War­ten auf das Pfle­ge­kind

Die Mön­chen­glad­ba­che­rin Claudia P.* hat in ih­rem Le­ben schon 57 Kin­der be­her­bergt – Klein­kin­der und Säug­lin­ge, vie­le von ih­nen mit Be­hin­de­rung. Für al­le be­nö­tig­te die Stadt drin­gend ei­ne vor­über­ge­hen­de Ob­hut. Die 62-jäh­ri­ge Pfle­ge­mut­ter steht na­he­zu per­ma

Rheinische Post Moenchengladbach - - LOKALES -

Das Kin­der­zim­mer mit dem klei­nen Dach­fens­ter ist kahl ein­ge­rich­tet. Ein klei­ner Wand­tep­pich mit Son­ne und Mond an der Wand, ein Mo­bi­le bau­melt von der Holz­de­cke. Stramp­ler lie­gen ge­fal­tet auf der Kom­mo­de. In li­la und blau. Das wei­ße Bett­chen ist leer. Claudia P.* sagt, dass man das in­zwi­schen bei Klein­kin­dern ja so macht.

Ei­ne Eta­ge dar­un­ter steht der wei­ße Lauf­stall, das Tor ist of­fen. In den Re­ga­len im Spiel­zim­mer lie­gen Pup­pen, Spiel­zeug­au­tos par­ken dar­über, Puz­zle und Me­mo­ry-Spie­le, Play­mo­bil-Fi­gu­ren, Fuß­ball-Bü­cher und Sport­zeit­schrif­ten. Spiel­zeug für Mäd­chen und Jun­gen, gro­ße und klei­ne. An dem Tisch sind die Stühl­chen ak­ku­rat her­an­ge­setzt.

Ty­pi­sche Kin­der­zim­mer – wenn da nicht die Ord­nung wä­re. Al­les ist pe­ni­bel auf­ge­räumt, kein Cha­os, wie es ein Kind beim Spie­len nun ein­mal an­rich­ten wür­de. Das liegt dar­an, dass die Zim­mer zur­zeit gar nicht be­wohnt wer­den. Es könn­te aber je­den Mo­ment so­weit sein, wenn Claudia P.s Te­le­fon klin­gelt, der So­zi­al­dienst der Stadt sich mel­det und drin­gend ein wohl­be­hü­te­tes Zu­hau­se für ein Kind be­nö­tigt. Claudia P. ist Pfle­ge­mut­ter, im Grun­de ist sie per­ma­nent im War­te­stand auf das nächs­te Pfle­ge­kind. In ih­ren Zim­mer­chen ha­ben in den ver­gan­ge­nen 16 Jah­ren schon 57 Klein­kin­der im Not­fall ein Ob­dach ge­fun­den.

Im Sep­tem­ber 2016 be­fan­den sich nach An­ga­ben der Stadt ins­ge­samt 387 Kin­der und Ju­gend­li­che un­ter 18 Jah­ren in der Ob­hut von Pfle­ge­fa­mi­li­en.

Es ist nicht so, als hät­te Claudia P. nicht ge­nug Kin­der: zwei er­wach­se­ne Söh­ne, ei­ner da­von hat wie­der­um drei Kin­der. Sie hat zwei eben­falls in­zwi­schen er­wach­se­ne Kin­der zur Dau­er­pfle­ge auf­ge­nom­men. Und sie hat ein Mäd­chen mit Be­hin­de­rung ad­op­tiert, das ur­sprüng­lich als Pfle­ge­kind zu ihr ge­kom­men war. Es ist jetzt 16 Jah­re alt. „Ein Le­ben oh­ne Kin­der ist für mich schwer vor­stell­bar. Ich woll­te im­mer Pfle­ge­kin­der bei mir auf­neh­men“, sagt sie. „Mei­ne El­tern ha­ben das auch so ge­macht. Ich bin mit Pfle­ge­kin­dern zu­sam­men auf­ge­wach­sen. Ich fin­de das span­nend. Und so lan­ge ich neu­gie­rig bin, ma­che ich das auch wei­ter.“Zwei sol­cher Plät­ze hat sie des­halb in ih­rem Häu­schen am Ran­de der Stadt da­für her­ge­rich­tet.

Claudia P.s mun­te­re Patch­wor­kFa­mi­lie ist ei­ne von et­wa zehn bis zwölf in der Stadt, die Kin­der nicht zur Dau­er­pfle­ge auf­neh­men. Son­dern bei aku­ten Not­fäl­len be­reit­ste­hen. Et­wa wenn die leib­li­chen El­tern sich nicht um das Kind küm­mern kön­nen. Weil sie krank, da­zu nicht in der La­ge, viel­leicht woh­nungs­los sind. Oft spie­len auch Dro­gen ei­ne Rol­le, Ge­walt, Miss­hand­lun­gen. Und be­vor zum Bei­spiel ein Ge­richt ent­schie­den hat, was mit dem Kind nun wer­den soll, be­vor die Per­spek­ti­ve ge­klärt ist, kann es ei­ni­ge Zeit dau­ern. Manch­mal bis zu ei­nem Jahr. Bis da­hin le­ben die Kin­der in ei­ner Be­reit­schafts­pfle­ge­fa­mi­lie.

Seit 2007 ist der Be­trieb der Ba­by­klap­pe am Kran­ken­haus Neu­werk er­laubt. Seit­dem wur­den dort sie­ben Säug­lin­ge ins Ba­by­fens­ter ge­legt und in Fa­mi­li­en zur Ad­op­ti­on ver­mit­telt.

Ihr ers­tes Kind zur Dau­er­pfle­ge nahm Claudia P. 1985 bei sich auf. Kurz dar­auf zog sie nach Mön­chen­glad­bach und mel­de­te den Zieh­sohn ent­spre­chend den Be­hör­den. We­nig spä­ter such­te das Ju­gend­amt ei­nen Un­ter­schlupf für ei­nen Jun­gen mit geis­ti­ger Be­hin­de­rung und frag­te bei Claudia P. nach. „Ich hat­te das Ge­fühl, dass ein Heim in die­sem Fall nicht der rich­ti­ge Un­ter­brin­gungs­ort ge­we­sen wä­re“, er­in­nert sie sich. Sie und ih­re Fa­mi­lie nah­men Ste­fan* kurz vor Weih­nach­ten 1985 als zwei­tes Dau­er­pfle­ge­kind auf. Er lebt noch heu­te bei ihr zu­sam­men mit der Ad­op­tiv­toch­ter.

Als die Kin­der er­wach­sen wur­den und zum Teil aus­zo­gen, ent­schied sie sich im Jahr 2000, wie­der Pfle­ge­kin­der bei sich auf­zu­neh­men. Dies­mal aber nicht auf Dau­er, son­dern zur Be­reit­schaft. Sie ist ein­ge­rich­tet auf al­les. Kin­der­wa­gen, Klei­dung in Kin­der­grö­ßen, für Mäd­chen und Jun­gen, gro­ßes Au­to mit Platz für Roll­stuhl­fah­rer – al­les da. Für die Stadt ist sie auch des­halb so wich­tig, weil sie als Kran­ken­schwes­ter in der Psych­ia­trie und Arzt­hel­fe­rin in ei­ner psych­ia­tri­schen Pra­xis (sie ar­bei­tet aber lan­ge nicht mehr im Be­ruf) be­son­ders auf Kin­der mit Be­hin­de­rung spe­zia­li­siert ist. Ein­mal päp­pel­te sie ein Kind über Mo­na­te auf, dass als Tot­ge­burt zur Welt ge­kom­men war, aber wie­der­be­lebt wur­de.

Seit Mai 2014 gibt es die so ge­nann­te ver­trau­li­che Ge­burt in je­der Ge­burts­kli­nik, bei der die Da­ten der Mut­ter an­onym blei­ben und nur an zen­tra­ler Stel­le ge­spei­chert wer­den. Seit­dem ha­ben sich in Mön­chen­glad­bach drei Frau­en für die ver­trau­li­che Ge­burt ent­schie­den.

Man merkt Claudia P. an, dass sie ri­go­ros sein kann. Sie hat kla­re Vor­stel­lun­gen, nach de­nen sie han­delt. Und nach de­nen sie auch ih­re Pfle­ge­kin­der be­han­delt. Das Pro­blem ist näm­lich: Ihr Zu­hau­se darf für die Klei­nen im­mer nur ei­ne Über­gangs­sta­ti­on sein. Sie darf kei­ne so en­ge Bin­dung zu dem Kind auf­bau­en, dass es nicht mehr los­las­sen kann. „Wenn ich ein Kind in ei­ne Fa­mi­lie zur Ad­op­ti­on ab­ge­be, dann dür­fen nie Trä­nen flie­ßen“, sagt sie. „Al­le mei­ne Kin­der wis­sen, dass sie leib­li­che El­tern ha­ben. Sie wach­sen da­mit auf, be­hal­ten ih­ren Na­men. Das ist Teil ih­rer Iden­ti­tät.“Und da­zu ge­hört auch die Zeit in der Pfle­ge­fa­mi­lie. Für je­des Kind legt Claudia P. ein Fo­to­al­bum mit Bil­dern aus der Zeit bei ihr an. „Je­der Mensch braucht Ba­by­fo­tos. Sonst fehlt doch et­was im Le­ben.“Man­che Kin­der ha­ben das Al- bum spä­ter ent­deckt und sich wie­der bei ih­rer al­ten Pfle­ge­mut­ter ge­mel­det, Freund­schaf­ten sind so ent­stan­den. Ein klein­wüch­si­ges Kind, das heu­te neun Jah­re alt ist, will sie nächs­tes Jahr aus Mün­chen be­su­chen kom­men. Claudia P. sagt, sie muss dem Kind ei­ne be­son­ders aus­ba­lan­cier­te Be­zie­hung an­bie­ten. Wär­me und Nä­he, aber doch nicht so ex­klu­siv, wie es ei­ne leib­li­che Mut­ter tut. Des­halb nimmt sie sich auch zwei Aben­de in der Wo­che frei und geht mit Freun­den aus. Dann kom­men Ba­by­sit­ter für die Pfle­ge­kin­der.

Von Ja­nu­ar bis Sep­tem­ber 2016 war für 38 Kin­der und jun­ge Men­schen die Ziel­per­spek­ti­ve Ad­op­ti­on be­nannt. Bis da­hin war für sie­ben Kin­der und Ju­gend­li­che die Ad­op­ti­on kon­kret be­schlos­sen.

Los­las­sen muss funk­tio­nie­ren. Statt Trau­er gibt es zum Um­zug des­halb ei­ne klei­ne Fei­er mit Ku­chen am ge­deck­ten Tisch. Und sie selbst fährt da­nach in Ur­laub an die Nord­see und schaut so ger­ne vom Deich aufs Meer. Nur ein­mal hat sie nicht los­ge­las­sen: bei ih­rer heu­ti­gen Ad­op­tiv­toch­ter Lau­ra*. Das Mäd­chen mit Be­hin­de­rung hat in­zwi­schen auch P.s Na­men an­ge­nom­men, trifft sich aber auch mit ih­ren leib­li­chen El­tern. „Sie kam mit schlim­mer Pro­gno­se zu mir, heu­te läuft sie her­um und schwätzt oh­ne Punkt und Kom­ma.“Für sie war Ad­op­ti­on ge­nau der rich­ti­ge Weg. Claudia P. sagt des­halb, sie kann El­tern ver­ste­hen, die ihr Kind an­de­ren El­tern an­ver­trau­en. „Ich wür­de das nie­mals ver­ur­tei­len.“ *Na­men der Re­dak­ti­on be­kannt.

FO­TO (AR­CHIV): ANDRE­AS BRETZ

Pfle­ge­mut­ter Claudia P. muss ei­nem Pfle­ge­kind, das auf Zeit bei ihr wohnt, ei­ne be­son­de­re Form der Nä­he ver­mit­teln.

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