Flucht ist das gro­ße The­ma der Bi­bel

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON LOTHAR SCHRÖ­DER

Weih­nach­ten er­zählt die Ge­schich­te ei­ner An­kunft. Die Ge­burt Je­su ist ihr Evan­ge­li­um, ih­re fro­he Bot­schaft. Al­les ist gut und wahr in die­ser Nacht. Doch ih­re Stil­le ist we­nig mehr als ei­ne Atem­pau­se. Schon die Vor­ge­schich­te do­ku­men­tiert ei­ne Rei­se, die Jo­sef mit der hoch­schwan­ge­ren Ma­ria un­ter­neh­men muss. Ihr Weg von Na­za­reth nach Beth­le­hem ist der Volks­zäh­lung ge­schul­det – an­ge­ord­net vom rö­mi­schen Kai­ser Au­gus­tus. Das ist kei­ne leich­te und schon gar nicht un­ge­fähr­li­che Un­ter­neh­mung. Und dass die Stät­te der Ge­burt dann ein Stall mit ei­ner Krip­pe sein wird, zeigt, wie pro­vi­so­risch die­se gan­ze Rei­se ist.

Zur Ru­he aber bleibt auch hier kei­ne Zeit. Ein En­gel des Herrn drängt bald zur Flucht, und dies­mal ist es ei­ne in gro­ßer Be­dräng­nis. Kö­nig He­ro­des hat näm­lich von der Ge­burt ei­nes Kö­nigs der Ju­den er­fah­ren; jetzt wit­tert er Kon­kur­renz. Und er re­agiert so grau­sam, wie Macht­be­ses­se­ne oft re­agie­ren: Al­le Neu­ge­bo­re­nen zu Beth­le­hem lässt er tö­ten. Das Glück von der Men­sch­wer­dung Got­tes ist da­mit über­schat­tet von die­sem Kin­der­mord.

Die Bi­bel ist voll von Ge­schich­ten der Mi­gra­ti­on, der Flucht und Ver­trei­bung. Doch sie hei­li­gen nicht die Flücht­lings­be­we­gun­gen un­se­rer Zeit. Die Not die­ser Men­schen dul­det kein Pa­thos; nichts ist idyl­lisch. Was uns die Bi­bel je­doch zeigt, ist, dass die Mi­gra­ti­on in vie­len Gestal­ten und aus vie­len Mo­ti­ven das gro­ße Mensch­heits­the­ma von Be­ginn an ist.

Im Zen­trum steht die Flucht Je­su – als Heils­ge­schich­te und Un­glücks­ge­schich­te zu­gleich. Und noch ist nichts ent­schie­den mit der Flucht nach Ägyp­ten und ei­nem Le­ben im recht­lo­sen Raum. Was bleibt, ist die Kraft der Hoff­nung; da wird un­se­re Ge­gen­wart plötz­lich greif­bar na­he. Der ös­ter­rei­chi­sche Theo­lo­ge und Je­su­it Andre­as Bat­logg hat das zu­ge­spitzt so for­mu­liert: „Die Ge­burt Je­su hieß, theo­lo­gisch ge­spro­chen, nichts an­de­res als: ,Wir schaf­fen das!’“ Die ers­te Ver­trei­bung Am An­fang steht die Aus­wei­sung. Nicht aus ei­nem nur schö­nen Land, son­dern ge­ra­de­wegs aus dem Pa­ra­dies. Gott ver­treibt Adam und Eva, weil die­se vom Baum der Er­kennt­nis ge­kos­tet ha­ben. Nicht Gott, son­dern der Mensch will nun der Han­deln­de sein. Ei­ne al­te Ord­nung scheint ver­lo­ren zu ge­hen. Die Kon­se­quenz ist Got­tes Stra­fe, ist die Ver­trei­bung und Sterb­lich­keit. Ein Boots­flücht­ling Kaum hat das Le­ben auf der Er­de so rich­tig be­gon­nen, da scheint die Schöp­fung be­reits ihr En­de ge­fun­den zu ha­ben. Gott straft die Men­schen mit ei­ner Sint­flut, bis auf Noah, der Gna­de in den Au­gen des Herrn fand, wie es in der Ge­ne­sis heißt. Er baut ei­ne Ar­che, nimmt rei­ne und un­rei­ne Tie­re auf und über­steht mit ih­nen das 40 Tage wäh­ren­de Un­wet­ter. Als al­les vor­bei ist, baut der Über­le­ben­de so­gleich ei­nen Al­tar. Hat Noah wirk­lich nichts Bes­se­res zu tun? Nein. Der Boots­flücht­ling Noah ist der Ret­ter der Mensch­heit; ein an­de­rer „Boots­flücht­ling“soll spä­ter zum Ret­ter des Got­tes­vol­kes Israel wer­den. Noch ein Boots­flücht­ling Das ist die Flucht­ge­schich­te ei­nes gan­zen Vol­kes. Die Is­rae­li­ten sind in Ägyp­ten ver­sklavt und schuf­ten auf den Bau- stel­len des Pha­rao – laut Bi­bel 430 Jah­re lang. Bis end­lich Mo­ses kommt, der von sei­ner Mut­ter in ei­nem Bast­korb auf den Nil aus­ge­setzt und von der Prin­zes­sin des Lan­des ge­fun­den und er­zo­gen wird. Er wird sein Volk ins ge­lob­te Land füh­ren und da­bei spek­ta­ku­lär auch durchs Meer zie­hen, das sich für das Got­tes­volk teilt. Die Knecht­schaft in Ägyp­ten wird zum bi­bli­schen Mo­tiv und zur Leh­re auch für un­ser Ver­hält­nis zu Flücht­lin­gen – denn: „Der Frem­de, der sich bei euch auf­hält, soll euch wie ein Ein­hei­mi­scher gel­ten, und du sollst ihn lie­ben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Frem­de in Ägyp­ten ge­we­sen.“ Der Rück­keh­rer Vie­le gro­ße Gestal­ten der Bi­bel sind Men­schen, die sich auf den Weg ma­chen. Die ih­re Hei­mat ver­las­sen und ei­ne neue su­chen. Doch bei nie­man­dem ist die Wan­der­schaft so prä­gend wie bei Abra­ham, dem Ur­va­ter der drei mo­no­the­is­ti­schen Re­li­gio­nen. Selbst in Ka­na­an wird er nicht glück­lich. So zieht er als No­ma­de wei­ter nach Ägyp­ten. Dort schickt ihn der Pha­rao wie­der fort, bis zur Gren­ze so­gar von ei­ner Es­kor­te be­glei­tet. Das liest sich wie ei­ne kon­trol­lier­te Ab­schie­bung. Abra­ham kehrt zu­rück und wird reich und glück­lich. Flucht als Heils­ge­schich­te Ne­ben so vie­len an­de­ren Flucht­ge­schich­ten gibt es je­ne von Jo­sef und sei­nen Brü­dern. Das ist ei­ne mit Hap­py End – aus­ge­rech­net die­se Ge­schich­te, die so grau­sam be­ginnt. Jo­sef wird näm­lich von sei­nen Brü­dern, die ihn für ar­ro­gant hal­ten, ver­kauft. Ei­ne Men­schen­händ­ler­ge­schich­te al­so. Doch Jo­sef macht Kar­rie­re im fer­nen Ägyp­ten, wird ge­schätzt und ein­fluss­reich. Dort­hin kom­men spä­ter sei­ne Brü­der, um Ge­trei­de zu kau­fen. Der Ge­dan­ke an Ra­che liegt na­he. Doch Jo­sef wird ih­nen ver­ge­ben und da­mit den Brü­dern die Chan­ce ge­ben, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Und der Pha­rao? Der sagt, dass sein Land of­fen steht. Ei­ne Ge­schich­te von ge­leb­ter Gast­freund­schaft. Bi­bli­sche Will­kom­mens­kul­tur Zum Schluss noch der Apos­tel Pau­lus, dem in Rom der Pro­zess ge­macht wer­den soll und des­sen Schiff im Mit­tel­meer in ein schwe­res Un­wet­ter ge­rät. Al­les er­scheint aus­sichts­los. Doch Pau­lus spricht den Men­schen Mut zu. Es ge­lingt: Sie stran­den auf Mal­ta und wer­den von den Ein­woh­nern um­sorgt und auf­ge­nom­men. Oh­ne gro­ße Wor­te, aber aus Für­sor­ge. Und es ist mehr: Den Flüch­ten­den wird die Eh­re ei­ner nicht nur bi­bli­schen Gast­freund­schaft zu­teil.

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