Mon­te­cris­to

Rheinische Post Moenchengladbach - - UNTERHALTUNG -

Sie stand vor dem Ganz­kör­per­spie­gel im Schlaf­zim­mer, vor dem sie kürz­lich zu­sam­men mit Jo­nas in ei­ner ganz an­de­ren Si­tua­ti­on ge­stan­den hat­te, und prüf­te ihr Pro­fil. Sie dreh­te sich ein biss­chen nach links und nach rechts, stell­te sich fron­tal da­vor und beug­te sich ein we­nig vor.

Nein. Der Aus­schnitt miss­ver­stan­den wer­den.

Sie zog das Kleid wie­der aus und leg­te es aufs Bett zu den an­de­ren ab­ge­lehn­ten: ei­nem Ho­sen­an­zug – zu bu­si­ness –, ei­nem Ko­s­tüm – zu da­men­haft –, ei­nem Cock­tail­kleid – zu fest­lich.

Das klei­ne Schwar­ze war die nächs­te Op­ti­on. Sie tausch­te den Push-up für das de­kol­le­tier­te Kleid ge­gen ei­nen nor­ma­len BH, zog es vor­sich­tig über die Fri­sur und mach­te ih­re Ver­ren­kun­gen für den Rü­cken­reiß­ver­schluss.

Es sah gut aus. Schwar­zer Chif­fon, run­der Aus­schnitt, Saum knapp könn­te über den Kni­en. Da­zu die Per­len­ket­te, die sie von ih­rer Mut­ter zur Ma­tu­ra ge­schenkt be­kom­men hat­te.

In der klei­nen Fla­sche Cham­pa­gner im Kühl­schrank war noch et­was drin. Sie kühl­te da­mit den Rest im Glas, nahm es mit ins Bad und wid­me­te sich dem Ma­ke-up.

Es brauch­te nicht viel. Ei­nen Hauch Fond de Teint an den Stel­len, die zum Glän­zen neig­ten, ei­nen win­zi­gen Lid­strich und ein biss­chen Wim­pern­tu­sche. Die Lip­pen wür­de sie nach­zie­hen, wenn sie das Glas leer hat­te und der Fah­rer klin­gel­te.

Sie tupf­te et­was Cha­nel No 19 hin­ter die Oh­ren und auf die Hand­ge­len­ke, weil es so gut zum klei­nen Schwar­zen pass­te, und war be­reit.

War sie ner­vös? Nein. Et­was ge­spannt viel­leicht. Aber ner­vös?

Als es klin­gel­te, zuck­te sie doch zu­sam­men und kipp­te ihr Glas so hef­tig, dass ihr ein we­nig Cham­pa­gner am Mund­win­kel vor­bei­lief. Sie tupf­te ihn mit ei­nem Kleenex ab und sag­te in die Ge­gen­sprech­an­la- ge: „Bin gleich so weit.“Sie ging zu­rück ins Bad, zog sich die Lip­pen nach und hol­te ih­ren Man­tel an der Gar­de­ro­be. Ma­ri­na leg­te ihn über den Arm mit der Hand­ta­sche, warf ei­nen letz­ten Blick in den Spie­gel, schloss die Woh­nung ab und drück­te auf den Lift­knopf.

Der schwar­ze Au­di stand mit blin­ken­den Warn­lich­tern halb auf dem Trot­toir. Ein Mann im dunk­len An­zug hielt ihr die Tür zum Fond auf. Sie stieg ein und ge­noss den Duft nach neu, der sie so­fort um­gab.

Kaum wa­ren sie ein paar hun­dert Me­ter ge­fah­ren, klin­gel­te ihr Han­dy. Sie nahm es aus der Ta­sche. „Jo­nas“stand auf dem er­leuch­te­ten Dis­play. Sie drück­te auf „ab­leh­nen“, stell­te das Han­dy auf Flug­mo­dus und schob es zu­rück in die Hand­ta­sche.

Kei­ne zehn Mi­nu­ten spä­ter fuhr der Fah­rer wie­der mit zwei Rä­dern auf ein Trot­toir und schal­te­te die Warn­blink­lich­ter ein. Er öff­ne­te die Tür, brach­te Ma­ri­na zum Haus­ein­gang und drück­te auf die un­be- schrif­te­te obers­te Klin­gel beim Sei­ten­ein­gang. „Ja?“, sag­te die Stim­me von Herrn Schwarz. „Li­li­en“, ant­wor­te­te Ma­ri­na. Der Tür­öff­ner surr­te. Es war weit nach Mit­ter­nacht, aber im Pro­duk­ti­ons­bü­ro an der Blau­wie­sen­stra­ße 122 brann­te noch Licht. Ma­ri­na hat­te sich ab­ge­mel­det, sie war mit den Vor­be­rei­tun­gen für ir­gend­ei­nen Event in Bern be­schäf­tigt, er hat­te ver­ges­sen, für was für ei­nen. Sie wür­de dort über­nach­ten, und sie wür­den sich erst am nächs­ten Abend wie­der­se­hen.

Jo­nas konn­te es nur recht sein. Der Dreh­plan mach­te ihm Sor­gen. Er spreng­te das Bud­get, und wenn sie ihn an­pas­sen woll­ten, muss­ten sie über das Dreh­buch ge­hen. Dreh­or­te än­dern, Sze­nen zu­sam­men­zie­hen oder so­gar strei­chen.

Es war ei­ne Ar­beit, an der man dran­blei­ben muss­te und für die er die Hil­fe von Tom­my brauch­te.

(Fort­set­zung folgt)

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.