Mord an Bot­schaf­ter bringt Er­do­gan in Er­klä­rungs­nö­te

Acht­mal hat­te der At­ten­tä­ter von An­ka­ra an Ein­sät­zen zum Schutz des Prä­si­den­ten teil­ge­nom­men. Ob­wohl er Gü­len-An­hän­ger ge­we­sen sein soll, wur­de er bei den „Säu­be­run­gen“nicht ent­deckt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - VON FRANK NORDHAUSEN

AN­KA­RA Was steckt hin­ter dem At­ten­tat auf den rus­si­schen Bot­schaf­ter And­rej Kar­low am Mon­tag­abend in An­ka­ra? Ge­gen­sätz­li­che Schuld­zu­wei­sun­gen stif­ten zu­neh­men­de Ver­wir­rung. Wäh­rend die tür­ki­sche Re­gie­rung kurz dar­auf die „üb­li­chen Ver­däch­ti­gen“aus der so­ge­nann­ten Gü­len-Be­we­gung ver­ant­wort­lich mach­te, hat sich nach An­ga­ben der rus­si­schen Nach­rich­ten­agen­tur Sput­nik ges­tern die sy­ri­sche Dschi­ha­dis­ten­mi­liz Dscha­bat Fa­tah al Scham, die frü­he­re Al-Nus­raFront, zu dem Mord be­kannt.

Kar­low war vor lau­fen­den Ka­me­ras er­schos­sen wor­den, als er bei der Er­öff­nung ei­ner Fo­to­aus­stel­lung ei­ne An­spra­che hielt. Der An­grei­fer war ein 22-jäh­ri­ger tür­ki­scher Son­der­ein­satz­po­li­zist na­mens Mev­lüt Mert Alt­in­tas. Er wur­de kurz dar­auf von Si­cher­heits­kräf­ten ge­tö­tet.

Auf ei­ner ara­bisch­spra­chi­gen Web­site, die der Fa­tah-al-SchamFront zu­ge­rech­net wird, ver­öf­fent­lich­te die sy­ri­sche Grup­pie­rung ei­nen Brief, in dem es heißt: „Ei­ner der Hel­den der Fa­tah, Mär­ty­rer Mert Alt­in­tas, führ­te die Hin­rich­tung des rus­si­schen Bot­schaf­ters And­rej Kar­low in An­ka­ra aus, weil die Welt da­zu schweigt, was in Alep­po ge­schieht.“Die Al-Scham-Front kämpft in Sy­ri­en ge­gen die Trup­pen des Macht­ha­bers Ba­schar al As­sad. Sie wur­de zu­min­dest zeit­wei­se von An­ka­ra un­ter­stützt. Ob das Be­kennt­nis echt ist, blieb un­klar.

Die tür­ki­sche Re­gie­rung und re­gie­rungs­na­he Me­di­en hat­ten sich sehr schnell nach dem At­ten­tat auf die Be­we­gung des in den USA le­ben­den Is­lam­pre­di­gers Fe­thul­lah Gü­len als Draht­zie­her fest­ge­legt. Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan macht die in­zwi­schen als „Fe­thul­la­his­ti­sche Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on“(Fe­tö) be­zeich­ne­te Grup­pe für den Putsch­ver­such von Tei­len des Mi­li­tärs am 15. Ju­li ver­ant­wort­lich. Mehr als 100.000 vor­geb­li­che Gü­le­nis­ten wur­den seit­her aus dem Staats­dienst ent­las­sen und über 40.000 ver­haf­tet, dar­un­ter auch zahl­rei­che An­ge­hö­ri­ge der Son­der­ein­satz­po­li­zei.

Da­ge­gen hieß es ges­tern aus dem Kreml, für ei­ne Schuld­zu­wei­sung an Gü­len sei es zu früh. „Der Mord kann die Be­mü­hun­gen Russ­lands und der Tür­kei, ei­ne Frie­dens­re­ge­lung für Sy­ri­en zu fin­den, in kei­ner Wei­se stö­ren“, sag­te Kreml­spre­cher Dmi­tri Pes­kow. Ähn­lich äu­ßer­te sich Er­do­gan. Gü­len ver­ur­teil­te den An­schlag scharf.

Un­ter­des­sen ver­wei­sen Re­gie­rungs­kri­ti­ker in der Tür­kei auf zahl­rei­che Un­ge­reimt­hei­ten der of­fi­zi­el­len Darstel­lung. Russ­land hat­te am Di­ens­tag ein Team von 18 Ex­per­ten nach An­ka­ra ent­sandt, die zu­sam­men mit tür­ki­schen Er­mitt­lern den Mord an dem Di­plo­ma­ten un­ter­su­chen und nach den Draht­zie­hern fahn­den sol­len.

Als Re­ak­ti­on auf den An­schlag nahm die tür­ki­sche Po­li­zei bis ges­tern 13 Ver­däch­ti­ge fest, dar­un­ter die El­tern des aus der west­tür­ki­schen Pro­vinz Ay­din stam­men­den At­ten­tä­ters. Au­ßer­dem sei ein On­kel fest­ge­nom­men wor­den, der ei­ne lei­ten­de Funk­ti­on in ei­ner in­zwi­schen ge­schlos­se­nen Gü­len-Schu­le ge­habt ha­be. Als Be­weis, dass Alt­in­tas zur Gü­len-Be­we­gung ge­hör­te, füh­ren Er­do­gan-treue Me­di­en an, dass er ei­ne Nach­hil­fe­schu­le der Gü­le- nis­ten be­sucht ha­be und sei­ne Aus­bil­dung von ei­nem in­zwi­schen flüch­ti­gen Ge­schäfts­mann der „Be­we­gung“fi­nan­ziert wor­den sei.

Dies sei­en In­di­zi­en, die durch­aus für ei­ne Ur­he­ber­schaft der Gü­le­nis­ten spre­chen könn­ten, aber kei­ne be­last­ba­ren Be­wei­se, ur­tei­len kri­ti­sche­re Me­di­en. Die li­be­ral­kon­ser­va­ti­ve „Hür­riy­et“ent­hüll­te, dass Al- tin­tas seit dem Putsch­ver­such min­des­tens acht­mal an Ein­sät­zen der Son­der­ein­satz­po­li­zei zum Schutz Er­do­gans bei Ver­an­stal­tun­gen in An­ka­ra teil­nahm. „Gott be­hü­te, er hät­te auch dort han­deln kön­nen“, schreibt das Blatt. Die lin­ke Zei­tung „Cumhu­riy­et“frag­te, wie es mög­lich sei, dass Alt­in­tas mit sei­ner Bio­gra­fie den um­fang­rei­chen „Säu­be­run­gen“nach dem Putsch­ver­such ent­ge­hen konn­te – zu­mal er 2015 we­gen sei­ner Kon­tak­te zu Gü­le­nis­ten über­prüft, aber of­fen­bar für „sau­ber“be­fun­den wur­de.

Die Gü­len-Ver­bin­dung passt auch nicht da­zu, dass der At­ten­tä­ter nach dem An­schlag aus­rief, er ha­be Ra­che für den Fall Alep­pos ge­nom­men: „Ver­gesst Alep­po nicht! Ver­gesst Sy­ri­en nicht!“Gü­le­nis­ten ha­ben sich nie mit den Dschi­ha­dis­ten in Sy­ri­en ge­mein ge­macht. Eben­so rät­sel­haft ist, dass Alt­in­tas da­bei den lin­ken Zei­ge­fin­ger in die Luft reck­te – das Sym­bol der Dschi­ha­dis­ten ist der rech­te Zei­ge­fin­ger. Er wir­ke wie ein „Möch­te­gern-Dschi­ha­dist“, heißt es da­zu auf der Nah­os­tWeb­site Al Mo­ni­tor.

Mög­lich ist, dass Alt­in­tas sich selbst ra­di­ka­li­sier­te, oh­ne Hin­ter­män­ner zu ha­ben. In sei­nem Face­book-Pro­fil äu­ßer­te er sich mehr­fach kri­tisch über die An­grif­fe auf Alep­po, die in der Tür­kei zu Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen ge­gen Russ­land und den Iran ge­führt ha­ben. Doch da­zu scheint wie­der­um die pro­fes­sio­nell wir­ken­de Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung der Tat nicht zu pas­sen. War er ein Gü­le­nist, der sich als Dschi­ha­dist tarn­te? Hat­te er Hel­fer? Drei Ta­ge nach dem At­ten­tat von An­ka­ra blei­ben deut­lich mehr Fra­gen als Ant­wor­ten.

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