Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Jo­nas nick­te al­so, Ma­ri­na ging aus dem Bild, die VJ sag­te: „Läuft“, und stell­te ih­re Fra­ge: „Herr Brand, Sie wa­ren ei­ner der letz­ten Freun­de von Max Gant­mann. Kön­nen Sie uns et­was über sein Pro­blem sa­gen?“„Wel­ches Pro­blem?“„Max Gant­mann war ein Mes­sie.“„Und du bist ei­ne dum­me Kuh!“Jo­nas hat­te es so laut ge­schrien, dass sich ein paar der Trau­er­gäs­te um­wand­ten.

Er nahm Ma­ri­nas Hand und zog sie da­von.

Auf dem schma­len Weg zum Fried­hofs­aus­gang wur­den sie von ei­ner Frau in mitt­le­ren Jah­ren auf­ge­hal­ten, die den Roll­stuhl ei­ner al­ten Frau schob. Jo­nas war sie schon in der Ka­pel­le auf­ge­fal­len. Sie kam ihm be­kannt vor.

An ei­ner Weg­kreu­zung fuhr die Jün­ge­re den Roll­stuhl zur Sei­te, Jo­nas und Ma­ri­na be­dank­ten sich und gin­gen vor­bei.

„Herr Brand!“, rief da die Frau im Roll­stuhl. Jo­nas wand­te sich um. „Ich ken­ne Sie.“Jo­nas nick­te. „Ich war manch­mal im Fern­se­hen.“

„Aber Sie ha­ben auch Herrn Gant­mann be­sucht. Ich ha­be Sie ge­se­hen. Ich bin sei­ne Nach­ba­rin. Ga­bler.“

Jetzt er­in­ner­te sich Jo­nas. Das war die Al­te, die dem Bou­le­vard­blatt von Max’ Un­ord­nung er­zählt hat­te. Er ging nä­her und fuhr sie, im­mer noch wü­tend vom Eklat mit Highli­fe, an: „Das war sehr in­dis­kret, dass Sie die­sem Blatt von Max’ Un­ord­nung er­zählt ha­ben. Er war ein ein­sa­mer Wit­wer, dem der Haushalt über den Kopf ge­wach­sen ist. Jetzt bleibt er den Leu­ten als Mes­sie in Er­in­ne­rung. An­statt als der gro­ße Wirt­schafts­jour­na­list, der er war.“ frü­her

Die Frau, die den Roll­stuhl schob, fuhr ihn an: „Was fällt Ih­nen ein, so mit mei­ner Mut­ter zu re­den. Sie ist den Um­gang mit Jour­na­lis­ten nicht ge­wohnt. Die ha­ben sie rein­ge­legt.“

Frau Ga­bler nick­te. „Die ha­ben mir nicht ge­sagt, dass sie von der Zei­tung sind. Ich dach­te, die sei­en von der Po­li­zei. Ich woll­te ih­nen sa­gen, dass ich glau­be, dass kurz vor dem Brand ein Mann zu ihm ging. Aber das hat sie nicht in­ter­es­siert.“„Was für ein Mann?“„Er hat bei mir ge­klin­gelt, und als ich ihm auf­drück­te, hat er so ge­tan, als hät­te er sich im Haus ge­irrt und wür­de wie­der ge­hen. Aber dann ha­be ich ge­hört, wie der Lift in den Vier­ten fuhr.“

„Konn­ten Sie ihn der Po­li­zei be­schrei­ben?“

„Nur, dass er Eng­lisch sprach und so ei­ne mo­der­ne Fri­sur hat­te. Aber das hat sie nicht in­ter­es­siert.“

Schon als er die Po­li­zei­wa­che be­trat, wuss­te er, dass er nur sei­ne Zeit ver­schwen­de­te. Ein paar Leu­te war­te­ten im Kor­ri­dor, und hin­ter dem Emp­fangs­schal­ter un­ter­hiel­ten sich drei Uni­for­mier­te im wit­zeln­den Jar­gon lang­jäh­ri­ger Ar­beits­kol­le­gen, oh­ne sich um Jo­nas zu küm­mern. Er war­te­te und ver­such­te, nicht dar­an zu den­ken, was im Pro­duk­ti­ons­bü­ro al­les lie­gen­blieb.

End­lich be­quem­te sich ei­ner der Be­am­ten, kon­trol­lier­te sei­nen Aus­weis, nahm sei­ne Per­so­na­li­en auf und no­tier­te sich sein An­lie­gen.

Dann ließ er ihn über ei­ne hal­be St­un­de war­ten, nur um ihm mit­zu­tei­len, dass die Un­ter­su­chung von Brand­fäl­len in die Kom­pe­tenz der Kan­tons­po­li­zei fal­le.

Jo­nas konn­te sich nicht zu­rück­hal­ten und frag­te: „Und das ha­ben Sie erst jetzt her­aus­ge­fun­den?“

Bei der Kan­tons­po­li­zei hat­te man ihn of­fen­bar be­reits an­ge­kün­digt. Man ließ ihn noch län­ger war­ten und führ­te ihn schließ­lich in ei­nen Raum, der aus­sah wie ein Ver­hör­zim­mer in ei­nem Fern­seh­kri­mi.

Nach ei­ner wei­te­ren hal­ben St­un­de be­trat ein Be­am­ter das Zim­mer, be­grüß­te ihn mit Hand­schlag und setz­te sich ihm ge­gen­über. Er hat­te ein dün­nes blau­es Dos­sier mit­ge­bracht, das er jetzt ex­akt an der Tisch­kan­te aus­rich­te­te.

Jo­nas er­zähl­te ihm von dem Mann, der Eng­lisch sprach und sich kurz vor dem Brand Zu­gang zu dem Haus ver­schafft hat­te. „Frau Ga­bler, die Nach­ba­rin in der ers­ten Eta­ge, hat es Ih­rem Kol­le­gen er­zählt. Aber er ha­be sich nicht da­für in­ter­es­siert, sagt sie.“Der Be­am­te sah ihm in die Au­gen, als woll­te er Jo­nas’ Ge­wis­sen prü­fen. Er war ein stier­na­cki­ger, kurz­ge­scho­re­ner blon­der Mann um die vier­zig und roch nach kal­tem Rauch und al­tem Frit­tier­öl. Jo­nas hielt dem Blick stand. „Und jetzt sind Sie ge­kom­men, Herr Brand, um uns zu er­klä­ren, wie wir un­se­re Ar­beit zu tun ha­ben?“Er nahm das blaue Mäpp­chen vom Tisch und schlug es auf. Jo­nas konn­te jetzt auf dem Um­schlag ei­ne Ak­ten­num­mer se­hen. „Nein, ich will Ih­nen nicht sa­gen, wie Sie Ih­re Ar­beit zu tun ha­ben, ich ha­be vol­les Ver­trau­en in un­se­re Po­li­zei. Ich woll­te nur sa­gen: Es ist nicht ganz aus­ge­schlos­sen, dass es sich um Brand­stif­tung han­delt. Max Gant­mann war an ei­ner sehr bri­san­ten Sa­che dran.“„Näm­lich?“„Es han­delt sich um ei­nen Ban­ken­skan­dal.“„Ja? Wei­ter.“Der Be­am­te starr­te ihm wie­der prü­fend in die Au­gen. Er hat­te kur­ze blon­de Wim­pern, wie klei­ne gel­be Bürs­ten. „Ich be­fürch­te, die Be­wei­se sind dem Feu­er zum Op­fer ge­fal­len. Er hat­te sie in sei­ner Woh­nung. Aus Si­cher­heits­grün­den.“Der Be­am­te blät­ter­te in dem dün­nen Mäpp­chen. Er seufz­te. „Herr Brand. Am drit­ten De­zem­ber mel­den Sie un­se­ren Kol­le­gen von der Stadt ei­nen Ein­bruch oh­ne Ein­bruchs­spu­ren. Am nächs­ten Tag ei­nen Über­fall oh­ne Zeu­gen und Per­so­nen­be­schrei­bung. Am neun­zehn­ten De­zem­ber wol­len Sie un­se­ren Kol­le­gen in Ba­sel-Land weis­ma­chen, ein ein­deu­ti­ger Selbst­mord sei ein Mord ge­we­sen. Und heu­te kom­men Sie zu uns und er­klä­ren uns, der Woh­nungs­brand ei­nes ket­ten­rau­chen­den Mes­sies sei in Wahr­heit ein Mord mit Brand­stif­tung ge­we­sen.“„Aber das hängt al­les mit­ein­an­der zu­sam­men“, pro­tes­tier­te Jo­nas. „Ja, ja, Herr Brand, al­les hängt mit­ein­an­der zu­sam­men. Al­les ei­ne ein­zi­ge rie­si­ge Ver­schwö­rung.“Der Be­am­te sprach mit ihm wie ein Psych­ia­trie­pfle­ger mit ei­nem Pa­ti­en­ten. „Wenn Sie wol­len, neh­me ich jetzt ein Pro­to­koll auf, und Sie kön­nen auch ger­ne ei­ne Anzeige ge­gen Un­be­kannt er­stat­ten.“Er hielt das blaue Mäpp­chen mit zwei Fin­gern in die Hö­he. „Wenn ich al­ler­dings Sie wä­re, hät­te ich nicht ger­ne ein sol­ches Mäpp­chen bei der Po­li­zei. Und ich hät­te es auch nicht ger­ne, wenn es im­mer di­cker wür­de. Wis­sen Sie, was sonst pas­siert? Wenn Sie ein­mal et­was Rich­ti­ges ha­ben, ei­nen Not­fall, und Sie brau­chen uns? Dann nimmt man Sie nicht mehr ernst. Okay?“Er starr­te Jo­nas wie­der tief in die Au­gen. „Al­so, Herr Brand: Wol­len wir jetzt ein Pro­to­koll auf­neh­men oder lie­ber nicht?“ (Fort­set­zung folgt)

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