Nost­al­gie-Be­such auf Lum­mer­land

Im Mu­se­um der Augs­bur­ger Pup­pen­kis­te weckt so­gar die Plas­tik­fo­lie nost­al­gi­sche Ge­füh­le beim Be­su­cher.

Rheinische Post Moenchengladbach - - KINDERSEITE - VON CHRIS­TOPH DRIESSEN

Wenn man im Jahr 1970 im Kin­der­gar­ten meh­re­re Mo­na­te aus­schließ­lich den Räu­ber­haupt­mann Bill Bo ge­malt hat, dann ist es et­was Be­son­de­res, ihn im 50. Le­bens­jahr end­lich leib­haf­tig vor sich zu se­hen. Da hängt er in ei­ner Vi­tri­ne im Mu­se­um der Augs­bur­ger Pup­pen­kis­te. „Bom­ben, Gra­na­ten, Ele­ment, Potz­blitz, Don­ner­wet­ter Sap­per­ment noch­mal“- nie­mand konn­te so schön flu­chen wie Bill Bo.

Im Grun­de sieht er noch so aus wie da­mals, nur mit dem Un­ter­schied, dass er Far­be hat, wäh­rend ihn die Fans der ers­ten St­un­de viel­fach noch in Schwarz- weiß er­lebt ha­ben. Bunt­fern­se­hen war En­de der 60er und An­fang der 70er Jah­re noch kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Rüh­rend, dass auch an ihm der Zahn der Zeit nicht spur­los vor­über­ge­gan­gen ist. Der Lack ist ab: Auf der klo­bi­gen Na­se brö­ckelt un­ver­kenn­bar die Far­be. Aber das ist es nicht, was ihn fremd wir­ken lässt. Es ist sei­ne Un­be­weg­lich­keit: Kei­ne ges­ti­ku­lie­ren­den Arm­be­we­gun­gen, kein Kopf­wa­ckeln. Der Mund ist starr­ge­öff­net, so dass man die schief ste­hen­den Räu­ber­zäh­ne sieht, der Blick et­was scheel. Ha­ben sich frü­her nicht die un­ter­schied­lichs­ten Ge­füh­le da­rin ge­spie­gelt? „Nur in Ih­rer Fan­ta­sie“, er­klärt Thea­ter­lei­ter Klaus Mar­schall (55), En­kel des Pup­pen­kis­ten-Grün­ders Wal­ter Oeh­mi­chen (1901-1977). Kopf, Ar­me und Bei­ne las­sen sich be­we­gen, aber nicht das Ge­sicht. „Wir we­deln doch bloß mit ei­nem Stück Holz her­um und sa­gen da­bei: „Der lacht jetzt, der weint jetzt, der ist jetzt nach­denk­lich““, sagt Mar­schall. „Wir ge­ben nur ei­nen Steig­bü­gel für die Fan­ta­sie, al­les an­de­re muss der Zu­schau­er selbst aus­fül­len.“

Ge­gen­über von Bill Bo hängt der Lö­we, er konn­te im­mer­hin das Maul auf- und zu­klap­pen und so­gar die Au­gen zu­ma­chen. Frau Waas steht in ih­rem Ge­misch­wa­ren­la­den auf Lum­mer­land, und das Pi­ra­ten­schiff der Wil­den 13 düm­pelt auf den Wel­len. Ne­ben­an die Blech­büch­sen­ar­mee: Sol­da­ten, die ih­ren Geg­ner buch­stäb­lich platt­ma­chen, in­dem sie sich in ih­ren Pan­zer zu­rück­zie­hen und von ei­nem Hü­gel hin­un­ter­rol­len. Das al­les konn­te man mit Kon­ser­ven­do­sen wun­der­bar nach­spie­len.

An­fang der 70er Jah­re nahm der Hes­si­sche Rund­funk der Pup­pen­kis­te dann den Ku­lis­sen­bau aus den Hän­den und ver­leg­te ihn in sei­ne ei­ge­nen Werk­stät­ten. Von da an wur­de die Aus­stat­tung im­mer auf­wän­di­ger und de­tail­rei­cher, da­durch ging den Pro­duk­tio­nen spä­tes­tens in den 80er Jah­ren ein Teil ih­res Zau­bers ver­lo­ren. Um­so sen­ti­men­ta­ler sind die Ge­füh­le beim An­blick des Fo­li­en­meers, das in Augs­burg um den ein­sa­men Fel­sen des trau­ri­gen See-Ele­fan­ten aus „Ur­mel“tost.

Das Mu­se­um „die Kis­te“als Ort der Nost­al­gie: El­tern und Groß­el­tern schie­ben ih­re Kin­der und En­kel hin­durch und wir­ken mit­un­ter be­geis­ter­ter als der Nach­wuchs. „Vie­le sa­gen mir: „Ich bin da­mit groß ge­wor­den, ich ha­be im­mer Ur­mel ge­guckt!““, er­zählt Mar­schall. Doch die Er­in­ne­rung trügt: „Das be­zieht sich auf das Fern­seh­ver­hal­ten heu­ti­ger Kin­der, die 50 oder 100 Fol­gen an­schau­en.“Die Pup­pen­kis­te konn­te man kei­nes­wegs „im­mer gu­cken“, sie war ei­ne Sel­ten­heit: Es gab im gan­zen Jahr nur vier Fol­gen, im­mer an den Ad­vents­sonn­ta­gen.

Nicht al­le Stars sind im Mu­se­um ver­tre­ten, da­für ist es zu klein. Et­wa 5000 Ma­rio­net­ten hän­gen – zum Schutz ge­gen Staub in Plas­tik­tü­ten ver­packt – im Ma­ga­zin auf dem Dach­bo­den, ein­ge­teilt in Men­schen und Tie­re, Män­ner und Frau- en, Volk und Pro­mi­nen­te. Der Thea­ter­be­trieb der Augs­bur­ger Pup­pen­kis­te ist so er­folg­reich und le­ben­dig wie eh und je – die Vor­stel­lun­gen in ei­nem al­ten Spi­tal­bau aus der Zeit des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges sind na­he­zu aus­ge­las­tet. „Der klei­ne Prinz“und „Die Weih­nachts­ge­schich­te“ste­hen in die­sem De­zem­ber im Pro­gramm. Wer ei­nen der 222 Sit­ze er­gat­tert, kann er­pro­ben, ob die Ma­gie der Kis­ten­de­ckel bei ihm noch wirkt.

FO­TO: CHRIS­TOPH DRIESSEN

Hel­den der Kind­heit (v. li.): der Schein­rie­se Tur Tur, Jim Knopf, Lu­kas der Lo­ko­mo­tiv­füh­rer mit sei­ner Lok Em­ma und Li Si, die Toch­ter des Kai­sers von Chi­na.

FO­TO: CHRIS­TOPH DRIESSEN

Räu­ber­haupt­mann Bill Bo hat schon fast 50 Jah­re auf dem Bu­ckel.

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