kaum mehr aus­wei­chen kön­nen. cken las­sen – zu­mal er kaum noch spre­chen kann und bei Auf­trit­ten stets auf ei­nen Roll­stuhl an­ge­wie­sen ist. Den­noch wur­den ihm in den ver­gan­ge­nen Jah­ren meh­re­re Eh­run­gen zu­teil. So er­nann­te ihn Queen Eliz­a­beth II. im Jahr 2007 zum aus­län­di­schen Eh­ren­rit­ter. Au­ßer­dem wur­de im Jahr 2012 ei­ne Son­der­brief­mar­ke mit dem Kon­ter­fei Kohls her­aus­ge­bracht – ei­ne Eh­re, die mit Aus­nah­me des Bun­des­prä­si­den­ten kei­ner le­ben­den Per­son zu­teil wird. Aus­zeich­nun­gen, die sein Be­mü­hen um die deut­sche Wie­der­ver­ei­ni­gung so­wie sei­ne Ver­diens­te für Frie­den und Frei­heit in Eu­ro­pa wür­dig­ten. Nun setz­te er er­neut ein Zei­chen für den Frie­den. Markus Plüm

FO­TO: DPA

Mit die­sem Schild wur­den im Sep­tem­ber 2015 Flücht­lin­ge am Dort­mun­der Haupt­bahn­hof be­grüßt.

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