Wenn es Weih­nach­ten im­mer we­ni­ger wer­den

In der Ge­bor­gen­heit der Fa­mi­lie ist Hei­lig­abend ein Ri­tu­al. Mit dem Tod lie­ber Men­schen än­dert sich al­les. Weil Leer­stel­len ent­ste­hen.

Rheinische Post Moenchengladbach - - GESELLSCHAFT - VON AN­NET­TE BO­SET­TI

Die bö­sen Buch­sta­ben ste­cken im Be­griff schon drin. Her­aus­ge­schüt­telt er­ge­ben sie ein Weh und Ach. Da­bei ist Weih­nach­ten an sich ein schö­nes Fest, christ­lich und fa­mi­li­är ge­prägt. Doch gibt es im Lau­fe des Le­bens Ein­bu­ßen hin­zu­neh­men. Weil die Freu­de, die wir emp­fin­den, ge­kop­pelt ist an Men­schen und Ri­tua­le. Ver­lie­ren wir die Men­schen, ver­schwin­den die Ri­tua­le. Neue müs­sen her. Sind wir da­zu nicht be­reit, ste­hen wir am En­de ganz nackt da. Oh­ne Weih­nachts­baum und Ge­schen­ke, oh­ne Gän­se­bra­ten und war­me Schat­ten­mo­rel­len auf Va­nil­le­eis mit Schlag­sah­ne.

Va­ter, Mut­ter, Bru­der, Schwes­tern, die Groß­el­tern aus der Ei­fel und die un­ver­hei­ra­te­te Tan­te Hil­de aus Ame­ri­ka – Jahr für Jahr ver­sam­mel­ten sie sich in Ein­tracht un­term Weih­nachts­baum bei uns zu Hau­se in Aa­chen. Die­se tra­di­tio­nel­le Fa­mi­li­en­voll­ver­samm­lung ist bis heu­te in mei­nem Ge­dächt­nis mit ei­ner Vor­stel­lung von Hei­lig­abend­glück be­setzt. Halb sechs wird ge­ges­sen, halb acht be­schert, halb neun sind die Ker­zen schon halb run­ter­ge­brannt, die Mä­gen schwer ge­füllt – nach im­mer glei­chem Sche­ma ver­geht der hei­ligs­te Abend des Jah­res.

Drei St­un­den bis zum Auf­bruch in die Christ­met­te ver­ge­hen noch, die über­brückt wer­den müs­sen mit Spie­len oder dem Er­zäh­len von Fa­mi­li­en­le­gen­den. Da­zu gibt es Omas Beth­männ­chen, Prin­ten und Stol­len. Sekt und Schnaps lo­ckern Zun­ge und Ma­nie­ren. Opa ist im Ses­sel ein­ge­nickt, Va­ter hat ’nen Schwips, Mut­ter räumt noch die Kü­che auf, die Kin­der sind ver­tieft in das Spiel mit ih­ren Ge­schen­ken. Kei­nes­falls ha­ben sie Lust auf Kon­ver­sa­ti­on mit der Ver­wandt­schaft. Spä­ter wird sich Va­ter die Grö­ße­ren schnap­pen und mit ih­nen in den Dom zie­hen; Mut­ter kann nun wirk­lich nicht mehr und bit­tet um Ver­ständ­nis. Die an­de­ren sind bei­zei­ten nach Hau­se ge­fah­ren.

Das Weh war schon da, als das Fest noch funk­tio­nier­te. In mei­ner gro­ßen Fa­mi­lie gab es ei­nen, der zehn Wo­chen vorm Hei­li­gen Abend dau­er­haft in Übel­lau­nig­keit ver­fiel. Bis heu­te ver­folgt mich das. Und ich pas­se auf, dass ich nicht wie mein Va­ter wer­de. Da­bei hat­te er be­ruf­lich zum Jah­res­en­de nicht son­der­lich Stress wie an­de­re Män­ner. Im Haus­halt hat­te er kaum Auf­ga­ben. Er wür­de wie im­mer den Baum kau­fen und ihn dann in ei­nem me­tal­le­nen ur­al­ten Stän­der auf­rich­ten. Er wür­de wie im­mer nör­geln, dass die­ser krumm sei, ob­wohl er ihn selbst aus­ge­sucht hat­te und nicht so viel Geld da­für aus­ge­ben woll­te. Den Rest, al­so das meis­te, er­le­dig­te mei­ne Mut­ter. Und das war viel, noch da­zu mit klei­nem Haus­halts­geld.

Dem­ent­spre­chend fie­len un­se­re Ge­schen­ke aus. Manch­mal soll­ten sie mit be­reits er­wor­be­nen All­tags­ge­gen­stän­den wie Flö­te, Win­ter­man­tel oder Stie­fel ver­rech­net wer­den, was wir nicht ge­recht fan­den, am En­de aber ein­sa­hen. Wenn es auch in an­de­ren Fa­mi­li­en groß­zü­gi­ger zu­ging. Va­ter warn­te vor Neid und pre­dig­te Groß­zü­gig­keit. De­mons­tra­tiv lud er je­den Stra­ßen­keh­rer, der vor un­se­rem Haus ar­bei­te­te, auf ei­nen Tres­ter ein. Auch die Müll­män­ner konn­ten sich nicht be­kla­gen, wenn sie das Neu­jähr­chen an­sag­ten. Dies al­les hat un­se­re Grund­ein­stel­lung ge­prägt. Bis heu­te.

Bei al­len Ni­cke­lig­kei­ten war das Weih­nachts­fest ein hei­li­ges Ri­tu­al. Je grö­ßer wir Kin­der wur­den, des­to mehr über­nah­men wir Mut­ters Auf­ga­ben. Mei­ne äl­te­re Schwes­ter hat­te Piz­za ba­cken ge­lernt, was da­mals noch sehr un­ge­wohnt war. Von die­ser Vor­spei­se war mein Va­ter be­geis­tert, nicht we­ni­ger be­geis­tert war er, als mein Bru­der per­si­sches Es­sen am Hei­lig­abend auf­tisch­te. Ko­chen hat­te er im Stu­den­ten­heim ge­lernt, das Es­sen war sehr scharf.

Zu je­der Mahl­zeit gab es bei uns Sa­lat und Ge­mü­se, na­tür­lich galt das Ge­setz auch Weih­nach­ten. Als die ers­ten En­kel mit am Tisch sa­ßen, wa­ren wir froh, dass un­ser Me­nü nicht starr und un­ser Va­ter auf­ge­schlos­sen war. Jetzt wur­den auf ein­mal zu­sätz­lich zum Drei­gang-Weih­nachts­es­sen Tor­tel­li­ni mit wei­ßer So­ße von ei­nem Zwil­lings­kind und Ga­bel-Spa­ghet­ti mit To­ma­ten­so­ße vom an­de­ren be­stellt. Der Freund mei­ner jün­ge­ren Schwes­ter (die Ta­fel wur­de im­mer län­ger) er­klär­te sich als Ve­ge­ta­ri­er.

Tan­te Hil­de und die Groß­el­tern star­ben kurz nach­ein­an­der, doch die Ri­tua­le des Hei­lig­abend blie­ben. Nach und nach do­mi­nier­te ich das Ca­te­ring, das im­mer um­fang­rei­cher wur­de. Mei­ne El­tern wa­ren dar­über froh, dass die Fol­gen der auf­wen­di­gen Ko­che­rei nun nicht mehr ih­re schma­le 60er Jah­re-Kü­che ver­wüs­te­ten. Ich leb­te da­mals in ei­nem Bau­ern­haus in Bel­gi­en, wo man Hei­lig­abend bis abends noch al­les und be­son­de­re Le­cke­rei­en ein­kau­fen konn­te, die es in Deutsch­land nicht gab. Ich koch­te mit Lie­be für mei­ne viel­köp­fi­ge Ver­wandt­schaft, emp­fand da­bei nie Stress. Im Ge­gen­teil ver­setz­ten mich die Win­ter­son­nen­wen­de und das wei­ße Licht die­ser Ta­ge in eu­pho­ri­sche Stim­mung. Meist be­rei­te­te ich ei­nen Tag vor Weih­nach­ten schon vie­les vor, am 24. ar­bei­te­te ich über St­un­den für un­ser Weih­nachts­es­sen, schnip­pel­te, koch­te Sup­pen­kno­chen aus und So­ßen ein, ar­ran­gier­te Vor­spei­sen­plat­ten. Im­mer hör­te ich Ra­dio da­zu, zwi­schen­durch führ­te ich das ein oder an­de­re Te­le­fo­nat. Recht­zei­tig schob ich al­le Spei­sen in mei­nen Kom­bi und bau­te das fei­er­li­che Es­sen bei mei­nen El­tern auf.

Weih­nach­ten bei uns zu Hau­se war im­mer schön, bis die Fa­mi­lie ih­re Mit­te ver­lor. Im Ju­ni 1982 ver­un­glück­te mei­ne Mut­ter töd­lich. Sie war noch jung, nicht ein­mal 60 Jah­re alt. Als Weih­nach­ten kam, wuss­ten wir nicht, wie wir die Ta­ge oh­ne sie über­ste­hen wür­den. Ich be­kam Weih­nachts­weh, das schlimms­te mei­nes Le­bens. Ich bin in die Wüs­te nach Tu­ne­si­en ge­reist, ha­be in ei­si­gen Näch­ten in den Ster­nen­him­mel ge­starrt. Zum ers­ten Mal in mei­nem Le­ben war ich am 24. De­zem­ber nicht zu Hau­se. Ich ha­be sehr viel ge­weint um mei­ne ge­lieb­te Mut­ter. Ich ha­be ih­re Prä­senz ver­misst, das In-den-Arm-Neh­men, die Le­bens­er­mun­te­run­gen, ihr aus­ge­las­se­nes Kla­vier­spiel als Mit­tel ge­gen den größ­ten Stress. Das wür­de nie wie­der so sein an Weih­nach­ten und auch nicht an an­de­ren Ta­gen. Die­se Lü­cke war nicht zu fül­len, wenn sich auch mei­ne äl­tes­te Schwes­ter Mü­he gab, den jün­ge­ren Mäd­chen ei­ne Er­satz­mut­ter zu sein.

Mei­nem Va­ter zu­lie­be ha­ben wir die Tra­di­ti­on be­wahrt, sind wei­ter am Hei­li­gen Abend zu­sam­men­ge­kom­men, je­der von uns über­nahm Auf­ga­ben, es soll­te al­les so aus­se­hen wie zu­vor. Und doch wur­de es ein Abend mit Leer­stel­le. Das ging über vie­le Jah­re gut, bis mei­ne äl­tes­te Schwes­ter er­klär­te, sie wol­le ab jetzt lie­ber zu Hau­se fei­ern. Sie hat­te drei Kin­der und moch­te nun nicht mehr im El­tern­haus sit­zen, wo die Fröh­lich­keit nicht mehr Gast war.

Die an­de­re Schwes­ter hei­ra­te­te ei­nen Hol­län­der und zog weit weg. Dort gab es Sin­ter­klaas, und Weih- nach­ten wür­de sie erst am ers­ten Fei­er­tag nach Hau­se kom­men, kün­dig­te sie an. Mein Bru­der hei­ra­te­te ei­ne Frau, die kein Fa­mi­li­en­mensch war. Er wür­de aber al­les mit­ma­chen wie bis­her. Dies al­les ge­fiel mir nicht, denn so schrumpf­te der Hei­lig­abend bis zum Tod mei­nes Va­ters kon­ti­nu­ier­lich zu nur noch ei­nem bei­na­he krampf­haft ver­wal­te­ten Fest, das an den Ri­tua­len der Ver­gan­gen­heit fest­hal­ten woll­te, aber nicht konn­te. Wir mach­ten es uns so ge­müt­lich wie mög­lich, deck­ten den Tisch für nur noch fünf Per­so­nen, leg­ten Mut­ters Weih­nachts­de­cke auf. Doch die Stim­mung war nie mehr wie frü­her, mei­ne Schwä­ge­rin mach­te je­de Freu­de durch un­pas­sen­de Ge­sprächs­the­men wie Erb­schaft oder Frau­en­krank­hei­ten zu nich­te. Mein Va­ter bot aus Ent­set­zen dar­über nur noch zweit­klas­si­gen Sekt an. Ei­nen Baum gab es nicht mehr. Mit dem Al­ter ver­schwin­det die Sen­ti­men­ta­li­tät, mein­te Va­ter. Die Hei­lig­keit des Abends kam mir vor wie ge­spielt – auf der Büh­ne ei­nes zweit­klas­si­gen Thea­ters.

Die meis­ten mei­ner Ge­schwis­ter ha­ben mit ih­ren Kin­dern vie­le Ri­tua­le über­nom­men. Wir kin­der­lo­sen Ge­schwis­ter hal­ten die­se im Ge­dächt­nis le­ben­dig. Seit dem Tod des Va­ters trifft man sich ein­mal an Weih­nach­ten, aber zu mei­nem Leid­we­sen nicht mehr an Hei­lig­abend. Wir ver­ste­hen uns gut. Die Schwes­tern ha­ben je­de ein Ge­schenk für die an­de­re, die Sch­wa­ger, Schwä­ge­rin und der Bru­der be­kom­men Wein oder Par­füm, die Kin­der be­stell­te Über­ra­schun­gen. Dann es­sen wir zu­sam­men, er­zäh­len die al­ten Ge­schich­ten. Als Fa­mi­li­en­ober­haupt an Weih­nach­ten galt ab so­fort mei­ne äl­te­re Schwes­ter.

In die­sem Som­mer ist sie schwer er­krankt, ein gro­ßer Schock für uns Fa­mi­li­en­tie­re. 2016 wird viel­leicht ihr letz­tes Weih­nach­ten im Le­ben sein – oh­ne Es­sen, Ge­schen­ke und oh­ne Baum. Wenn al­le an­de­ren fei­ern, wer­den wir ge­mein­sam wei­nen. Und nicht wis­sen, wie es wei­ter­geht. Ob vom Weih­nachts­glück noch et­was üb­rig bleibt, ins nächs­te Jahr ge­ret­tet wird? Ich weiß es nicht.

Ach. Ich ha­be sol­ches Weih­nachts­weh.

Die Hei­lig­keit des Abends kam mir vor wie ge­spielt – auf der Büh­ne ei­nes zweit­klas­si­gen Thea­ters

FO­TO: PRI­VAT

Weih­nach­ten 1958: Der Hei­li­ge Abend war ein fest ge­füg­tes Ri­tu­al in der Fa­mi­lie von An­net­te Bo­set­ti. Das Fo­to zeigt das am­tie­ren­de Nest­häk­chen mit Va­ter, Mut­ter, Bru­der und der äl­te­ren Schwes­ter links ne­ben dem Va­ter.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.