Ge­heim-Gre­mi­um stuft Ge­fähr­der ein

In NRW ent­schei­det die „G10-Kom­mis­si­on“des Land­ta­ges, wie in­ten­siv Ge­fähr­der be­ob­ach­tet wer­den dür­fen. Der Ver­fas­sungs­schutz gibt Emp­feh­lun­gen ab. Auch Anis Am­ri war den Si­cher­heits­or­ga­nen bes­tens be­kannt.

Rheinische Post Moenchengladbach - - BERLIN UND DIE FOLGEN - VON G. MAYNTZ, T. REISENER UND C. SCHWERDTFE­GER

DÜS­SEL­DORF/BER­LIN Auf dem Fahn­dungs­pla­kat warnt die Bun­des­an­walt­schaft, dass der we­gen Ter­ror­ver­dachts ge­such­te Anis Am­ri ge­walt­tä­tig und be­waff­net sein könn­te. Er­kennt­nis­se, die die Si­cher­heits­be­hör­den nicht erst seit dem An­schlag auf den Ber­li­ner Weih­nachts­markt über den 24-jäh­ri­gen Tu­ne­si­er vor­lie­gen ha­ben. Seit vie­len Mo­na­ten wird der eu­ro­pa­weit zur Fahn­dung aus­ge­schrie­be­ne Mann län­der­über­grei­fend als is­la­mis­ti­scher Ge­fähr­der ge­führt.

In NRW zählt der Ver­fas­sungs­schutz et­wa 50 sol­cher Per­so­nen, über die die Er­mitt­ler Er­kennt­nis­se ge­won­nen ha­ben, dass sie er­heb­li­che Straf­ta­ten be­ge­hen könn­ten. Sie wer­den in­ner­halb der Be­hör­den auch als „Top-Ge­fähr­der“ge­führt, da sie nicht nur ge­walt­be­reit, son­dern „an­schlags­be­reit“sei­en. „Sie ste­hen auf un­se­rem Ra­dar. Wir be­ob­ach­ten sie“, heißt es aus Si­cher­heits­krei­sen. Ge­meint da­mit ist aber kei­ne 24-St­un­den-Ob­ser­va­ti­on, die nach Po­li­zei­an­ga­ben aus recht­li­chen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen Grün­den auch nicht zu be­werk­stel­li­gen sei. „Wir kön­nen den Ver­däch­ti­gen zum Bei­spiel ver­bie­ten, Deutsch­land zu ver­las­sen, und ih­nen den Rei­se­pass weg­neh­men“, so ein Er­mitt­ler. Aber das wer­de nicht bei al­len Ver­däch­ti­gen ge­macht. Je­der ein­zel­ne Fall sei ge­son­dert zu be­wer­ten. „Ei­ne Rol­le bei der Be­wer­tung spielt auch der Be­ruf des Ver­däch­ti­gen. Es macht ei­nen Un­ter- schied, ob er Che­mie­la­bo­rant oder La­ge­rist ist“, so der In­si­der.

Be­son­ders pro­ble­ma­ti­sche Fäl­le wer­den kon­ti­nu­ier­lich im GTAZ in Ber­lin dis­ku­tiert, dem Ge­mein­sa­men Ter­ro­ris­mus­ab­wehr­zen­trum, das En­de 2004 als Re­ak­ti­on auf die 9/11-An­schlä­ge von New York ein­ge­rich­tet wur­de. Das GTAZ ist kei­ne ei­gen­stän­di­ge Be­hör­de, son­dern ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form von 40 Si­cher­heits­be­hör­den von Bund und Län­dern. Ver­tre­ten sind dort un­ter an­de­rem die Lan­des­äm- ter für Ver­fas­sungs­schutz, die Lan­des­kri­mi­nal­äm­ter, der Ge­ne­ral­bun­des­an­walt und das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge. Ei­ner der „schwe­ren Fäl­le“, die in die­sem Jahr be­ob­ach­tet wur­den, war nach An­ga­ben von NRW-In­nen­mi­nis­ter Ralf Jä­ger (SPD) auch Anis Am­ri.

Wenn Ge­fähr­der in NRW be­son­ders in­ten­siv, al­so bei­spiels­wei­se in­klu­si­ve Te­le­fon­über­wa­chung be­schat­tet wer­den sol­len, muss ein be­son­de­res Or­gan des NRW-Land­ta­ges zu­stim­men: die so­ge­nann­te G10-Kom­mis­si­on. Sie heißt so, weil bei der Über­wa­chung von Ge­fähr­dern Ein­grif­fe des Ver­fas­sungs­schut­zes in das Brief-, Post und Fern­mel­de­ge­heim­nis not­wen­dig wer­den kön­nen, das durch den Ar­ti­kel zehn des Grund­ge­setz­tes ge­schützt ist. Weil es bei der Be­ob­ach­tung von Ge­fähr­dern um ei­ne Maß­nah­me geht, in die Ge­rich­te aus Ge­heim­nis­schutz­grün­den nicht in­vol­viert wer­den kön­nen, er­setzt die G10-Kom­mis­si­on den rich­ter­li­chen Be­schluss. Sie be­steht aus ge­heim ge­hal­te­nen, nicht par­la­men­ta­ri­schen Mit­glie­dern, die aber von den Frak­tio­nen des Par­la­men­tes in die­ses Ex­per­ten­gre­mi­um ent­sandt wer­den. „Über­wa­chungs-Stu­fe 1“be­deu­tet: Ein Ge­fähr­der wird nur ob­ser­viert. Wech­seln­de Teams, teils un­ter Mit­hil­fe von Lan­des- und Bun­des­kri­mi­nal­amt, ver­fol­gen den Ge­fähr­der ver­deckt und ver­su­chen, sich ei­nen Über­blick über des­sen Kon­tak­te und Ak­ti­vi­tä­ten zu ver­schaf­fen. Erst „Stu­fe 2“er­mög­licht auch die tech­ni­sche Über­wa­chung und setzt die G10-Zu­stim­mung vor­aus: Wird ein Ge­fähr­der da­für frei­ge­ge­ben, darf sein Te­le­fon über­wacht wer­den, was be­reits ein mas­si­ver Ein­griff in die Per­sön­lich­keits­rech­te ist. „Stu­fe 3“be­schreibt den „Gro­ßen Lausch­an­griff“, der auch das Ver­wan­zen der Pri­vat­woh­nung ei­nes Ge­fähr­ders er­mög­licht. Sie wird ex­trem sel­ten an­ge­wandt.

Die tech­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­Über­wa­chung (TKÜ), bei der auch der Com­pu­ter ei­nes Ge­fähr­ders ver­wanzt wer­den darf – et­wa mit Hil­fe von Tro­ja­nern –, wird fak­tisch nur vom Bun­des­kri­mi­nal­amt aus­ge­führt. Aber selbst in die­sen Fäl­len wer­den die Ver­däch­ti­gen nicht rund um die Uhr ob­ser­viert – heißt: Sie kön­nen den Si­cher­heits­be­hör­den ent­wi­schen. Da­mit das mög­lichst nicht mehr pas­sie­ren kann, macht sich der CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Hen­rik Wüst für elek­tro­ni­sche Fuß­fes­seln stark. Da­mit wür­de man zwar kei­ne Straf­ta­ten ver­hin­dern, schreibt Wüst auf Twit­ter: „Aber ver­lie­ren wür­de man da­mit Ge­fähr­der we­ni­ger leicht.“

FOTO: ARTON KRASNIQI

Schwer be­waff­ne­te Po­li­zei­be­am­te sol­len die Weih­nachts­märk­te si­chern. Auch die­se zwei Po­li­zis­tin­nen am Köl­ner Ru­dolf­platz tra­gen jetzt Ma­schi­nen­pis­to­len – al­ler­dings oh­ne Ma­ga­zi­ne. Im In­ter­net ist ih­nen der Spott seit ges­tern des­halb si­cher. Die Po­li­zei Köln kün­dig­te Ge­sprä­che mit den Be­am­tin­nen an. Es hand­le sich um ei­nen Ein­zel­fall.

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