Marxloh kämpft ge­gen „Pro­blem­häu­ser“

Die Stadt Duis­burg will mög­lichst al­le Schrot­t­im­mo­bi­li­en, in de­nen Zu­wan­de­rer le­ben, schlie­ßen las­sen. Nur so könn­te es mit Marxloh wie­der auf­wärts ge­hen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - PANORAMA - VON CHRIS­TI­AN SCHWERDTFEGER

DUIS­BURG Wenn Leo­pol­di­ne Thiel aus dem Fens­ter ih­rer Woh­nung auf die Stra­ße schaut, be­kommt sie häu­fig schlech­te Lau­ne. „Da ist oft al­les vol­ler Müll“, sagt sie. „Die schmei­ßen ein­fach al­les auf die Stra­ße“, be­tont die 67-Jäh­ri­ge. Sie meint da­mit ih­re Nach­barn, Zu­wan­de­rer aus Bul­ga­ri­en. In ih­rem Haus in Duis­burg-Marxloh, in dem sie seit 2003 wohnt, sei sie mitt­ler­wei­le die ein­zi­ge Ein­hei­mi­sche, die an­de­ren fünf Miet­par­tei­en kä­men al­le aus Süd­ost­eu­ro­pa. „Sau­ber­keit und Ord­nung, das ken­nen die nicht“, meint die Rent­ne­rin.

So wie das Haus, in dem Thiel wohnt, ver­kom­men vie­le Ge­bäu­de in Marxloh. Die Kri­mi­na­li­tät in dem Vier­tel ist eng ver­wo­ben mit den so­ge­nann­ten Schrot­t­im­mo­bi­li­en, in de­nen vor al­lem Zu­wan­de­rer aus Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en un­ter­ge­bracht sind. Mehr als 18.000 sol­len in Duis­burg le­ben, die meis­ten von ih­nen ge­hö­ren der Volks­grup­pe der Ro­ma an. Mit dem star­ken Zu­zug aus Süd­ost­eu­ro­pa ha­be sich die La­ge in den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren mas­siv ver­schärft, so Duis­burgs Po­li­zei­prä­si­den­tin El­ke Bar­tels.

Nach Ein­schät­zung der städ­ti­schen Be­hör­den ist das Be­trei­ben die­ser Häu­ser ein lu­kra­ti­ves Ge­schäfts­mo­dell: Auf­ge­kauft wer­den die­se her­un­ter­ge­kom­me­nen Miets­ka­ser­nen oft bei Zwangs­ver­stei­ge­run­gen. Die neu­en Ei­gen­tü­mer quar­tie­ren die Ar­muts­flücht­lin­ge dann mas­sen­haft ein. Zum Teil le­ben zehn­köp­fi­ge Fa­mi­li­en auf we­ni­gen Qua­drat­me­tern zu­sam­men. Ih­re So­zi­al­leis­tun­gen, die sie be­zie­hen, be­hal­ten sie zum größ­ten Teil nicht selbst ein, son­dern über­wei­sen sie auf an­de­re Kon­ten wei­ter. Über die Hin­ter­män­ner und Be­sit­zer die­ser Kon­ten ist we­nig be­kannt. Die Staats­an­walt­schaft soll aber Er­mitt­lun­gen auf­ge­nom­men ha­ben.

In Marxloh gibt es 85 die­ser „Pro­blem­häu­ser“, acht da­von hat die Stadt in den ver­gan­ge­nen Wo­chen schlie­ßen und für un­be­wohn­bar er­klä­ren las­sen. Die Ein­gän­ge und Kel­ler­fens­ter hat man an­schlie­ßend mit Stahl­plat­ten ver­sperrt, da­mit nie­mand mehr rein­kommt. „Es war Ge­fahr in Ver­zug. Der Brand­schutz war nicht ge­ge­ben. Des­halb ha­ben wir die Häu­ser für un­be­wohn­bar er­klärt“, sagt Duis­burgs Rechts­de­zer­nen­tin Da­nie­la Les­meis­ter, die seit zwei Mo­na­ten die städ­ti­sche Task­force „Pro­blem­im­mo­bi­li­en“lei­tet und das kri­mi­nel­le Ge­schäfts­mo­dell zer­schla­gen will. „Denn es ist un­fass­bar, dass der Staat so aus­ge­nutzt wird“, sagt sie. In den acht Häu­sern, die sie bis­lang für un­be­wohn­bar er­klä­ren konn­te, ha­be sie im­mer ein un­fass­ba­res Elend vor­ge­fun­den. „Es war im­mer al­les voll mit Rat­ten, Ka­ker­la­ken, Un­rat und Ex­kre­men­ten“, be­rich­tet sie.

Un­ter­stüt­zung in ih­rem Kampf ge­gen die „Pro­blem­häu­ser“hat ihr CDU-Lan­des­chef Ar­min La­schet si­gna­li­siert, der sich in die­ser Wo­che selbst ein Bild von den Ge­ge­ben­hei­ten in Marxloh ver­schafft hat. „Es ist gut, dass man die­se Häu­ser still­legt. Das ent­zieht de­nen, die da­hin­ter ste­cken, die Ge­schäfts­grund­la­ge“, so La­schet. Da­mit dies aber schnel­ler ge­he, müs­se das Land für Städ­te wie Duis­burg bes­se­re recht­li­che Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen, da­mit die Kom­mu­nen här­ter durch­grei­fen könn­ten. „Wir brau­chen für die­se Fäl­le ei­ne Null-To­le­ranz-Stra­te­gie“, be­tont der Vor­sit­zen­de der CDULan­des­chef.

Ei­ni­ge Marxlo­her „Ur­ein­woh­ner“ha­ben ih­rem Stadt­teil be­reits den Rü­cken ge­kehrt, weil sie es nicht mehr aus­ge­hal­ten ha­ben. „Ich muss­te mei­ne Mut­ter letz­te Wo­che ins Al­ten­heim brin­gen las­sen, weil die Süd­ost­eu­ro­pä­er das gan­ze Haus ver­wüs­tet ha­ben“, sagt Gi­se­la Dre­mel (Na­me ge­än­dert). Vie­le kön­nen aber nicht ein­fach weg, selbst wenn sie es woll­ten. Be­son­ders Ei­gen­tü­mer. Denn die Woh­nun­gen und Häu­ser im Duis­bur­ger Nor­den ha­ben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren im­mens an Wert ver­lo­ren. „Ich ha­be für mei­ne Woh­nung mal 100.000 DMark be­zahlt. Heu­te be­kom­me ich sie nicht ein­mal für 7000 Eu­ro ver­kauft“, sagt ein An­woh­ner.

Jo­chen Merz wohnt seit sei­ner Kind­heit an der Kai­ser-Wil­helm­Stra­ße in Marxloh. Der 50-Jäh­ri­ge will blei­ben, auch wenn er sich selbst nicht mehr über­all in sei­nem Vier­tel al­lei­ne hin­traut. „Es gibt kei­ne Rück­sicht­nah­me mehr, kei­nen Re­spekt. Wenn selbst Kin­der auf par­ken­den Au­tos her­um­sprin­gen und Spie­gel ab­tre­ten, weil sie das lus­tig fin­den, und nie­mand da­ge­gen vor­geht, läuft ge­wal­tig et­was schief“, sagt Merz. Die Po­li­zei, sagt er, se­he er kaum noch auf den Stra­ßen. Vor ei­nem Jahr als Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in Marxloh war, sei das noch an­ders ge­we­sen. „In den Mo­na­ten nach ih­rem Be­such stan­den Po­li­zis­ten an fast je­der Ecke. Da fühl­te man sich si­cher.“

Um das Si­cher­heits­ge­fühl der Bür­ger in dem Vier­tel zu ver­stär­ken, hat die Po­li­zei ges­tern am „Poll­man­neck“in Marxloh, ei­nem be­son­de­ren Kri­mi­na­li­täts­schwer­punkt, ei­ne Vi­deo­über­wa­chungs­an­la­ge in Be­trieb ge­nom­men. Die Ka­me­ras wer­den nur an aus­ge­wähl­ten Wo­chen­ta­gen und zu be­stimm­ten Uhr­zei­ten an­ge­schal­tet, die Po­li­zei über­wacht über Mo­ni­to­re in Wa­chen.

Ei­ne sol­che An­la­ge wür­de sich auch Leo­pol­di­ne Thiel auf ih­rer Stra­ße wün­schen. „Aber um uns küm­mert sich ja nie­mand“, sagt sie.

„Mei­ne Woh­nung hat mal 100.000 D-Mark ge­kos­tet, jetzt be­kom­me ich sie für 7000 Eu­ro nicht los“

Ein An­woh­ner

FO­TOS: CHRIS­TOPH REICHWEIN

Leo­pol­di­ne Thiel ist noch die ein­zi­ge Ein­hei­mi­sche in dem Mehr­fa­mi­li­en­haus in Duis­burg-Marxloh. Die an­de­ren Par­tei­en stam­men aus Süd­ost­eu­ro­pa. „Um uns küm­mert sich ja nie­mand“, sagt die 67-Jäh­ri­ge.

CDU-Lan­des­chef Ar­min La­schet und An­woh­ner Jo­chen Merz.

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