Das giftige Er­be der So­wjet­uni­on

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON KLAUS-HELGE DONATH

MOS­KAU Der Wes­ten war be­un­ru­higt. Er fürch­te­te die Streu­wir­kung der im­pe­ria­len Splitter, soll­te das so­wje­ti­sche Rie­sen­reich aus­ein­an­der­bre­chen. An­fang Au­gust 1991 reis­te der da­ma­li­ge USPrä­si­dent Ge­or­ge H.W. Bush nach Kiew, in die ukrai­ni­sche So­wjet­re­pu­blik. Bush woll­te die Ab­ge­ord­ne­ten der Ra­da, des Par­la­ments der Ukrai­ne, über­re­den, den neu­en Ver­trag nicht ab­zu­leh­nen. Denn noch im Au­gust woll­te Mos­kau ein Ab­kom­men vor­le­gen, das den so­wje­ti­schen Teil­re­pu­bli­ken grö­ße­re Selbst­stän­dig­keit ein­räum­te. Bushs Wor­te klan­gen wie ei­ne Be­schwö­rung.

Zwei Wo­chen spä­ter put­schen Hard­li­ner der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (KPdSU) ge­gen den so­wje­ti­schen Prä­si­den­ten Mich­ail Gor­bat­schow. Mit dem Ver­trag hat­te er die UdSSR ret­ten wol­len. Der Coup schlug fehl und auch der Ver­such, die Uni­on zu be­wah­ren. Die Put­schis­ten aus der KPdSU be­sie­gel­ten auch das Schick­sal der Staats­par­tei. Die Uni­on der So­zia­lis­ti­schen So­wjet­re­pu­bli­ken (UdSSR) ge­hör­te fak­tisch der Ver­gan­gen­heit an.

Ei­ne Re­pu­blik nach der an­de­ren er­klär­te sich für un­ab­hän­gig. Ir­ri­tie­rend: Nie­mand aus Staat und Par­tei hielt es für nö­tig, das Sys­tem zu ver­tei­di­gen. Auch hielt kei­ne ein­zi­ge Re­pu­blik mehr zur Uni­on.

Als am 25. De­zem­ber das ro­te Ban­ner über dem Kreml ein­ge­holt wur­de und Gor­bat­schow den Amts­sitz ver­ließ, war er längst ein Herr­scher oh­ne Land. An­fang De­zem­ber hat­ten die sla­wi­schen Re­pu­bli­ken Weiß­russ­land, Ukrai­ne und Russ­land den Ver­trag zur Auf­lö­sung der Uni­on ver­ein­bart. Das rus­si­sche Par­la­ment stimm­te dem mit gro­ßer Mehr­heit zu, auch die kom­mu­nis­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten, die den Re­form­kräf­ten heu­te Ver­rat vor­wer­fen. Russ­land ging früh auf Dis­tanz zur Uni­on. In der wirt­schaft­li­chen Not­la­ge dach­ten die Men­schen vor al­lem dar­an, wie sie die Fa­mi­li­en er­näh­ren konn­ten. Je­de Re­pu­blik galt als Kost­gän­ger. Schei­den tat nicht weh.

Doch in der Nost­al­gie der Wie­der­be­le­bung al­les So­wje­ti­schen ver­schwin­den die Fak­ten. Wenn Wla­di­mir Pu­tin vom En­de der So­wjet­uni­on als „größ­ter geo­po­li­ti­schen Ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts“spricht, macht er den Wes­ten für den Nie­der­gang der UdSSR ver­ant­wort­lich. Da­hin­ter ver­birgt sich die feh­len­de Be­reit­schaft, für ei­ge­nes Han­deln ein­zu­ste­hen. Das ist so­wje­tisch, hat je­doch noch tie­fe­re Wur­zeln: Russ­land macht sich zum Op­fer, ein Op­fer kann je­doch nicht schul­dig sein, so die Lo­gik. Es hat das Recht, sich aus der La­ge zu be­frei­en, was im­mer es da­bei an­rich­ten mag.

Da­mit be­grün­det Mos­kau die mi­li­tä­ri­schen Über­grif­fe der ver­gan­ge­nen Jah­re – ob im Krieg ge­gen Ge­or­gi­en, bei der Anne­xi­on der Krim, im Don­bass oder auch in Sy­ri­en. Die Miss­ach­tung von Wahr­heit, die Hal­tung, al­le Fak­ten dien­ten nur ei­nem ver­deck­ten Ziel, wa­ren schon Teil so­wje­ti­scher Politik. Auch die „neu­ro­ti­sche Welt­sicht“von Un­si­cher­heit und Be­dro­hung ge­hö­re da­zu, mein­te der US-Di­plo­mat und Russ­land­ken­ner Ge­or­ge Kenn­an schon 1946. Das Ge­fühl der Un­si­cher­heit wer­de als Recht­fer­ti­gung ge­nutzt, um mi­li­tä­ri­sche und po­li­zei­li­che Macht aus­zu­bau­en.

Nicht zu­letzt ist die­ses Vor­ge­hen das Ve­hi­kel, mit dem der rus­si­sche Na­tio­na­lis­mus seit Jahr­hun­der­ten vor­rückt und da­bei das Ver­ständ­nis von An­griff und Ver­tei­di­gung ver­wischt. Das liegt auch heu­te vor.

Ei­ne Wie­der­er­rich­tung der UdSSR als geo­po­li­ti­scher Ein­heit droht je­doch nicht. Fi­nan­zi­el­le und mi­li­tä­ri­sche Mit­tel feh­len, um das al­te Reich an die Kan­da­re zu neh­men. Der Ein­satz des al­ters­schwa­chen Flug­zeug­trä­gers „Ad­mi­ral Kus­ne­zow“gab ei­ne Kost­pro­be – auf dem Weg nach Sy­ri­en un­ter­hielt er spöt­teln­de Kom­men­ta­to­ren. Auch das Pro­jekt der Eu­ra­si­schen Uni­on – als neo-im­pe­ria­le Neu­auf­la­ge rus­si­schen Reichs­stre­bens – kommt nicht vor­an.

Ist Wla­di­mir Pu­tins Al­lein­herr­schaft auch ein so­wje­ti­sches Erb­stück? Russ­land wird seit je au­to­kra­tisch re­giert. Nach der Mon­ar­chie und der Dik­ta­tur Sta­lins über­nahm ein Ge­ne­ral­se­kre­tär die Par­tei­füh­rung, das Po­lit­bü­ro als kol­lek­ti­ve Lei­tung ge­wann wie­der an Be­deu­tung. Pu­tin muss un­ter­des­sen auf nie­man­den hö­ren, kei­ner kon­trol­liert ihn. Auch ideo­lo­gisch hat er freie Hand: Er nimmt, was sich bie­tet. In­so­fern ent­puppt er sich als ein Herr­scher post­mo­der­nen Zu­schnitts. Was glänzt und hilft, ist will­kom­men. So­wje­ti­scher Su­per­macht­sta­tus und Sieg im Zwei­ten Welt­krieg, Za­ren­pracht und Or­tho­do­xie pas­sen wi­der­spruchs­los un­ter ei­nen Hut.

Be­lie­bi­ges mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen, hat in Russ­land Tra­di­ti­on. Die So­wjet­uni­on setz­te das Er­be fort. Wi­der­sprü­che schlie­ßen sich nicht aus: Ges­tern noch schwang sich die So­wjet­uni­on auf, Pro­le­ta­ri­ern das athe­is­ti­sche Pa­ra­dies zu ver­hei­ßen, und sah sich als Speer­spit­ze uni­ver­sa­len Fort­schritts. Heu­te ver­langt Mos­kau in­brüns­tig, als Hü­ter des Tra­di­tio­na­lis­mus und Hort kon­ser­va­ti­ver Wer­te an­er­kannt zu wer­den. Aus der An­nah­me, ei­ne zi­vi­li­sa­to­ri­sche Vor­hut zu sein, zieht Mos­kau auch den Glau­ben, nie zu feh­len und im­mer im Recht zu sein. Da­mals wie heu­te.

Be­vor die UdSSR zu­sam­men­fiel, hat­te sie sich in der Rüs­tung über­nom­men. Als Mit­te der 80er Jah­re der Öl­preis sank, war die Kri­se nicht mehr auf­zu­hal­ten. Die Ab­hän­gig­keit vom De­vi­sen­brin­ger Öl war Haupt­grund für den im­pe­ria­len Kol­laps. Russ­land will es nicht wahr­ha­ben. De­bat­ten dar­über fin­den je­doch nicht statt, ob­wohl das Land heu­te vor dem glei­chen Pro­blem steht. Wis­sen­schaft­li­che Ex­per­ti­se zählt nicht. Sonst müss­te sich Mos­kau von al­ten Ge­pflo­gen­hei­ten tren­nen: kei­ne Fak­ten mehr leug­nen und die Su­che nach äu­ße­ren Fein­den ein­stel­len.

Statt­des­sen hüllt es die Welt wei­ter in My­then und über­tüncht die dra­ma­ti­sche His­to­rie von Blut und Brü­chen mit Er­folgs­ge­schich­ten. Auch die Nost­al­gie für die UdSSR wird ge­för­dert. 56 Pro­zent be­dau­ern ihr En­de heu­te – be­vor Pu­tin 2012 er­neut ins Amt kam, war der Wert schon un­ter 50 Pro­zent ge­fal­len.

Be­lie­bi­ges mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen, hat in Russ­land Tra­di­ti­on, Wi­der­sprü­che schlie­ßen sich nicht aus

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