De­bat­te um Si­cher­heit ist in vol­lem Gan­ge

Die Po­li­ti­ker neh­men sich zwar vor, die Po­li­zei nach dem An­schlag ih­re Ar­beit tun zu las­sen. Doch sie ru­fen be­reits nach Kon­se­quen­zen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BERLIN UND DIE FOLGEN - VON GRE­GOR MAYNTZ UND EVA QUADBECK

BER­LIN Nach dem Ter­ror­an­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt sei bei der Be­völ­ke­rung „ein ge­wis­ses Maß an Angst“zu spü­ren, sagt Uni­ons­frak­ti­ons­vi­ze Ste­phan Har­b­arth, als er sei­nen Weih­nachts­ur­laub für ei­ne Son­der­sit­zung des In­nen­aus­schus­ses im Bun­des­tag un­ter­bricht. Ob­wohl es ei­gent­lich in ers­ter Li­nie ein Fall für die Po­li­zei ist, spürt in­zwi­schen auch die Po­li­tik im Um­feld der Son­der­sit­zung, dass da ein ge­wis­ses Maß an Ge­set­zes­ar­beit auf sie zu­kommt.

Da­bei ge­ben sich Uni­on, SPD, Grü­ne und Lin­ke nur am An­fang ent­schlos­sen, kei­ne vor­ei­li­gen Schlüs­se zu zie­hen, die Er­mitt­lungs­be­am­ten ih­re Ar­beit ma­chen zu las­sen und ge­ra­de im An­ge­sicht des Ter­rors „als de­mo­kra­ti­sche Kräf­te zu­sam­men­zu­ste­hen“, wie es Lin­ken-In­nen­ex­per­te Frank Tem­pel ein­for­dert. Doch die Par­la­men­ta­ri­er ste­hen auch un­ter dem Ein­druck von CSU-Chef Horst See­ho­fer, der schon am Mor­gen nach der Tat die De­vi­se aus­gab, die Po­li­tik sei es den Op­fern schul­dig, die Si­cher­heits­und Zu­wan­de­rungs­po­li­tik neu aus­zu­rich­ten.

Ei­ner, der an der längst voll­zo­ge­nen Neu­aus­rich­tung in­ten­siv mit­ge­wirkt hat, ist Ste­phan May­er. Er ist CSU-Po­li­ti­ker und nimmt als sol­cher sei­nen Par­tei­chef in Schutz: Der Terror ha­be in Deutsch­land nun ei­ne neue Di­men­si­on an­ge­nom­men, da dür­fe nie­mand zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen. Aber May­er ist auch in­nen­po­li­ti­scher Spre­cher der ge­mein­sa­men CDU/CSU-Bun­des­tags­frak­ti­on. Als sol­cher sagt er auf die Nach­fra­ge nach dem, was denn nun kon­kret „neu aus­ge­rich­tet“wer­den sol­le, da müs­se man erst ein­mal den Sach­ver­halt klä­ren.

Da­für ste­hen ne­ben Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) die Chefs von Po­li­zei und Ver­fas­sungs­schutz be­reit. Sie schil­dern hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren die jüngs­ten Er­kennt­nis­se zum Ber­li­ner Ter­ror­akt und zu der Per­son, die am Nach­mit­tag per öf­fent­li­cher Fahn­dung als neu­er Tat­ver­däch­ti­ger in ganz Eu­ro­pa ge­sucht wird.

Vor al­lem für Uni­ons­po­li­ti­ker ist die Ge­schich­te von Anis Am­ri der letz­te Be­leg, dass sich drin­gend et­was än­dern müs­se: Wie sein Asyl­ver­fah­ren nicht be­schleu­nigt wer­den konn­te, da sich die Grü­nen im Bun­des­rat wei­gern, die Ma­ghre­bLän­der als si­che­re Her­kunfts­staa­ten ein­zu­stu­fen. Wie er ei­ne Dul­dungs­ver­fü­gung auf­grund der gel­ten­den Ge­set­zes­la­ge be­kam, die de Mai­ziè­re seit dem Som­mer be­reits ein­schrän­ken woll­te, da­für bis­lang aber nicht die Zu­stim­mung der SPD-re­gier­ten Mi­nis­te­ri­en in der Bun­des­re­gie­rung be­kam. „Wir hät­ten die­se heu­te mit be­schlie­ßen kön­nen“, sagt ein Spre­cher de Mai­ziè­res nach der Ka­bi­netts­sit­zung. Da ging es um neue Ge­set­ze für mehr in­ne­re Si­cher­heit: Bo­dy­cams für Bun­des­po­li­zis­ten und mehr Vi­deo­über­wa­chung. Auf den Weg ge­bracht wur­de das nach dem Amok­lauf im Münch­ner Ein­kaufs­zen­trum En­de Ju­li. Ge­eig­net ist das Ge­setz aber auch für Weih­nachts­märk­te. Was gä­be die Po­li­zei nun dar­um, Auf­zeich­nun­gen vom Breit­scheid­platz zu ha­ben.

Und so hält denn auch der Aus­schuss­vor­sit­zen­de Ans­gar He­ve­ling für ab­seh­bar, wie die De­bat­te nun lau­fen wird: erst die schreck­li­che Tat mit Hin­ter­grün­den und Zu­sam­men­hän­gen um­fas­send auf­klä­ren, dann of­fen dis­ku­tie­ren, wel­che po­li­ti­schen Kon­se­quen­zen zu zie­hen sind. Klar sei je­doch jetzt die Er­war- tung, dass die Vor­schlä­ge de Mai­ziè­res – et­wa zu stren­ge­ren Re­ge­lun­gen für ei­ne Dul­dung – „jetzt rasch ins Ka­bi­nett kom­men“, sagt der CDUPo­li­ti­ker.

SPD-In­nen­ex­per­te Burk­hard Lisch­ka warnt vor vor­schnel­len For­de­run­gen. Erst recht da­vor, ei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen Terror und Flücht­lings­po­li­tik her­zu­stel­len. Man schaue nur ein­mal auf an­de­re eu­ro­päi­sche Län­der, die schlim­men Terror er­leb­ten, ob­wohl sie nur sehr we­ni­ge Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men hät­ten. Aber der SPD-Ex­per­te schränkt zu­gleich ein: Auch sei­ne Par­tei wer­de auf den Rat von Ex­per­ten hö­ren. Da­bei ver­weist er mit Blick auf den Breit­scheid­platz dar­auf, dass die So­zi­al­de­mo­kra­ten schon An­fang des Jah­res für mehr Vi­deo­über­wa­chung ein­ge­tre­ten sei­en.

Aus den Hin­wei­sen in die is­la­mis­ti­sche Sze­ne und über mög­li­che Steue­run­gen von At­ten­tä­tern in Deutsch­land durch den Is­la­mi­schen Staat schluss­fol­gert CDU-In­nen­ex­per­te Ar­min Schus­ter ei­ne neue Si­cher­heits­lü­cke: die Be­schrän­kun­gen für den Aus­lands­nach­rich­ten­dienst BND. Die­ser dür­fe Kom­mu­ni­ka­ti­on so­lan­ge nicht über­wa­chen, wie er nicht zwei­fels­frei ge­klärt ha­be, dass kei­ne Deut­schen da­von be­trof­fen sind. „Wenn der BND sieht, dass aus der IS-Hoch­burg Rak­ka re­gel­mä­ßig Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Deutsch­land läuft, darf er die nicht auf­klä­ren, so­lan­ge er nicht weiß, zwi­schen wem die­se Ver­bin­dung exis­tiert.“Da­bei lie­ge hier doch auf der Hand, dass es sich um „Steue­rungs­im­pul­se vom IS für po­ten­zi­el­le At­ten­tä­ter“han­deln könn­te. Schus­ter: „Hier müs­sen wir uns für das BND-Ge­setz drin­gend et­was Neu­es ein­fal­len las­sen.“

AFP. FO­TO:

Zwei Ta­ge nach dem An­schlag auf den Weih­nachts­markt de­mons­trie­ren AfD-An­hän­ger vor dem Bun­des­kanz­ler­amt in Ber­lin. So­wohl Thü­rin­gens Lan­des- und Frak­ti­ons­chef Björn Hö­cke, als auch der stell­ver­tre­ten­de AfD-Bun­des­vor­sit­zen­de Alex­an­der Gau­land hat­ten ih­re Teil­nah­me zu­ge­sagt.

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