Die Ak­te Anis Am­ri

Rheinische Post Moenchengladbach - - BERLIN UND DIE FOLGEN - VON JAN DREBES, REIN­HARD KOWALEWSKY UND GRE­GOR MAYNTZ

BER­LIN Fahn­dungs­pan­nen und Kon­troll­ver­lus­te der Si­cher­heits­be­hör­den be­glei­ten den mut­maß­li­chen Weg des Tu­ne­si­ers Anis Am­ri über Ita­li­en, Ba­den-Würt­tem­berg und NRW zum Ter­ror­an­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt. Doch an den ein­zel­nen Sta­tio­nen las­sen sich auch ge­ne­rel­le De­fi­zi­te im deut­schen und in­ter­na­tio­na­len Si­cher­heits­sys­tem ab­le­sen, die teils nach wie vor für Pro­ble­me sor­gen. 2010 oder 2011: Am­ri ver­lässt sei­ne Hei­mat Tu­ne­si­en Pro­blem: Tu­ne­si­en ist zu­neh­mend vom Is­la­mis­mus be­droht. Über die Gren­ze zu Li­by­en kom­men Waf­fen ins Land, zu Tau­sen­den zie­hen re­kru­tier­te Kämp­fer in den Dschi­had nach Sy­ri­en wei­ter. Auch im Land selbst wächst die Be­dro­hung. Der Wes­ten wird auf­merk­sam, als am Strand von Sous­se 38 Men­schen er­schos­sen wer­den. Lan­ge wei­gert sich Tu­ne­si­en, Mi­gran­ten aus Eu­ro­pa zu­rück­zu­neh­men. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) muss im Früh­jahr den Druck er­hö­hen, da­mit nen­nens­wer­te Rück­füh­run­gen in Gang kom­men. Es blei­ben aber weit un­ter 200. Da­ge­gen ste­hen Tau­sen­de, de­ren Asyl­an­trä­ge ab­ge­lehnt wur­den. Auch die tu­ne­si­sche Straf­ak­te von Am­ri, in der es auch um den Dieb­stahl ei­nes Lkw ge­gan­gen sein soll, stand den deut­schen Be­hör­den nicht zur Ver­fü­gung. 2011: Am­ri wird in Ita­li­en straf­fäl­lig und ein­ge­sperrt Pro­blem: Der man­geln­de Da­ten­aus­tausch be­herrscht über Jah­re den eu­ro­päi­schen Um­gang mit Mi­gran­ten. Es ist nicht be­kannt, ob die ita­lie­ni­schen Be­hör­den die Straf­ak­te in die in­ter­na­tio­na­len In­for­ma­ti­ons­sys­te­me ein­ge­speist ha­ben. Am­ri soll be­reits kurz nach sei­ner mut­maß­li­chen An­kunft als Boots­flücht­ling 2011 in Ita­li­en ein Auf­fang­la­ger und ei­ne Schu­le auf Si­zi­li­en an­ge­zün­det ha­ben. Doch da­von wis­sen zu­nächst we­der Asy­l­ent­schei­der noch Ver­fas­sungs­schüt­zer oder Po­li­zis­ten in Deutsch­land et­was. Mit­te 2015: Am­ri lässt sich of­fen­bar in Frei­burg re­gis­trie­ren Pro­blem: Am­ri nutzt ei­nen für sich in dop­pel­ter Hin­sicht güns­ti­gen Um­stand. Ita­li­en schei­tert bei dem Ver­such, ihn in sei­ne Hei­mat ab­zu­schie­ben. Gleich­zei­tig ge­lan­gen vie- le Flücht­lin­ge un­kon­trol­liert nach Deutsch­land. Po­li­zei­ge­werk­schaf­ter Rai­ner Wendt klagt, dass die gro­ßen drei Da­ten­ban­ken – das Ea­sySys­tem, die Schen­gen-Da­tei und die eu­ro­pa­wei­te An­ti-Ter­ror-Da­tei – nicht mit­ein­an­der ver­bun­den sind. „Bei uns leuch­ten al­so bei der Re­gis­trie­rung an der Gren­ze kei­ne Warn­leuch­ten auf, wenn ge­fähr­li­che Per­so­nen als Flücht­lin­ge ein­rei­sen“, so Wendt. Mit sei­nen An­ga­ben, er sei ein min­der­jäh­ri­ger Ägyp­ter, fliegt Am­ri bei den Be­hör­den aber we­gen feh­len­der Ägyp­ten-Kennt­nis­se auf. Herbst 2015: Am­ri legt sich in Deutsch­land meh­re­re Iden­ti­tä­ten zu Pro­blem: In­ner­halb Deutsch­lands gibt es un­ter­schied­li­che Zu­stän­dig­kei­ten. Das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge be­kommt erst im Lau­fe des Jah­res 2015 Zu­griff auf Da­ten­ban­ken an­de­rer Be­hör­den. Die ver­schie­de­nen Si­cher­heits­be­hör­den er­fah­ren lan­ge nichts von ge­gen­sei­ti­gen Er­kennt­nis­sen. Letz­te Lü­cken wer­den erst 2016 ge­schlos­sen. Wendt schätzt da­her, dass im­mer noch mehr als 100.000 Iden­ti­tä­ten von Flücht­lin­gen un­ge­klärt sind. Früh­jahr 2016: Am­ri be­an­tragt Asyl und gilt als Ge­fähr­der Pro­blem: Der hoch­mo­bi­le Tu­ne­si­er er­schwert den Be­hör­den ei­ne Rou­ti­ne­über­wa­chung. Zwar fällt er den Be­hör­den im­mer wie­der als po­ten­zi­el­ler Is­la­mist auf, doch sein Pen­deln zwi­schen Ber­lin und Em­me­rich stellt die staat­li­chen Be­ob­ach­ter vor be­son­de­re Her­aus­for­de­run­gen. Wie in­ten­siv die Ob­ser­va­ti­on war, ist der­zeit noch un­klar. Hin­zu kommt: Deutsch­land ist kein Über­wa­chungs­staat. Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen gel­ten da­her im­mer nur für ei­ni­ge Wo­chen. Selbst wenn vor­her die Alarm­glo­cken an­gin­gen, weil sich Am­ri et­wa für An­schlä­ge an­bot: Da er in ei­nem fes­ten Zei­t­raum un­auf­fäl­lig blieb, muss­te die Ob­ser­va­ti­on be­en­det wer­den. Som­mer 2016: Am­ri wird in Fried­richs­ha­fen auf­ge­grif­fen und kommt in Ab­schie­be­haft Pro­blem: Schon nach kur­zer Zeit ist er wie­der drau­ßen. Auch weil Tu­ne­si­en we­gen feh­len­der Pa­pie­re die Auf­nah­me ver­wei­gert. Die Uni­on ver­langt nun, die Ab­schie­be­haft bis zum Zeit­punkt der tat­säch­li­chen Ab­schie­bung zu ver­län­gern – auch Wendt for­dert das. Und die SPD zeigt sich für ei­ne der­ar­ti­ge Ge­set­zes­än­de­rung ge­sprächs­be­reit. Doch in der Ver­gan­gen­heit fehl­te es am Im Ju­li 2015 lässt er sich in Frei­burg re­gis­trie­ren, be­an­tragt Asyl in NRW und wird in Em­me­rich un­t­un­ter­ge­bracht. Dort un­ter­such­te die Po­li­zei in ei­ner Raz­zia ges­tern­tern­gest die Un­ter­kunft. Tu­ne­si­en In Ta­ta­oui­ne ge­bo­ren, ist Am­ri dort auf­ge­wach­sen, na­he der hei­li­gen is­la­mi­schen Stadt Kai­rouan – ei­ner Sala­fis­mus-Hoch­burg. Er soll mehr­fach we­gen Dro­gen­de­lik­ten auf­ge­fal­len sein und die Schu­le ab­ge­bro­chen ha­ben. TU­NE­SI­EN ITA­LI­EN .Ita­li­en Als min­der­jäh­ri­ger Boots­flücht­ling stran­det er im Früh­jahr 2011 auf Lam­pe­du­sa. Er kommt in ein Auf­fang­la­ger nach Si­zi­li­en, das er spä­ter an­ge­zün­det ha­ben soll. In Pa­ler­mo wird er we­gen Brand­stif­tung, Kör­per­ver­let­zung und Dieb­stahl zu vier Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Wäh­rend der Haft soll er sich end­gül­tig ra­di­ka­li­siert ha­ben. Aus der Ab­schie­be­haft in Cal­ta­nis­set­ta wird er ent­las­sen. Er reist wei­ter nach Deutsch­land.

QU­EL­LE: EI­GE­NE RECHERCHE | FO­TOS: AP, DPA (2), REICHWEIN | GRA­FIK: ZÖRNER

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