Aus Lie­be ge­macht

Die Ku­ra­to­rin Lui­se Loué sam­melt Lie­bes­ga­ben: Brie­fe, in de­nen die Lie­be be­schwo­ren wird, und Ge­schen­ke, die ge­macht wur­den, um ein Herz zu er­obern. Viel zu oft wer­den die klei­nen Ges­ten miss­ach­tet.

Rheinische Post Moenchengladbach - - GESELLSCHAFT - VON MAR­TI­NA STÖ­CKER

MÜN­CHEN Ei­gent­lich hört es sich nach ei­ner leich­ten Auf­ga­be an: Ba­s­te­le 50 Her­zen und fin­de 50 Er­klä­run­gen, war­um du dei­nen Part­ner liebst. Die ers­ten 30 Grün­de gin­gen Gi­se­la Micha­el­sen aus Bü­sum, die seit 1971 mit ih­rem Mann ver­hei­ra­tet ist, noch flott von der Hand. Dann wur­de es schon et­was schwie­ri­ger, erst mit Hil­fe von Freun­den und Fa­mi­lie be­kam sie am En­de al­le Grün­de zu­sam­men, die sie ih­rem Mann auf 50 selbst­ge­bas­tel­ten Her­zen zum run­den Ge­burts­tag schenk­te.

Die Her­zen sind nun Teil ei­ner klei­nen Aus­stel­lung. „Lie­bes­ob­jek­te“heißt sie, und die Ku­ra­to­rin Lui­se Loué sam­melt da­für Din­ge, die Men­schen aus Lie­be ge­bas­telt oder ge­schrie­ben ha­ben. Um ih­re Ge­füh­le zu er­klä­ren oder ih­re tie­fe Zu­nei­gung zu be­zeu­gen. Men­schen kön­nen der Baye­rin ih­re Lie­bes­ga­ben und ih­re Ge­schich­ten schi­cken, so wie es Gi­se­la Micha­el­sen und ihr Mann ge­macht ha­ben. Ein Grund un­ter den 50 hat es Lui­se Loué be­son­ders an­ge­tan: „Weil Du lieb ist“, steht auf ei­nem Herz. „Lie­be kann so ein­fach sein“, sagt Loué, „und oft ver­folgt man dar­in doch fal­sche Zie­le.“Man­che lieb­ten ei­nen Men­schen zum Bei­spiel, weil er cool, hübsch oder er­folg­reich sei – und nicht, weil er lieb ist. Da­bei kom­me es doch ge­nau dar­auf an im Le­ben, sagt sie. So sieht das auch Gi­se­la Micha­el­sen, die schreibt: „Zu ei­ner gu­ten Ehe ge­hö­ren nicht nur die Schmet­ter­lin­ge im Bauch.“Viel­mehr sei­en Ver­ständ­nis, Zu­sam­men­halt, ge­gen­sei­ti­ges Küm­mern und Sor­gen, zu­sam­men la­chen und wei­nen, für­ein­an­der da sein, sich strei­ten, sich ge­gen­sei­tig Zeit ge­ben, gut ko­chen, so­mit gut es­sen und vie­les mehr wich­tig.

Aus Lie­be ma­chen die Men­schen die ver­rück­tes­ten Sa­chen – auch bas­teln. „Selbst 14- oder 15-Jäh­ri­ge schi­cken sich nicht nur Emo­jis, son­dern bas­teln“, sagt Loué, die selbst meh­re­re Kar­tons mit Er­in­ne­rungs­stü­cken im Kel­ler auf­be­wahrt hat. Mit das äl­tes­te Stück ih­rer Samm­lung ist wohl ein Brief, den ihr ein Gleich­alt­ri­ger schrieb, als sie zwölf Jah­re alt war. Er ge­stand: „Du bist bis jetzt mei­ne größ­te Lie­be.“

So wie ih­re per­sön­li­chen Ge­gen­stän­de de­cken auch die 150 Lie­bes­ob­jek­te, die sie bis jetzt ge­sam­melt hat, das kom­plet­te Spek­trum zwi­schen Lie­ben­den, Fa­mi­li­en­mit­glie­dern und Freun­den ab. Vor zehn Jah­ren be­gann sie da­mit, die Din­ge und de­ren Ge­schich­te aus­zu­stel­len. Sie mag die Idee, dass den Ob­jek­ten, die per­sön­lich sind und von Her­zen kom­men, die­sel­be Eh­re er­wie­sen wird wie mil­lio­nen­teu­rer Kunst. „Ich bin im­mer wie­der be­geis­tert, welch schö­ne Din­ge aus in­brüns­ti­ger Lie­be ent­ste­hen und wie viel Gu­tes da­mit in die Welt kommt“, sagt die 40-Jäh­ri­ge, die mit ih­rer Fa­mi­lie am Am­mer­see in Bay­ern lebt. Im Som­mer zeig­te sie ih­re Schau in Mün­chen, und als ein Amok­lauf die Stadt er­schüt­ter­te, frag­te sie sich, ob sie ihr klei­nes Lie­bes­mu­se­um in den Ta­gen da­nach über­haupt öff­nen soll­te. „Ich ha­be mich dann da­für ent­schie­den, und vie­le Leu­te sind ge­kom­men.“Es tat wohl, sich in die­sen Zei­ten zu ver­ge­wis­sern, was mit Lie­be gelingen kann, welch gro­ßes Glück sie er­schaf­fen ver­mag. Und dass sie es ist, die un­ser Le­ben steu­ert.

In dem klei­nen Mu­se­um ste­hen gro­ße, po­si­ti­ve Ge­füh­le im Mit­tel­punkt, an­ders als zum Bei­spiel im „Mu­se­um der zer­bro­che­nen Be­zie­hun­gen“im kroa­ti­schen Zagreb, das Loué trau­rig fin­det. Wo­bei es in ih­rer Aus­stel­lung nicht nur Hap­py­Ends gibt. Die rüh­rends­ten Ex­po­na­te sind ei­gent­lich die­je­ni­gen, in de­nen sich ein Lie­ben­der ein Herz ge­fasst und sich of­fen­bart hat. Sich ver­letz­bar mach­te und hoff­te, er­hört zu wer­den. Ein Aus­stel­lungs­stück ist ein sil­ber­ner Äs­ku­lap­stab, den ei­ne Frau für ei­nen Mann – ei­nen Arzt –, in den sie ver­liebt war, selbst ge­schmie­det hat­te. Den Stab wi­ckel­te sie sorg­sam in Sei­den­pa­pier und schick­te ihn dem An­ge­be­te­ten. „Zu ei­ner Be­zie­hung ist es nicht ge­kom­men. Schlim­mer noch: Sie hat noch nicht ein­mal ei­ne Ant­wort be­kom­men“, sagt Loué. Die Frau er­hielt kein Dan­ke – das schmerzt schon beim Hö­ren.

Wenn ei­ne Lie­be zer­bricht, sind auch die Lie­bes­ga­ben in gro­ßer Ge­fahr. Denn im Rausch von Wut, Ver­let­zun­gen und End­gül­tig­keit wer­den Fo­tos und Brie­fe zer­ris­sen. „Das ist auch nicht schlimm“, sagt Lui­se Loué, das ge­hö­re zum Lie­bes­kum­mer da­zu. Doch man soll­te die Sa­chen nicht weg­wer­fen. Sie selbst hat auch schon nach dem En­de ei­ner Be­zie­hung aus Post-its, Ge­schen­ken, der Zahn­bürs­te und Py­ja­maHo­se des Ex-Freun­des ei­ne Col­la­ge ge­bas­telt. „Und in die­sem ta­ge­lan­gen Kle­be­pro­zess sind mir auch ein paar Din­ge be­wusst ge­wor­den über die­se Be­zie­hung.“

Wenn die Schmer­zen der Tren­nung und des Ver­las­sen­seins ver­blas­sen, schaut man sich die Er­in­ne­rungs­stü­cke wie­der ger­ne an, er­in­nert sich an die schö­nen Din­ge. Und man denkt dar­an, dass man ge­liebt wur­de, denn je­mand hat sich die Mü­he ge­macht, ei­nen wun­der­schö­nen Brief zu schrei­ben, Fo­tos zu­sam­men­zu­stel­len oder 100 Mal das Wort „Prin­zes­sin“aus Zei­tun­gen und Il­lus­trier­ten zu schnei­den. „Wir soll­ten auch in den schlech­ten Mo­men­ten dar­an den­ken, wie wir be­schenkt wur­den, als wir ge­liebt wur­den – und das nicht nur im ma­te­ri­el­len Sin­ne“, be­tont die Samm­le­rin. Denn das sei doch der Wunsch je­des Men­schen: ge­liebt zu wer­den. Selbst ein welt­weit an­er­kann­ter Künst­ler wie Ger­hard Rich­ter ant­wor­te­te auf die Fra­ge, ob Kunst das Wich­tigs­te in sei­nem Le­ben sei: „Na­tür­lich ist die Kunst wich­tig. Aber die Lie­be ist wich­ti­ger.“Je­der möch­te ge­liebt, an­er­kannt, ge­se­hen, gut be­han­delt wer­den, sagt Loui­se Loué. Ih­re Bot­schaft ist des­halb sim­pel: „Ver­gesst mir die Lie­be nicht!“

„Ver­gesst mir die Lie­be nicht“, sagt Ku­ra­to­rin Lui­se Loué.

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