Ab­schie­bung per Char­ter­flug­zeug

Bal­kan­flücht­lin­ge ha­ben in Deutsch­land kei­ne Chan­ce auf Asyl. Die Po­li­tik will sie mög­lichst schnell zu­rück­schi­cken. Un­se­re Re­por­te­rin hat ei­ne Ab­schie­bung am Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fen be­ob­ach­tet.

Rheinische Post Moenchengladbach - - GESELLSCHAFT - VON FRAN­ZIS­KA HEIN

DÜS­SEL­DORF Iri­na* weint, ihr klei­ner Sohn hält ih­re Hand, ihr Mann hat ei­nen Arm um sie ge­legt. Sie setzt sich auf ei­ne Bank an der Ge­päck­ab­fer­ti­gung und streicht über ih­ren di­cken Bauch. Iri­na ist schwan­ger. Heu­te kom­men Ma­gen­schmer­zen da­zu. An die­sem Tag wer­den sie und ih­re Fa­mi­lie in den Ko­so­vo ab­ge­scho­ben, ih­re Hei­mat. Ih­re Asyl­an­trä­ge wur­den end­gül­tig ab­ge­lehnt.

Die Aus­län­der­be­hör­de hat die Fa­mi­lie in den frü­hen Mor­gen­stun­den ab­ge­holt. Sie hat­te nur we­nig Zeit, ih­re Hab­se­lig­kei­ten in gro­ße Kof­fer und Plas­tik­t­ra­ge­ta­schen zu pa­cken, be­vor sie zum Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fen ge­fah­ren wur­de. Jetzt schiebt ein Bun­des­po­li­zist das Hab und Gut auf ei­nem Ge­päck­wa­gen hin­ter der Fa­mi­lie her und hilft da­bei, es auf das Ge­päck­band zu he­ben.

Bal­kan­flücht­lin­ge gel­ten als Ar­muts­mi­gran­ten. Sie müs­sen Platz ma­chen für je­ne, die un­se­re Hil­fe wirk­lich brau­chen, ar­gu­men­tiert die Po­li­tik. Ver­kürzt heißt das: Bal­kan­flücht­lin­ge müs­sen ge­hen, Men­schen aus Bür­ger­kriegs­län­dern wie Sy­ri­en dür­fen blei­ben.

Das Land NRW ist für die Sam­mel­ab­schie­bun­gen ver­ant­wort­lich. Da­für char­tert es Flug­zeu­ge ei­ner deut­schen Flug­ge­sell­schaft, die da­mit öf­fent­lich nicht in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den will. Die Bun­des­po­li­zei or­ga­ni­siert die Ab­schie­bun­gen am Düs­sel­dor­fer Flug­ha­fen, sie fin­den un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit in ei­nem still­ge­leg­ten Mi­li­tär­ter­mi­nal statt. Für Men­schen wie Iri­na ist es ei­ne Aus­nah­me­si­tua­ti­on, vie­le der ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­ber spre­chen kein Deutsch und wol­len erst recht nicht mit der Pres­se re­den.

Lei­ter der Rück­füh­rung ist der Bun­des­po­li­zist Nor­bert Hil­len­brand. Der 45-Jäh­ri­ge wird spä­ter mit im Flug­zeug sit­zen und Iri­nas Fa­mi­lie an die Be­hör­den im Ko­so­vo über­ge­ben. Der Be­am­te muss wis­sen, wenn es Pro­ble­me gibt. Des­we­gen in­for­miert ihn der be­glei­ten­de Arzt Cle­mens Wirtz über Iri­nas Zu­stand. „Kei­ne Ab­schie­bung um je­den Preis“, lau­tet die Prä­mis­se. Aber Iri­na hat kei­ne Wahl. Der Arzt hat ih­re Flug­taug­lich­keit be­stä­tigt, und das heißt: Sie muss flie­gen.

Drau­ßen vor dem Ter­mi­nal war­ten die nächs­ten Fa­mi­li­en in Klein­bus­sen. Sie wer­den von Mit­ar­bei­tern der Ord­nungs­äm­ter und Aus­län­der­be­hör­den ih­res je­wei­li­gen bis­he­ri­gen Wohn­orts be­glei­tet. Man­che kom­men vom Nie­der­rhein. Rund 150 Men­schen aus Al­ba­ni­en und dem Ko­so­vo wer­den an die­sem Tag zu­rück nach Pris­ti­na und Ti­ra­na ge­bracht. Es sind haupt­säch­lich Fa­mi­li­en mit Kin­dern. „Man­che rei­sen auch frei­wil­lig aus, weil sie kurz vor Weih­nach­ten noch nach Hau­se wol­len“, sagt Hil­len­brand.

Als Iri­na und ih­re Fa­mi­lie ih­re Kof­fer auf­ge­ge­ben ha­ben, be­kom­men sie ei­ne Bord­kar­te. Ein Bun­des­po­li­zist hakt die Na­men der Pas­sa­gie­re auf ei­ner Lis­te ab, er teilt der Fa­mi­lie ei­nen Kol­le­gen zu, der sie auf dem Flug be­glei­tet.

Die Be­glei­ter war­ten in ei­nem durch Flat­ter­band ab­ge­trenn­ten Be­reich, bis sie auf­ge­ru­fen wer­den. Sie sind in Zi­vil und nur an ih­rer neon­gel­ben Po­li­zei­wes­te zu er­ken­nen. Hil­len­brand trägt ei­nen dun­k­len An­zug mit Hemd und Kra­wat­te. Es gibt Kaf­fee und Kek­se, wäh­rend die Be­am­ten war­ten.

Für Iri­na und ih­re Fa­mi­lie gibt es Lunch­pa­ke­te mit je ei­ner Fla­sche Was­ser, ei­nem Ap­fel, zwei be­leg­ten Nor­bert Hil­len­brand Bun­des­po­li­zist Bro­ten und ei­nem Scho­ko­rie­gel. Die jun­ge Frau hat sich be­ru­higt. Sie sagt, sie will flie­gen. Sie und ih­re Fa­mi­lie müs­sen noch durch die Pass­kon­trol­le und den Si­cher­heits­check, be­vor sie in der Hal­le auf den Ab­flug war­ten.

Vom Check-in bis zum Bo­ar­ding klappt al­les gut und zü­gig. Und doch ist nichts Rou­ti­ne, we­der für die Po­li­zis­ten noch für Iri­na: Hil­len­brand hat 500 Über­stun­den an­ge­sam­melt und kurz vor Weih­nach­ten noch fast sei­nen ge­sam­ten Jah­res­ur­laub üb­rig. Für die schwan­ge­re Frau ist es der ers­te Flug, ihr Sohn ist noch nie zu­vor in Pris­ti­na ge­we­sen.

Iri­na lässt sich in ei­ner Ecke der War­te­hal­le nie­der. Zwi­schen den Sitz­rei­hen flit­zen Kin­der hin und her. Ein jun­ger Mann geht mit ei­ner Zi­ga­ret­te im Mund­win­kel un­ru­hig auf und ab, rau­chen darf er sie nicht. Cle­mens Wirtz sieht nach Iri­na. Der Arzt wird im Flug­zeug da­bei sein. Er muss noch ei­nen Pa­ti­en­ten mit Dia­be­tes und ei­nen Frischope­rier­ten im Au­ge be­hal­ten. Sie kön­nen mit­flie­gen, so sein Ein­druck. „Ich kann ver­ste­hen, dass man in Deutsch­land blei­ben will, wenn man schwan­ger ist, aber das geht nicht“, sagt der Arzt.

Auch Ein­satz­lei­ter Hil­len­brand be­hält den War­te­raum im Blick. „Al­le hier wis­sen im Grun­de schon lan­ge, dass sie nicht blei­ben kön­nen“, sagt er. Und doch wird es den meis­ten erst jetzt be­wusst. Ei­ne Frau hat den Kopf in die Hand ge­stützt und jam­mert lei­se vor sich hin. Vie­len ist von Schleu­sern al­les ver­spro­chen wor­den, ein Job, ei­ne Woh­nung, Geld, sagt Hil­len­brand. In der al­ten Hei­mat müs­sen sie von vor­ne an­fan­gen. Ihr Hab und Gut ha­ben die Fa­mi­li­en oft ver­setzt, um Schleu­ser zu be­zah­len. Der Traum von ei­nem bes­se­ren Le­ben en­det in die­ser War­te­hal­le.

„Wir spü­ren, dass die Men­schen in ei­ner psy­chi­schen Aus­nah­me­si­tua­ti­on sind“, sagt Hil­len­brand. „Je­der Po­li­zist ist auch ein Mensch.“Sei­ne Kol­le­gen und er sei­en Voll­stre­cker ei­ner Ent­schei­dung, die der Rechts­staat ge­trof­fen ha­be. „Die Bun­des­po­li­zis­ten sind bei der Ein­rei­se die ers­ten, die die Leu­te se­hen, und bei der Aus­rei­se die letz­ten“, sagt er. „Was da­zwi­schen pas­siert, wis­sen wir nicht.“

Seit 15 Jah­ren macht er den Job, ei­ne Fa­mi­lie hat er nicht. Wenn der Po­li­zist Flü­ge be­glei­tet, sind 15St­un­den-Schich­ten üb­lich. Um 7 Uhr geht es los. Bei kur­zen Flug­rou­ten wie nach Pris­ti­na fliegt er noch am sel­ben Tag zu­rück. Für heu­te rech­net er mit sei­ner Rück­kehr ge­gen 21 Uhr. „Ich möch­te aber nicht jam­mern. Ich ma­che das hier frei­wil­lig“, sagt er.

Auch wenn al­les fried­lich und ru­hig ab­läuft, sind die Po­li­zis­ten nicht net­tes Bo­den­per­so­nal, son­dern da­für aus­ge­bil­det ein­zu­grei­fen, wenn es ernst wird. „Es kommt sel­ten vor, dass Leu­te sich mit Ge­walt weh­ren – selbst bei Straf­tä­tern“, sagt Hil­len­brand. Aber kei­ner der Po­li­zis­ten trägt an Bord ei­ne Waf­fe. Dort hat der Pi­lot das Kom­man­do. Im Zi­el­land ha­ben deut­sche Po­li­zis­ten oh­ne­hin kei­ne Ho­heits­rech­te.

Es ist mitt­ler­wei­le halb zwölf, in ei­ner hal­ben St­un­de soll der Flie­ger ab­he­ben. Wäh­rend am Check-in noch die letz­te Fa­mi­lie war­tet, stei­gen die ers­ten in den Bus zum Flug­zeug. Auch für Hil­len­brand wird es Zeit. Er wird mehr als acht St­un­den im Flie­ger sit­zen. Und mor­gen früh geht al­les von vor­ne los.

*Na­me ge­än­dert

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