SERIE PROFIFUSSBALL (1) Jungs oh­ne Ju­gend

Be­rufs­sport­ler wer­den be­ju­belt, be­wun­dert, be­nei­det. Dass zum Pro­fi­sport aber auch Op­fer und Schat­ten­sei­ten ge­hö­ren, be­leuch­tet un­se­re Serie. Für die ers­te Fol­ge ha­ben wir Ni­co El­ve­di von Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach be­sucht.

Rheinische Post Moenchengladbach - - SPORT - VON JAN­NIK SORGATZ

MÖN­CHEN­GLAD­BACH Das muss Ni­co El­ve­di dann doch klar­stel­len. „Ich füh­le mich im­mer noch wie 20“, sagt der Schwei­zer und lacht. Am bio­lo­gi­schen Al­ter des Ver­tei­di­gers von Bo­rus­sia Mön­chen­glad­bach be­ste­hen kei­ne Zwei­fel. Er ist 20, und er sieht auch so aus. Trotz­dem fragt sich der ge­neig­te Be­ob­ach­ter, ob El­ve­di nicht viel­leicht doch schon mit 13 Jah­ren im Pro­fi­fuß­ball an­ge­fan­gen hat, so un­be­ein­druckt wirkt er mit­un­ter auf dem Platz.

Da­bei ver­läuft El­ve­dis Ent­wick­lung noch gar nicht lan­ge so ra­sant, er kann das mit der Bio­gra­fie sei­nes Zwil­lings­bru­ders Jan ab­glei­chen: Bei der Ge­burt ließ Ni­co ihm noch den Vor­tritt, bis zur U15 beim FC Zü­rich ver­lief ih­re Ent­wick­lung par­al­lel, dann über­hol­te Ni­co den fünf Mi­nu­ten äl­te­ren Bru­der, und nun hat er schon Pha­sen er­lebt, in de­nen er in der ei­nen Wo­che Cham­pi­ons Le­ague mit Bo­rus­sia und in der nächs­ten Wo­che Qua­li­fi­ka­ti­on zur Welt­meis­ter­schaft mit der Schwei­zer Na­tio­nal­mann­schaft spiel­te. „Ich bin froh, dass es so schnell ge­gan­gen ist“, sagt El­ve­di.

Mit zehn Jah­ren vom Hei­mat­ver­ein in der klei­nen Ge­mein­de Grei­fen­see nach Zü­rich, mit 17 der ers­te Pro­fi­ver­trag und das Li­ga­de­büt, mit 18 Eu­ro­pa Le­ague, mit 19 Cham­pi­ons Le­ague, Län­der­spiel­de­büt und Eu­ro­pa­meis­ter­schaft, mit 20 Bo­rus­si­as Feld­spie­ler mit den meis­ten Ein­satz­mi­nu­ten in der Hin­se­rie – wenn pro Zeit­ein­heit im­mer mehr hin­zu­kommt, nennt der Ma­the­ma­ti­ker das ex­po­nen­ti­el­les Wachs­tum. El­ve­di ist ein Pa­ra­de­bei­spiel und macht nicht den Ein­druck, als füh­le er sich je­mals von sich selbst ab­ge­hängt. Er hat es eben auch ganz nach oben ge­schafft.

In ganz jun­gen Jah­ren ha­be die Fa­mi­lie den Auf­wand noch et­was mehr ge­spürt. „Am meis­ten mei­ne Mut­ter, weil der Trai­nings­platz et­wa 30 Ki­lo­me­ter weg war. Sie hat den gan­zen Tag ge­ar­bei­tet und muss­te mich dann noch fah­ren“, er­zählt El­ve­di. Als jun­ger Te­enager ging er auf ei­ne Sport­schu­le – zwei­mal in der Wo­che mor­gens Trai­ning, drei­mal abends. „Die Mi­schung aus Schu­le und Fuß­ball war ei­gent­lich per­fekt“, sagt El­ve­di. Die Kum­pels sei­en da­mals aber schon eher aus der Mann­schaft ge­kom­men. „Ich war ja den gan­zen Tag un­ter­wegs. Um dann noch et­was mit den Freun­den aus Grei­fen­see zu un­ter­neh­men, war ich in der Re­gel zu mü­de“, sagt der De­fen­si­vall­roun­der.

Ein rich­ti­ger Full­time-Job ist das Pro­fi­da­sein für El­ve­di trotz­dem erst seit et­wa ei­nem hal­ben Jahr. Vor­her hat er noch ei­ne kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung ab­sol­viert, die aus zwei Jah­ren Schu­le und zwei Jah­ren Ar­beit be­stand. Im Som­mer reis­te El­ve­di dann von den Ab­schluss­prü­fun­gen di­rekt zur Eu­ro­pa­meis­ter­schaft. „Für mich war es oft nicht leicht, mich für die Aus­bil­dung zu mo­ti­vie­ren, weil ich nur Fuß­ball spie­len woll­te“, sagt er. „Aber für mei­ne El­tern war das wich­tig, dass ich sie zu En­de brin­ge. Und es ist gut, dass ich sie ha­be.“

Die Aus­bil­dung ist bis vor kur­zem wohl auch noch ein An­ker in die „nor­ma­le Welt“ge­we­sen, so wür­den es Au­ßen­ste­hen­de be­zeich­nen. „Ich bin schon meis­tens in dem Fuß­ball­kreis drin“, sagt El­ve­di. „Nach dem Trai­ning ma­che ich was mit den Mit­spie­lern. Es ist als Fuß­bal­ler im­mer et­was ge­fähr­lich, wenn dich je­mand an­spricht und weiß, dass du Pro­fi bist.“So sind die Bin­dun­gen au­ßer­halb die­ses ge­schlos­se­nen Krei­ses Pro­fi­fuß­ball meis­tens fa­mi­liä­rer Na­tur.

Wäh­rend an­de­re Al­ters­ge­nos­sen mor­gens ins Bü­ro fah­ren oder im Aus­lands­se­mes­ter in­ner­halb und au­ßer­halb des Hör­saals fürs Le­ben ler­nen, spielt der 20-Jäh­ri­ge – ganz knapp aus­ge­drückt – Fuß­ball. Das mö­gen vie­le für ein biss­chen we­nig hal­ten, zu­min­dest für ein­tö­nig. Ei- nen rich­ti­gen Aus­gleich scheint El­ve­di aber nicht zu be­nö­ti­gen, ge­schwei­ge denn ei­nen be­wusst ge­wähl­ten Ge­gen­pol zum Le­ben in der Fuß­ball-Welt. „Ich mag es, wenn ich ein­fach zu Hau­se sein und et­was chil­len kann, Fern­se­hen schau­en, zo­cken. Das tut mir im­mer gut, um den Kopf et­was zu lüf­ten“, er­klärt der Ver­tei­di­ger. Und wie sä­he ein Be­rufs­le­ben oh­ne Pro­fi­fuß­ball aus? „Ein Bü­ro­job wä­re wohl nicht mein Ding ge­we­sen.“Statt­des­sen? „Das kann ich gar nicht sa­gen, ich weiß es nicht.“

Über die Weih­nachts­ta­ge ist El­ve­di mit sei­ner Freun­din nach Du­bai ge­flo­gen. Wie an­de­re 20-Jäh­ri­ge teilt er sei­ne Fo­tos bei Ins­ta­gram. Den­noch le­ben El­ve­di und an­de­re 20-jäh­ri­ge in ver­schie­de­nen Wel­ten. Span­nend wird es dann erst wie­der, wenn sie in zehn, 15 Jah­ren auf­ein­an­der­tref­fen. Nach der Kar­rie­re.

FO­TO: AP

Kei­ne Angst vor den Gro­ßen: Ni­co El­ve­di im Du­ell mit Bar­ce­lo­nas Da­vid Sil­va.

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