„Viel­leicht bin ich Ih­nen zu kon­ser­va­tiv“

Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter über den Arz­nei-Ver­sand­han­del, die Bür­ger­ver­si­che­rung und die letz­te Pha­se der Pfle­ge­re­form.

Rheinische Post Moenchengladbach - - POLITIK - MICHA­EL BRÖCKER UND MAR­TIN KESS­LER FÜHR­TEN DAS GE­SPRÄCH.

DÜS­SEL­DORF Der Ter­ror in Ber­lin hat das po­li­ti­sche Le­ben kräf­tig durch­ein­an­der ge­wir­belt. Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Her­mann Grö­he (CDU) war beim Be­such in Düs­sel­dorf noch im­mer von der Tat des 24-jäh­ri­gen Tu­ne­si­ers Anis Am­ri ge­schockt. Jetzt müss­ten sich al­le De­mo­kra­ten weh­ren, for­der­te der CDU-Po­li­ti­ker. Im In­ter­view ging es aber auch um ge­sund­heits­po­li­ti­sche Fra­gen. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat der An­schlag in Ber­lin auf die li­be­ra­le Flücht­lings­po­li­tik der Re­gie­rung? GRÖ­HE Der Schock sitzt noch im­mer tief. Un­se­re Ge­dan­ken sind bei den Op­fern und An­ge­hö­ri­gen. Und na­tür­lich müs­sen wir al­len Fra­gen nach­ge­hen, die sich aus der Tat für un­se­re Si­cher­heit er­ge­ben. Jetzt aber ha­ben die Er­mitt­lun­gen Vor­rang. Und wir dür­fen die, die vor dem Ter­ror zu uns ge­flo­hen sind, nicht durch Aus­gren­zung ein zwei­tes Mal zu Op­fern des Ter­rors ma­chen. Zur Frei­heit und Of­fen­heit ge­hört auch der Mut, sich den Fein­den der Frei­heit nicht zu beu­gen. Die Deut­schen füh­len sich un­si­che­rer. Was kann die Po­li­tik für mehr Si­cher­heit tun? GRÖ­HE Im Lich­te der Er­mitt­lun­gen wird si­cher­lich zu prü­fen sein, wo wir bes­ser wer­den müs­sen – et­wa bei der Ge­fähr­der­über­wa­chung oder dem Ab­schie­bungs­voll­zug. So wie aber die AfD vor­han­de­ne Un­si­cher­hei­ten aus­beu­ten will, zeigt dies vor al­lem, dass die­se Par­tei nicht bür­ger­lich oder kon­ser­va­tiv ist, son­dern schlicht un­an­stän­dig. Müs­sen wir uns an Heer­scha­ren von Po­li­zis­ten, Pol­ler und Blo­cka­de­git­ter auf Groß­ver­an­stal­tun­gen ge­wöh­nen? GRÖ­HE Die Si­cher­heits­maß­nah­men wur­den ja schon deut­lich ver­schärft. Den­ken Sie nur an das Lan­des­ju­bi­lä­um in die­sem Som­mer. Da­für sind die al­ler­meis­ten Men­schen dank­bar. Und ich ha­be über­haupt kein Ver­ständ­nis da­für, wenn so man­cher Lin­ke so tut, als ge­hen in un­se­rem Land die Ge­fah­ren für die Frei­heit von der Po­li­zei aus. Das ist Blöd­sinn! Sie sind CDU-Po­li­ti­ker und An­hän­ger der Markt­wirt­schaft. War­um wol­len Sie mit dem Ver­bot des Ver­sand­han­dels von re­zept­pflich­ti­gen Me­di­ka­men­ten Wett­be­werb und güns­ti­ge­re Prei­se für Pa­ti­en­ten aus­schal­ten? GRÖ­HE Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung ist weit mehr als Arz­nei­mit­tel­ver­kauf! Es geht auch um Be­ra­tung – gut er­reich­bar, rund um die Uhr an sie­ben Ta­gen in der Wo­che. Un­se­re be­währ­te Apo­the­ken­ver­sor­gung wä­re ge­fähr­det, wenn es in Fol­ge der EuGH-Ent­schei­dung zu ei­nem mas­si­ven An­stieg des Ver­sand­han­dels mit re­zept­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln kä­me. In 21 Staa­ten in der EU gibt es im Üb­ri­gen ein sol­ches Ver­bot – un­be­an­stan­det vom EuGH. Nicht al­les, was Recht ist, muss rich­tig sein. Die deut­schen Apo­the­ken könn­ten selbst mehr Ver­sand­han­del be­trei­ben. GRÖ­HE Wenn aus­län­di­sche Ver­sand­apo­the­ken Ra­bat­te ge­ben kön­nen, wer­den auch in­län­di­sche Ver­sand­apo­the­ken die­ses Recht zu er­strei­ten ver­su­chen. Dies wür­de die La­ge für die Prä­senz-Apo­the­ken wei­ter ver­schär­fen. Und der SPD-Vor­schlag, Ver­sand­han­del mit Ra­bat­ten zu­zu­las­sen, aber mehr für die Be­ra­tung zu be­zah­len, löst kein Pro­blem, aber kos­tet die Ver­si­cher­ten zu­sätz­li­ches Geld. Im 21. Jahr­hun­dert spre­chen Pa­ti­en­ten mit Ärz­ten über Sky­pe, es wer­den sen­si­ble Pro­duk­te im In­ter­net be­stellt und künf­tig viel­leicht so­gar per Droh­ne ge­lie­fert. Be­wah­ren Sie ver­al­te­te Struk­tu­ren? GRÖ­HE Wenn Ih­re Toch­ter nachts um elf Uhr Ma­gen­schmer­zen hat, be­rät Sie die Droh­ne nicht! Ärz­te oder Apo­the­ker kön­nen an­ge­ru­fen und Me­di­ka­men­te in­ner­halb ei­ner St­un­de ge­lie­fert wer­den. GRÖ­HE Viel­leicht bin ich Ih­nen ja zu kon­ser­va­tiv. Aber ich se­he kei­nen Grund, die be­währ­te per­sön­li­che Vor-Ort-Be­treu­ung, auf die vie­le – nicht zu­letzt äl­te­re – Men­schen ver­trau­en, in­fra­ge zu stel­len. Ha­ben wir nicht schlicht zu vie­le Apo­the­ken? GRÖ­HE In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat be­reits ein mo­de­ra­ter Rück­gang von et­wa ei­nem Pro­zent der Apo­the­ken pro Jahr ein­ge­setzt. Wir ha­ben ei­nen spür­ba­ren Preis­wett­be­werb zwi­schen den Apo­the­ken bei re­zept­frei­en Arz­nei­mit­teln und vie­len wei­te­ren Pro­duk­ten. Orts­nä­he soll­te es aber wei­ter ge­ben. Man kann nicht am Reiß­brett ent­wer­fen, wie vie­le Apo­the­ken das Land braucht. Da­für brau­chen Ver­brau­cher doch kein Reiß­brett. In vie­len Stadt­tei­len hier gibt es im Um­kreis von zwei Ki­lo­me­tern drei Apo­the­ken. GRÖ­HE Das mag im städ­ti­schen Bal­lungs­raum so sein – im länd­li­chen Raum sieht es schon an­ders aus. Und im­mer dann, wenn ei­ne Apo­the­ke ge­schlos­sen wird, schrei­en Ge­mein­de­rä­te, Bür­ger­meis­ter und üb­ri­gens auch Lo­kal­re­dak­teu­re auf. Sie könn­ten das Mehr­be­sitz­ver­bot für Apo­the­ker lo­ckern? GRÖ­HE Wir kön­nen al­les in­fra­ge stel­len. Oder wir kön­nen er­hal­ten, was sich be­währt hat. Und bei den Arz­nei­mit­tel­kos­ten­aus­ga­ben lie­gen wir in­ter­na­tio­nal vor­ne. GRÖ­HE Wir lie­gen bei der Arz­nei­mit­tel­ver­sor­gung in­ter­na­tio­nal vor­ne! Neue Arz­nei­mit­tel ste­hen bei uns al­len Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten sehr schnell zur Ver­fü­gung und wer­den auch von der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung be­zahlt. Das gibt es nicht zum Null­ta­rif. Und na­tür­lich kos­tet uns der me­di­zi­ni­sche Fort­schritt Geld. Nur ein Bei­spiel: Vor drei Jah­ren gab es kaum Hei­lungs­chan­cen für He­pa­ti­tis C. Da­mit recht­fer­ti­ge ich nicht je­den Preis, den Her­stel­ler und Kas­sen aus­ge­han­delt ha­ben. Aber es ist ein Se­gen, dass Men­schen nicht mehr auf ei­ne Trans­plan­ta­ti­on war­ten müs­sen oder ster­ben, son­dern heu­te ge­heilt wer­den kön­nen. Gleich­zei­tig neh­men wir die Aus­ga­ben­ent­wick­lung bei Arz­nei­mit­teln sehr ernst und ha­ben sie in den letz­ten Jah­ren auch deut­lich ge­dämpft. Ist die Apo­the­ker-Lob­by so hart­nä­ckig, wie es im­mer ge­schrie­ben wird? GRÖ­HE Al­le Be­tei­lig­ten set­zen sich ve­he­ment für ih­re In­ter­es­sen ein. Maß­stab für die Po­li­tik kann aber nur das All­ge­mein­wohl sein. Die SPD hat ei­nen Wahl­kampf­schla­ger: die Bür­ger­ver­si­che­rung. GRÖ­HE Au­ßer dem schi­cken Ti­tel kann ich nichts dar­an fin­den. Ei­ne Zwangs­ver­hei­ra­tung zwi­schen ge­setz­li­cher und pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rung wür­de auf­grund des Ver­trau­ens­schut­zes meh­re­re Jahr­zehn- te dau­ern, nützt uns al­so nichts bei den jetzt an­ste­hen­den Her­aus­for­de­run­gen. Im Üb­ri­gen ist für Neid­pa­ro­len in der Ge­sund­heits­po­li­tik kein Platz. Wie in nur we­ni­gen Län­dern welt­weit steht bei uns Spit­zen­me­di­zin im Be­darfs­fall un­ab­hän­gig vom Geld­beu­tel zur Ver­fü­gung. Was spricht denn ge­gen die Bür­ger­ver­si­che­rung? Al­le zah­len ein, es gibt ein ho­hes Ver­sor­gungs­ni­veau. Und wer mehr will, schließt ei­ne pri­va­te Ver­si­che­rung ab. GRÖ­HE Das Ne­ben­ein­an­der von ge­setz­li­cher und pri­va­ter Kran­ken­ver­si­che­rung hat sich be­währt. Denn der Sys­tem­wett­be­werb hat im­mer wie­der zu Ver­bes­se­run­gen für ge­setz­lich und pri­vat Ver­si­cher­te ge­führt. Die Kos­ten ex­plo­die­ren trotz­dem, und die Ver­si­cher­ten müs­sen im­mer hö­he­re Zu­satz­bei­trä­ge be­zah­len. Sie gel­ten als der teu­ers­te Ge­sund­heits­mi­nis­ter in der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik. GRÖ­HE Las­sen Sie mal die Kir­che im Dorf! 2017 bleibt der Zu­satz­bei­trag in al­ler Re­gel sta­bil, 2016 gab es ei­nen sehr mo­de­ra­ten An­stieg. Und nie­mand be­strei­tet, dass es rich­tig ist, die Ho­s­piz- und Pal­lia­tiv­ver­sor­gung, aber auch die Sta­ti­ons­pfle­ge und die Hy­gie­ne im Kran­ken­haus zu stär­ken so­wie An­rei­ze für Land­ärz­te zu schaf­fen. Das ist im In­ter­es­se der Ver­si­cher­ten. Und mit ver­stärk­ten An­stren­gun­gen in der Prä­ven­ti­on, der Wei­ter­ent­wick­lung der Kran­ken­haus­land­schaft und ei­nem Preis­mo­ra­to­ri­um bei ei­ner gan­zen Rei­he von Arz­nei­mit­teln sor­gen wir auch für die nach­hal­ti­ge Fi­nan­zier­bar­keit. Am 1. Ja­nu­ar star­tet die letz­te Pha­se der Pfle­ge­re­form. Ha­ben wir dann Ru­he vor wei­te­ren Ve­rän­de­run­gen? GRÖ­HE Zum 1. Ja­nu­ar er­hal­ten De­menz­kran­ke end­lich ei­nen gleich­be­rech­tig­ten Zu­gang zu al­len Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung. Und wir stär­ken mit um­fang­rei­chen Leis­tungs­ver­bes­se­run­gen Pfle­ge­be­dürf- ti­ge, ih­re An­ge­hö­ri­gen und un­se­re Pfle­ge­kräf­te. Das The­ma Pfle­ge bleibt aber auf der Ta­ges­ord­nung – et­wa mit der Re­form der Be­rufs­aus­bil­dung, Ver­bes­se­run­gen in der be­trieb­li­chen Ge­sund­heits­för­de­rung für Pfle­ge­kräf­te oder durch die Auf­ga­be, durch mehr Re­ha­bi­li­ta­ti­on Pfle­ge­be­dürf­tig­keit zu ver­mei­den oder zu ver­zö­gern. Es gibt im­mer wie­der Kla­gen, dass Pri­vat­leu­te, die An­trä­ge bei der Pfle­ge­ver­si­che­rung stel­len, nicht das be­kom­men, was ih­nen zu­steht. Was un­ter­neh­men Sie da­ge­gen? GRÖ­HE Die Pfle­ge­be­gut­ach­tung ist deut­lich bes­ser ge­wor­den. 2015 dau­er­te nur bei we­ni­ger als ei­nem Pro­zent der Erst­an­trä­ge die Be­gut­ach­tung mehr als fünf Wo­chen. 2011 war dies noch in 28 Pro­zent der Fäl­le ge­ge­ben. Und ab dem 1. Ja­nu­ar gibt es ein neu­es Be­gut­ach­tungs­sys­tem, und al­le Ex­per­ten be­schei­ni­gen uns, dass da­mit der Pfle­ge­be­darf bes­ser er­fasst wer­den kann. Zugleich gilt auch wei­ter­hin: Wer sich un­ge­recht be­han­delt fühlt, soll­te sein Wi­der­spruchs­recht nut­zen. Die neue Pfle­ge­ver­si­che­rung kos­tet viel Geld. Die Ver­si­cher­ten müs­sen 0,5 Pro­zent­punk­te mehr be­zah­len. Bleibt es da­bei? GRÖ­HE Wir ge­hen von sta­bi­len Bei­trä­gen bis 2022 aus und ha­ben da­mit be­gon­nen, ei­nen Vor­sor­ge­fonds an­zu­spa­ren, um die Bei­trags­ent­wick­lung ab 2035 ab­zu­dämp­fen, wenn die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge ver­mehrt Pfle­ge­leis­tun­gen be­nö­ti­gen. Wir ver­bes­sern die Leis­tun­gen um fünf Mil­li­ar­den Eu­ro jähr­lich. Und die da­zu er­for­der­li­che Bei­trags­er­hö­hung wird in der Be­völ­ke­rung ak­zep­tiert. Ein star­kes Zei­chen der So­li­da­ri­tät – aber auch des Um­stands, dass das The­ma Pfle­ge je­den von uns be­trifft.

FO­TO: DPA

Her­mann Grö­he (55) auf dem Weg zu ei­ner Ka­bi­netts­sit­zung im Bun­des­kanz­ler­amt.

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