Eis­kalt und wun­der­schön

„Noc­turnal Ani­mals“ist die zwei­te Re­gie­ar­beit von De­si­gner Tom Ford.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINO - VON ALIKI NASSOUFIS

(dpa) Mo­de al­lein ge­nügt Tom Ford nicht. Zwar zählt der US-Ame­ri­ka­ner zu den ein­fluss­reichs­ten De­si­gnern der Ge­gen­wart, schuf er doch für Mar­ken wie Guc­ci und Yves Saint Lau­rent spek­ta­ku­lä­re Krea­tio­nen. Doch schon 2009 wech­sel­te Ford zum ers­ten Mal zum Film – und wur­de ge­fei­ert. Im­mer­hin war „A Sing­le Man“ein be­rüh­ren­des und ex­trem stil­si­cher ge­dreh­tes Dra­ma, in dem Co­lin Firth um sei­nen Le­bens­part­ner trau­er­te. Nun folgt Fords zwei­te Re­gie­ar­beit: „Noc­turnal Ani­mals“, ein düs­te­rer Thril­ler über die mensch­li­chen Ab­grün­de. Beim Film­fes­ti­val Ve­ne­dig ge­wann der 55-Jäh­ri­ge da­für den Gro­ßen Preis der Ju­ry.

Be­reits die Ein­gangs­se­quenz macht Fords Ge­spür für ein­präg­sa­me Bild­kom­po­si­tio­nen deut­lich: Da tan­zen stark über­ge­wich­ti­ge Frau­en in Groß­auf­nah­me über die Ki­n­o­lein­wand – al­le fast nackt. Ih­re Brüs­te schwin­gen hin und her, das Fett wa­ckelt in Zeit­lu­pe. Was gro­tesk oder voy­eu­ris­tisch wir­ken könn­te, hin­ter­lässt bei Ford al­ler­dings ei­nen po­si­ti­ven Ein­druck. Er scheint da­mit viel­mehr die Schön­heit in all ih­ren Fa­cet­ten fei­ern zu wol­len.

Nach die­sen ers­ten Mi­nu­ten schlägt „Noc­turnal Ani­mals“dann aber auch ei­nen ganz an­de­ren Ton an. Da ist Su­san Mor­row (Amy Adams), ei­ne Kunst­händ­le­rin. Ei­nes Ta­ges er­hält sie von ih­rem Ex-Mann ein Ma­nu­skript, das sie so­fort zu le­sen be­ginnt: Die be­klem­men­de Ge- schich­te ei­nes Dop­pel­mor­des in der te­xa­ni­schen Ein­öde, in der der über­le­ben­de Ehe­mann und Va­ter To­ny Has­tings (Ja­ke Gyl­len­haal) um Ge­rech­tig­keit kämpft.

Im­mer wie­der springt Re­gis­seur Ford zwi­schen die­sen bei­den Hand­lungs­strän­gen. Er­zählt mal von der küh­len Welt sei­ner un­glück­lich ver­hei­ra­te­ten Su­san, mal vom Grau­en, das To­ny er­lebt. Er va­ri­iert au­ßer­dem das Tem­po: Beim nächt­li­chen Über­fall lässt er die Be­dro­hung und Ge­walt erup­tiv über die Fa­mi­lie her­ein­bre­chen, wäh­rend Su­san im nächs­ten Schnitt ge­ra­de­zu ge­lähmt das Buch um­klam­mert oder wei­ter wie in Tran­ce durch ihr Le­ben geht.

Gran­di­os fängt Ford da­bei auch die te­xa­ni­sche Land­schaft mit Pan­ora­ma­auf­nah­men ein, die To­nys Ver­lo­ren­heit und sein Ge­fühl des Aus­ge­lie­fert­seins bei die­sem Höl­len­ritt auch bild­lich ver­mit­teln. Dass der Re­gis­seur für Sus­ans emo­tio­na­le Lee­re durch­weg küh­le, blau­grau un­ter­leg­te Bil­der wählt, ist zwar ein vi­su­ell hüb­scher Kon­trast und strahlt ei­ne ge­wis­se Ele­ganz aus, wirkt je­doch we­nig ori­gi­nell.

Die emo­tio­na­le Tie­fe wie sein De­büt „A Sing­le Man“ent­wi­ckelt Ford mit „Noc­turnal Ani­mals“so eben­falls nicht. Und doch führt Ford die Fä­den sei­ner – von Adams und Gyl­len­haal stark ge­spiel­ten – Ge­schich­te auf un­vor­her­seh­ba­re Wei­se zu­sam­men, wenn er erst To­nys und Sus­ans Le­ben auf den Kopf stellt und am En­de dann ei­nen neu­en Blick auf die vo­ri­gen ein­ein­halb Film­stun­den er­mög­licht.

Denn von was er­zählt das Ma­nu­skript mit dem Ti­tel „Noc­turnal Ani­mals“wirk­lich? „Nur“von ei­nem Dop­pel­mord an ei­ner Frau und ih­rer Toch­ter? Oder spielt Sus­ans Ex da­mit auch auf ihr ver­let­zen­des Fehl­ver­hal­ten in der ge­mein­sa­men Ver­gan­gen­heit an? „Noc­turnal Ani­mals“wird so zu ei­nem mehr­deu­ti­gen, in­tel­li­gen­ten Thril­ler um Moral und Ra­che, die hier auch al­lein durch Sus­ans Vor­stel­lungs­kraft ih­ren Schre­cken ent­fal­tet. Noc­turnal Ani­mals, USA, 2016 – Re­gie: Tom Ford mit Amy Adams, Ja­ke Gyl­len­haal, 117 Min.

FO­TO: DPA

Amy Adams als Kunst­händ­le­rin Su­san Mor­row.

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