Der St­a­chel im Fleisch der USA

Rheinische Post Moenchengladbach - - STIMME DES WESTENS - VON MA­XI­MI­LI­AN KRO­NE

Nie­mand darf will­kür­lich fest­ge­nom­men oder in Haft ge­hal­ten wer­den. Das legt der neun­te Ar­ti­kel der all­ge­mei­nen Er­klä­rung der Men­schen­rech­te fest. Wer be­zich­tigt wird, ei­ne Straf­tat be­gan­gen zu ha­ben, wird ver­haf­tet, ei­nem Rich­ter vor­ge­führt und in ei­nem fai­ren Ver­fah­ren ver­ur­teilt oder frei­ge­spro­chen. So schaut der Op­ti­mal­fall in ei­nem Rechts­staat aus. Doch was pas­siert mit Per­so­nen, die kei­ne nor­ma­len Kri­mi­nel­len sind? Mit Per­so­nen, die im Ver­dacht ste­hen, Ter­ror ver­brei­tet zu ha­ben? Die USA ha­ben nach den An­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 ei­ne Lö­sung auf Ku­ba ge­fun­den, in Gu­an­tá­na­mo. Dort mach­te sich die da­ma­li­ge US-Re­gie­rung den Son­der­sta­tus Gu­an­tá­na­mos zu Ei­gen und he­bel­te Grund­rech­te, wie je­nen neun­ten Ar­ti­kel, durch ge­schick­te ju­ris­ti­sche Ar­gu­men­ta­tio­nen aus. Im Ja­nu­ar exis­tiert das La­ger be­reits 15 Jah­re. Son­der­sta­tus Folgt man der Ar­gu­men­ta­ti­on der US-Ju­ris­ten, so ist das Ge­biet, auf dem das Ge­fan­ge­nen­la­ger er­rich­tet wur­de kein Be­sitz­tum oder Ter­ri­to­ri­um der USA, son­dern von Ku­ba dau­er­haft ge­pach­tet. Was un­spek­ta­ku­lär klingt, hat vor al­lem ju­ris­ti­sches Ge­wicht. Denn be­fän­de sich das La­ger auf of­fi­zi­el­lem US-Ge­biet, hät­ten die Ge­fan­ge­nen An­spruch auf ei­ne Be­hand­lung nach US-Recht, al­so auf ein zi­vi­les Ge­richts­ver­fah­ren nach An­kla­ge­er­he­bung und ei­ne zeit­lich be­grenz­te In­haf­tie­rung. Dar­auf be­ru­fen konn­ten sich die In­sas­sen aber lan­ge nicht. Schon al­lein des­halb, weil es nach Ver­ab­schie­dung des An­ti-Ter­ror-Ge­setz­tes, dem USA Pa­tri­ot Act, aus­reicht, al­lein des Ter­rors be­zich­tigt zu wer­den, um für ei­ne un­be­stimm­te Zeit oh­ne An­kla­ge­er­he­bung fest­ge­hal­ten zu wer­den. So­mit sei laut Re­gie­rung of­fi­zi­ell kein Ge­richt für die Ge­fan­ge­nen zu­stän­dig. Gen­fer Kon­ven­ti­on Vie­le der Ge­fan­ge­nen wur­den im Zu­ge des so­ge­nann­ten Krie­ges ge­gen den Ter­ror ver­haf­tet. Als An­ge­hö­ri­ge ei­ner Kriegs­par­tei ge­nie­ßen sie im Nor­mal­fall den Schutz der Gen­fer Kon­ven­ti­on für Kriegs­ge­fan­ge­ne. Doch auch die­se ju­ris­ti­sche Hür­de wuss­te die US-Re­gie­rung zu um­ge­hen: So han­de­le es sich bei den In­haf­tier­ten groß­teils um so­ge­nann­te un­recht­mä­ßi­ge Kämp­fer, die kei­ner der in der Kon­ven­ti­on auf­ge­lis­te­ten Grup­pen zu­zu­ord­nen sei­en. In die­sem Fall greift laut Gen­fer Kon­ven­ti­on je­doch ein Pas­sus, der die Klä­rung des Sta­tus sol­cher Kämp­fer vor ei­nem zu­stän­di­gen Ge­richt vor­sieht. Da aber we­gen Gu­an­tá­na­mos Son­der­sta­tus kein Ge­richt of­fi­zi­ell zu­stän­dig sei, ent­fällt laut Re­gie­rung auch die­ses Recht. Recht­spre­chung Mit den Rech­ten der Ge­fan­ge­nen be­fass­te sich seit 2003 mehr­fach der Obers­te Ge­richts­hof der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, der das Vor­ge­hen der Re­gie­rung für rechts- und ver­fas­sungs­wid­rig er­klär­te. So ur­teil­te das Ge­richt im Jahr 2004, dass den In­sas­sen die Mög­lich­keit ein­ge­räumt wer­den müs­se, ih­re In­haf­tie­rung vor ei­nem Bun­des­ge­richt un­ter Zu­grun­de­le­gung des Völ­ker­rechts, un­ter an­de­rem der Gen­fer Kon­ven­ti­on, über­prü­fen zu las­sen. Ver­su­che der US-Re­gie­rung, die­se Re­ge­lung durch ein neu­es Ge­setz – den Mi­li­ta­ry Com­mis­si­ons Act – aus­zu­he­beln schei­ter­ten im Jahr 2008 er­neut vor dem Obers­ten Ge­richts­hof. Aus­wir­kun­gen Seit der letz­ten Grund­satz­ent­schei­dung des Ge­richts­ho­fes wur­de die Recht­mä­ßig­keit der In­haf­tie­run­gen von ei­nem Bun­des­ge­richt über­prüft und über­wie­gend be­stä­tigt. Ver­fah­ren, die die Frei­las­sung von Ge­fan­ge­nen zum Ziel hat­ten, gab es hin­ge­gen weit we­ni­ger. Sie zo­gen sich zu­dem meist durch sämt­li­che In­stan­zen, al­so über meh­re­re Jah­re. Vie­le Ge­fan­ge­ne wur­den in­zwi­schen ent­we­der oh­ne ge­richt­li­che Prü­fung ent­las­sen oder an ih­re Hei­mat­län­der über­stellt, wo sie wei­ter­hin in Haft sind. Die recht­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ge­fan­ge­nen­la­ger be­schränk­te sich groß­teils je­doch le­dig­lich auf die Fra­ge, ob die In­haf­tie­rung an sich recht­mä­ßig ist. Die Art und Wei­se der Un­ter­brin­gung so­wie der Ein­satz von Fol­ter bei Ver­hö­ren war hin­ge­gen nicht Ge­gen­stand der Ver­hand­lun­gen. Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen In­zwi­schen ist mehr­fach be­legt, dass US-Be­hör­den sys­te­ma­ti­sche Fol­ter, wie Wa­ter­boar­ding oder die An­dro­hung von Ge­walt ein­ge­setzt ha­ben, um Ge­fan­ge­ne zur Preis­ga­be von In­for­ma­tio­nen über ter­ro­ris­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten zu be­we­gen. Die USA ver­stie­ßen da­mit gleich ge­gen meh­re­re Ar­ti­kel der All­ge­mei­nen Er­klä­rung der Men­schen­rech­te. Ele­men­ta­re Grund­wer­te wie die Wür­de des Men­schen wur­den un­ter an­de­rem durch den Zwang zur voll­stän­di­gen Ent­klei­dung bei Ver­hö­ren und das Aus­har­ren in un­an­ge­neh­men Kör­per­hal­tun­gen völ­lig miss­ach­tet.

Zur Re­chen­schaft ge­zo­gen, et­wa durch ei­nen Be­schluss der Ver­ein­ten Na­tio­nen, wur­den die USA bis­lang nicht, da sie ge­gen sol­che Be­schlüs­se ein Ve­to im UN-Si­cher­heits­rat ein­le­gen kön­nen. Auch ei­ne An­kla­ge von rang­ho­hen Re­gie­rungs­ver­tre­tern, die die­ses Vor­ge­hen zu ver­ant­wor­ten ha­ben, vor dem In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hof wird es nicht ge­ben. Die USA er­ken­nen die­sen bis­lang näm­lich nicht an. Wahr­neh­mung Die Tat­sa­che, dass die USA bei ih­ren Mi­li­tär­in­ter­ven­tio­nen seit 2001 als Kämp­fer für die Wah­rung von Men­schen­rech­ten und Rechts­staat­lich­keit auf­ge­tre­ten sind, er­scheint mit Blick auf die gän­gi­gen Ver­hör­prak­ti­ken und die Miss­ach­tung jeg­li­cher Grund­rech­te der Ge­fan­ge­nen als blan­ker Hohn. Die USA op­fer­ten in ei­ner ih­rer schwers­ten St­un­den nach den An­grif­fen im Sep­tem­ber 2001 ei­nes der höchs­ten Gü­ter ei­ner De­mo­kra­tie dem Wunsch nach Ver­gel­tung. Den Preis zahl­ten ne­ben den Ge­fan­ge­nen all je­ne, die dar­an glaub­ten, dass es in ei­ner west­li­chen De­mo­kra­tie un­mög­lich sei, das Recht oh­ne Furcht vor Kon­se­quen­zen beu­gen zu kön­nen. So schwer es in man­chen Fäl­len auch fal­len mag, es sind un­se­re Grund­wer­te, die uns von der men­schen­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gie der Ter­ro­ris­ten un­ter­schei­den. Fol­ter, Pei­ni­gung und die Miss­ach­tung von Men­schen­rech­ten ge­hö­ren nicht da­zu.

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