Win­ne­tous al­te neue Welt

Die Fi­gur des fik­ti­ven Apa­chen­häupt­lings ge­nießt in Deutsch­land Kult­sta­tus. RTL hat den Filmklassiker neu in­ter­pre­tiert. Mit Er­folg.

Rheinische Post Moenchengladbach - - GESELLSCHAFT -

Win­ne­tou lebt. In den Her­zen vie­ler Men­schen oh­ne­hin, aber nun darf er wie­der über den Bild­schirm rei­ten, jung, stolz und schön. Aus­ge­rech­net RTL hat sich an den Stoff ge­wagt, die Ge­schich­te des ed­len Wil­den trotz des enor­men Pein­lich­keits­po­ten­zi­als als Drei­tei­ler neu ver­filmt und, Ma­ni­tu sei Dank, fast al­les rich­tig ge­macht. Von der Be­set­zung über die Mu­sik bis zu den Ku­lis­sen, al­les funk­tio­niert, wirkt stim­mig, manch­mal so­gar groß, sel­ten kom­plett da­ne­ben. Am wich­tigs­ten je­doch ist, dass Re­gis­seur Phil­ipp Stölzl den Geist des – bei nä­he­rem Hin­se­hen reich­lich an­ge­staub­ten – Film-Klas­si­kers nicht nur er­hal­ten, son­dern er­neu­ert hat. Nie­mals war Win­ne­tou mo­der­ner als heu­te.

Die an­hal­ten­de Fas­zi­na­ti­on für die Fi­gur des Apa­chen-Häupt­lings speist sich vor al­lem durch Pier­re Bri­ce, der hier­zu­lan­de das Bild der ed­len Rot­haut fast ar­che­ty­pisch präg­te und ver­ehrt wur­de wie ein Hei­li­ger. „Er hat­te ei­ne sehr war­me, sanf­te, Je­sus-ähn­li­che Aus­strah­lung“, sagt Stölzl. „Man hat­te fast das Ge­fühl, dass er nicht von die- ser Welt war.“Tat­säch­lich be­sitzt schon die Fi­gur Win­ne­tou Zü­ge ei­nes Er­lö­sers – er will Frie­den zwi­schen den Ras­sen, die Men­schen ver­ei­nen und op­fert sich am En­de für sei­nen wei­ßen Bluts­bru­der. So viel Selbst­lo­sig­keit, so viel Men­sch­lich­keit, so viel Glau­ben an das Gu­te knüpf­te ei­nen Bund fürs Le­ben zwi­schen In­dia­nern und Bun­des­re­pu­bli­ka­nern.

Na­tür­lich stan­den die Win­ne­tou-Fil­me auch für das Le­bens­ge­fühl ei­ner gan­zen Ge­ne­ra­ti­on, die sich in Zei­ten des Kal­ten Krie­ges nach Ro­man­tik, Frie­den und Frei­heit sehn­te, nach hei­ler Welt und Na­tu­ridyl­le. So wa­ren die in Kroa­ti­en ge­dreh­ten Wes­tern in ge­wis­ser Wei­se Hei­mat­fil­me, weil sie ähn­li­che Wer­te trans­por­tier­ten und ge­schickt Ge­füh­le evo­zier­ten, et­wa durch Mar­tin Bött­chers opu­len­te Film­mu­sik, bei der ei­nem bis heu­te das Herz auf­geht. Aus ak­tu­el­ler Sicht kommt der Nost­al­gie-Fak­tor hin­zu, der die Win­ne­tou-Fil­me zum In­be­griff ei­ner idea­len, mo­ra­lisch sau­be­ren und da­her be­greif­ba­ren Welt ver­klärt.

An der Sehn­sucht nach ei­ner har­mo­ni­schen Ge­sell­schaft hat sich aber bis heu­te nichts ge­än­dert, sie ist viel­leicht so­gar grö­ßer als je zu­vor. Win­ne­tou bleibt al­so ein Ver­spre­chen auf ei­ne bes­se­re, weil gu­te Welt. Stölzl ar­bei­tet das her­aus, hat den Stoff auf das The­ma ver­dich­tet, ihn an­ge­passt ans Zeit­ge­sche­hen. Sei­ne In­dia­ner wer­den zu Flücht­lin­gen, die der Krieg von ih­rem Land treibt; wei­ße Sied­ler füh­len sich kul­tu­rell über­frem­det, skru­pel­lo­se Ka­pi­ta­lis­ten op­fern die Men­sch­lich­keit ih­rer Gier – und die Hoff­nung liegt im Mit­ein­an­der der Ras­sen, der Kul­tu­ren, in der Freund­schaft über al­le ver­meint­li­chen Bar­rie­ren hin­weg. In ei­ner Sze­ne bau­en In­dia­ner und Wei­ße ge­mein­sam ei­ne Scheu­ne, am En­de sit­zen sie am Tisch und bre­chen das Brot mit­ein­an­der.

Das klingt so pe­ne­trant wie na­iv, und das ist es oft auch, aber dann ist auch im­mer wie­der die ehr­li­che Hoff­nung zu spü­ren, dass es doch funk­tio­nie­ren könn­te mit dem Mit­ein­an­der, wenn man es denn nur ver­su­chen wür­de. Stölzls Vi­si­on trägt da­bei ei­ner­seits mär­chen­haf­te Zü­ge, was gut ist, weil es re­la­ti­viert, an­de­rer­seits be­dient er heu­ti­ge Seh­ge­wohn­hei­ten. So wir­ken Sze­nen des neu­en Win­ne­tou-Films teils stark von Ke­vin Cost­ners „Der mit dem Wolf tanzt“in­spi­riert. Die Apa­chen spre­chen La­ko­ta, ei­gent­lich ein Sioux-Dia­lekt (die Spra­che der Apa­chen ist so gut wie aus­ge­stor­ben), und Win­ne­tou er­in­nert an „Wind in sei­nem Haar“, nur sieht Nik Xhe­li­laj bes­ser aus. Auch der Bahn­ar­bei­ter-Ort Ros­well ist schä­big, schlam­mig; Stölzl hat Wert ge­legt auf ei­ne au­then­ti­sche At­mo­sphä­re, woll­te kei­ne bon­bon­bun­te Bo­nan­za-Ku­lis­se. Sein Old Shat­ter­hand, ge­spielt von Wo­tan Wil­ke Möh­ring, kommt zu Be­ginn aus­ge­zehrt von der lan­gen Rei­se in Ame­ri­ka an, im Ge­päck deut­sche Gründ­lich­keit und ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Spie­ßer­tum.

Stölzl er­laubt sich da­bei den Kunst­griff, Möh­ring als Karl May auf­tre­ten zu las­sen, der spä­ter von den In­dia­nern Old Shat­ter­hand ge­nannt wird, und be­feu­ert so die Le­gen­den­bil­dung. Setz­te der deut­sche Schrift­stel­ler und Hoch­stap­ler May im Al­ter doch selbst al­les dar­an, die ei­ge­ne Per­son mit dem Al­ter Ego sei­ner Bü­cher un­ent­wirr­bar zu ver­men­gen. Fakt ist: May war nie in Ame­ri­ka. Stölzl hat sich ein­fach das be­rühm­te Ge­bot aus „Der Mann, der Li­ber­ty Va­lan­ce er­schoss“zu Her­zen ge­nom­men: „Wenn die Le­gen­de zur Wahr­heit ge­wor­den ist, druckt die Le­gen­de.“

So ist sei­ne Win­ne­tou-Tri­lo­gie auch nur als ei­ne Art Echo der al­ten Fil­me zu ver­ste­hen, als ei­ne Stoff­samm­lung, neu ar­ran­giert und be­wer­tet. Den Fi­gu­ren wird Zeit ge­las­sen, sich zu ent­wi­ckeln, auch die Freund­schaft zwi­schen In­dia­ner­häupt­ling und In­ge­nieur wächst nur lang­sam. Das En­sem­ble macht sei­ne Sa­che ge­ne­rell gut. Xhe­li­laj als Win­ne­tou ist viel­leicht ei­ne Spur zu Bri­ce-mä­ßig, Möh­ring als Shat­ter­hand manch­mal zu mo­dern und darf auch Sex mit NschoT­schi (cha­ris­ma­tisch: Ia­zua La­ri­os) ha­ben. Ma­rio Adorf greift sei­ne Rol­le als si­nis­trer San­ter aus „Win­ne­tou I“auf, Mi­lan Pe­schel ver­leiht der Fi­gur des ver­schro­be­nen wie leicht ver­trot­tel­ten Sam Haw­kens Wür­de. Un­ter den Bö­se

wich­ten Jür­gen Vo­gel, Fah­ri Yar­dim und Micha­el Ma­er­tens be­sitzt vor al­lem letz­te­rer dia­bo­li­sche Kraft.

Na­tür­lich gibt es pein­li­che Mo­men­te (Schö­ner Woh­nen in der Block­hüt­te), däm­li­che Sprü­che („Friss Blei!“) und scheuß­li­che Mas­ken (der Ba­cken­bart von Jür­gen Vo­gel). Auch fällt der zwei­te Teil, „Das Ge­heim­nis vom Sil­ber­see“, deut­lich ge­gen die bei­den an­de­ren ab (wo­bei der drit­te et­was läng­lich ge­ra­ten ist). Aber das al­les ist zu ver­schmer­zen. Stölzl ge­lingt es, das Ge­fühl, das Herz­er­wär­men­de der al­ten Fil­me zu er­hal­ten. Viel­leicht, weil er eben­falls in Kroa­ti­en ge­dreht hat und die Land­schaf­ten teils spek­ta­ku­lär in Sze­ne setzt, oder weil Film­kom­po­nist Hei­ko Mai­le die ori­gi­na­le Mu­sik so kon­ge­ni­al wei­ter­ent­wi­ckel­te, dass selbst der 90-jäh­ri­ge Bött­cher zu­frie­den war.

Vor al­lem wohl aber, weil Stölzl sei­nem Win­ne­tou ei­ne brand­ak­tu­el­le Bot­schaft mit­ge­ge­ben hat. Es geht um Ver­söh­nung, um Frie­den, um ei­ne Ge­mein­schaft der Völ­ker. Das ist pla­ka­tiv, ja, sim­pli­fi­zie­rend, auch das. Aber den­noch wich­tig. Stölzls Ver­dienst ist es, dass wir sa­gen kön­nen: Wir brau­chen Win­ne­tou. Heu­te drin­gen­der denn je.

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