An­griff auf die Be­son­ne­nen

Es gibt Men­schen, die nach der Blut­tat in Ber­lin erst ein­mal sprach­los sind. Auf die­ses Schwei­gen soll­ten wir hö­ren.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BERLIN UND DIE FOLGEN - Ih­re Mei­nung? Schrei­ben Sie un­se­rer Au­to­rin: ko­lum­ne@rhei­ni­sche-post.de

Nun hat der Kampf um die Ver­ein­nah­mung des An­schlags in Ber­lin be­gon­nen. Und an­ge­sichts des Leids, das an ei­nem fried­li­chen Vor­weih­nachts­abend über so vie­le Men­schen ge­kom­men ist, ha­ben Rechts­po­pu­lis­ten leich­tes Spiel. Nicht nur da­rin, Hass auf Men­schen frem­der Her­kunft zu schü­ren und mit neu­em Ei­fer ei­ne Grup­pe von Leu­ten, die nicht viel mehr eint, als dass sie ge­flo­hen sind, zu Fein­den zu er­klä­ren. Vor al­lem ver­su­chen sie, all je­ne zu ver­un­glimp­fen, die sich wei­ter für ei­ne of­fe­ne Ge­sell­schaft ein­set­zen und dies nicht für ei­ne Fra­ge von Pol­lern vor der Fuß­gän­ger­zo­ne hal­ten. Auf die Be­son­ne­nen ha­ben sie es ab­ge­se­hen, stel­len sie als Ver­harm­lo­ser dar, die jetzt er­le­ben, was sie an­geb­lich ver­drän­gen woll­ten.

So sorgt ein At­ten­tat, das ei­gent­lich nur stumm ma­chen kann vor Trau­er und Be­stür­zung, da­für, dass Men­schen sich ge­recht­fer­tigt füh­len, ih­re Res­sen­ti­ments of­fen aus­zu­spre­chen und sich kei­ner Grob­heit mehr schä­men. Ist die Rhe­to­rik der Aus­gren­zung, sind in­fa­me Schuld­zu­wei­sun­gen aber erst ein­mal in der Welt und wer­den wie­der­holt und für po­li­ti­sche Zwe­cke aus­ge­nutzt, dann fres­sen sich die Denk­mus­ter des Has­ses ins Be­wusst­sein. Und ge­win­nen an Nor­ma­li­tät.

Doch es gibt auch die Men­schen, die Ker­zen auf­stel­len, Blu­men ab­le­gen – und schwei­gen. Es gibt Men­schen, die trotz des sich än­dern­den Kli­mas wei­ter dar­an mit­ar­bei­ten, dass die In­te­gra­ti­on von Flücht­lin­gen ge­lingt. Weil sie die Not­wen­dig­keit se­hen. Und sich nicht dar­auf zu­rück­zie­hen, dass die Kanz­le­rin die Gren­zen bes­ser nicht ge­öff­net hät­te.

Das At­ten­tat in Ber­lin war ei­ne grau­sa­me Tat. Je­dem, der da­mit et­was be­wei­sen will, ist zu miss­trau­en.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.