Ter­ror­ver­däch­ti­ger wohn­te in Em­me­rich

Nach dem An­schlag in Ber­lin fahn­det die Po­li­zei bun­des- und eu­ro­pa­weit nach ei­nem Ver­däch­ti­gen. Ei­ne Spur führt die Er­mitt­ler an den Nie­der­rhein. In Em­me­rich soll der Ge­such­te Anis Am­ri noch bis vor we­ni­gen Mo­na­ten ge­lebt ha­ben.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BERLIN UND DIE FOLGEN - VON STEFANI GEILHAUSEN, THO­MAS REISENER UND CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER

EM­ME­RICH/DÜS­SEL­DORF Es ist kurz nach 14 Uhr, als ges­tern Nach­mit­tag rund 15 Ein­satz­wa­gen der Po­li­zei rund drei Ki­lo­me­ter vor der Flücht­lings­un­ter­kunft in Em­me­rich Sta­ti­on be­zie­hen, in der der mut­maß­li­che At­ten­tä­ter von Ber­lin, Anis Am­ri, ei­ne Zeit lang ge­wohnt ha­ben soll. Doch die er­war­te­te Durch­su­chung des Ge­bäu­des, in dem al­lein­ste­hen­de Män­ner un­ter­ge­bracht sind, bleibt vor­erst aus. Die schwer be­waff­ne­ten Be­am­ten war­ten stun­den­lang in der Dis­tanz. Der Durch­su­chungs­be­schluss ist an­geb­lich nicht gül­tig – of­fen­bar we­gen Schreib­feh­lern. Spä­ter war dann von vier für die Nacht ge­plan­ten Raz­zi­en, un­ter an­de­rem auch in Dins­la­ken, die Re­de.

Wel­che ge­nau­en Er­kennt­nis­se ei­ne Durch­su­chung über den Ver­bleib des Ter­ror­ver­däch­ti­gen brin­gen soll­te, lie­ßen die Er­mitt­ler of­fen. Es ge­he bei dem Ein­satz dar­um, mög­li­che Spu­ren zu si­chern und Per­so­nen zu be­fra­gen, die even­tu­ell Kon­takt zu dem Ge­such­ten hat­ten, hieß es.

Anis Am­ri, der be­waff­net sein könn­te, soll bis zum Som­mer in Em­me­rich ge­lebt ha­ben. Sei­ne Dul­dungs­pa­pie­re, die man un­ter dem Fah­rer­sitz des Lkw fand, wa­ren im Kreis Kle­ve aus­ge­stellt wor­den. „Wir hat­ten ihn bis da­hin auf dem Ra­dar. Er war ei­ner von 50 is­la­mis­ti­schen Ge­fähr­dern, die von uns be­son­ders be­ob­ach­tet wer­den“, hieß es aus Si­cher­heits­krei­sen. „Weil er im Som­mer sei­nen ,Wohn­sitz’ end­gül­tig von NRW nach Ber­lin ver­leg­te, ha­ben wir un­se­re Kol­le­gen in der Bun­des­haupt­stadt über sei­nen Hin­ter­grund in­for­miert.“Was die mit den In­for­ma­tio­nen ge­macht hät­ten, sei nicht be­kannt. Ein an­de­rer Er­mitt­ler aus NRW sag­te: „Die ha­ben ihn in Ber­lin of­fen­bar nicht ge­nü­gend un­ter Dampf ge­setzt.“

Fest steht bis­lang, dass sich der Ge­such­te, der heu­te 24 Jah­re alt sein soll, seit­dem über­wie­gend in Ber­lin auf­hielt – bis zum An­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt. Zwi­schen­zeit­lich sei ge­gen ihn so­gar we­gen des Ver­dachts auf Vor­be­rei­tung ei­ner staats­ge­fähr­den­den Straf­tat er­mit­telt wor­den. Die Er­mitt­lun­gen führ­te der Ber­li­ner Ge­ne­ral­bun­des­an­walt. Sie wur­den aber ein­ge­stellt, weil die Be­weis­ket- te letzt­lich nicht für ei­ne An­kla­ge reich­te.

Die Aus­län­der­be­hör­de des Krei­ses Kle­ve hat­te den schon we­gen Kör­per­ver­let­zung vor­be­straf­ten Tu­ne­si­er aus­wei­sen wol­len. Sie war aber an der Zu­sam­men­ar­beit mit des­sen Hei­mat­be­hör­de ge­schei­tert, die sich wei­ger­te, Pas­ser­satz­pa­pie­re für ihn aus­zu­stel­len. „Es gab of­fen­sicht­lich kein In­ter­es­se in Tu­ne­si­en, die­sen Mann zu­rück­zu­neh­men“, sag­te NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD), „be­zeich­nen­der­wei­se sind die Pas­ser­satz­pa­pie­re aus Tu­ne­si­en genau heu­te ein­ge­trof­fen.“Jä­ger be­ton­te, dass ei­ne Be­tei­li­gung von Anis Am­ri an dem Ter­ror­an­schlag noch nicht be­wie­sen sei: „Wir ha­ben nur sei­ne Pa­pie­re in dem Lkw ge­fun­den. Das ist noch kein Be­weis.“

Mit wel­chen Maß­nah­men Anis Am­ri über­wacht wor­den ist, woll­ten die Er­mitt­ler nicht sa­gen. Ob­ser­viert wur­de er aber of­fen­bar nicht. „Wenn wir al­le 50 Ge­fähr­der in NRW rund um die Uhr ob­ser­vie­ren wür­den, bräuch­ten wir 1500 Mann“, sag­te Arnold Pli­ckert, NRW-Vor­sit­zen­der der Ge­werk­schaft der Po­li­zei. Deutsch­land­weit gibt es nach An­ga­ben des Bun­des­in­nen­mi­nis­te- ri­ums der­zeit 549 Men­schen, die als Ge­fähr­der ein­ge­stuft wer­den. Aber nicht al­le hal­ten sich dem­nach in Deutsch­land auf, vie­le von ih­nen be­fin­den sich im Aus­land.

Kaum kur­sier­ten im In­ter­net die ers­ten un­schar­fen und ver­pi­xel­ten Fo­tos des Ge­such­ten, den die Ber­li­ner Po­li­zei zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben hat, da soll­te er in Düs­sel­dorf be­reits ge­sich­tet wor­den sein. Ein Mann aus ei­nem Kauf­haus soll die Po­li­zei in­for­miert ha­ben, die das Ge­bäu­de dar­auf­hin mit schwer be­waff­ne­ten Be­am­ten um­stell­te und durch­su­chen ließ. Wäh­rend des Ein­sat­zes durf­te nie­mand mehr rein oder raus, die Auf­re­gung un­ter Kun­den und Mit­ar­bei­tern war groß, ein Ver­däch­ti­ger wur­de nicht ge­fun­den. Wo sich Anis Am­ri der­zeit be­fin­det, kön­nen die Si­cher­heits­be­hör­den nicht sa­gen. Er ist in ganz Eu­ro­pa zur Fahn­dung aus­ge­schrie­ben. In­di­zi­en da­für, dass er sich in NRW auf­hal­ten könn­te, ha­ben die Er­mitt­ler of­fen­bar nicht.

FO­TO: C. REICHWEIN

In die­ser Flücht­lings­un­ter­kunft in Em­me­rich soll der Ter­ror­ver­däch­ti­ge ei­ne Zeit lang ge­lebt ha­ben.

FO­TO: BER­GER

In ei­nem Düs­sel­dor­fer Kauf­haus woll­te ein Zeu­ge den Ge­such­ten ge­se­hen ha­ben. Po­li­zis­ten um­zin­gel­ten das Ge­bäu­de – aber es war fal­scher Alarm.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.