Von San­ter ju­ni­or zu San­ter se­ni­or

Ma­rio Adorf wur­de nach „Win­ne­tou I“für sei­nen Schuss auf Nscho-tschi ge­hasst. In der Neu­ver­fil­mung ist er wie­der da­bei.

Rheinische Post Moenchengladbach - - FERNSEHEN - VON JÖRG ISRINGHAUS

KÖLN Es dau­er­te vie­le, vie­le Jah­re, bis die Deut­schen Ma­rio Adorf ver­zie­hen hat­ten. Als Bö­se­wicht San­ter hat­te er am En­de von „Win­ne­tou I“Nscho-tschi er­schos­sen, die von Ma­rie Ver­si­ni ge­spiel­te Schwes­ter des In­dia­ner­häupt­lings, Old Shat­ter­hands gro­ße Lie­be. Zig­tau­send Mal muss­te sich Adorf da­nach an­hö­ren, wie sehr man ihn da­für ge­hasst ha­be. Und den­noch ent­schied sich der 86-Jäh­ri­ge, für die RTLNeu­ver­fil­mung des Karl-May-Stoffs die fol­gen­reichs­te Rol­le sei­nes Le­bens er­neut zu über­neh­men, al­ler­dings leicht ab­ge­wan­delt. „Ich spie­le San­ters Va­ter, al­so ge­wis­ser­ma­ßen mei­nen ei­ge­nen Va­ter“, er­zählt er. „Das fand ich reiz­voll.“

Adorf, wei­ßes Haar, wei­ßer Bart, schwar­ze Au­gen­brau­en, ist heu­te zwar so et­was wie der Grand­sei­gneur der deut­schen Schau­spiel­rie­ge, be­sitzt aber im­mer noch die wuch­ti­ge Prä­senz und das Cha­ris­ma von frü­her. Ne­ben ihm zu be­ste­hen, ist schwie­rig, da braucht es schon ei­nen wie Micha­el Ma­er­tens vom Wie­ner Burg­thea­ter als San­ter ju­ni­or. Die Sze­nen mit bei­den im drit­ten „Win­ne­tou“-Teil, „Der letz­te Kampf“, sind ein Ver­gnü­gen. Auch Adorf hat­te Spaß bei den Dreh­ar­bei­ten in Kroa­ti­en. „Na­tür­lich war es ein sen­ti­men­ta­les Er­leb­nis, sich nach über 50 Jah­ren in der glei­chen Land­schaft und da­zu im glei­chen The­men­kreis wie­der­zu­fin­den“, sagt er. „Der Un­ter­schied zu da­mals aber ist – was den Dreh an­geht – er­staun­lich ge­ring.“Sor­gen, dass der My­thos Win­ne­tou ent­zau­bert wer­den könn­te, hat­te er nicht. Im Ge­gen­teil, kon­sta­tiert er doch ei­ne erns­te­re Her­an­ge­hens­wei­se an die his­to­ri­sche Pro­ble­ma­tik der In­dia­ner. Im­mer­hin, denn über ein Über­an­ge­bot an hoch­klas­si­gen Dreh­bü­chern kann sich Adorf nicht be­kla­gen. Es ge­be im­mer sel­te­ner span­nen­de An­ge­bo­te, das sei ei­ne Fra­ge des Al­ters, er­zählt er. „Gu­te Dreh­bü­cher und Ge­schich­ten wa­ren aber im­mer rar.“Er las­se sich ger­ne über­ra­schen. „Nur wenn man nicht mehr neu­gie­rig ist, kommt ei­nem al­les alt vor.“Die Neu­gier war es vor al­lem, die Adorf an­ge­spornt und auch hin­aus­ge­trie­ben hat in die Welt. Der Sohn ei­ner Rönt­ge­n­as­sis­ten­tin aus der Ei­fel und ei­nes ka­la­bri­schen Chir­ur­gen dreh­te viel in Ita­li­en, war we­gen sei­nes süd­län­di­schen Aus­se­hens aber auch in Hol­ly­wood ge­fragt – ger­ne als Me­xi­ka­ner. Die meis­ten Rol­len aus Über­see lehn­te er je­doch ab, un­ter an­de­rem An­ge­bo­te von Bil­ly Wil­der und Fran­cis Ford Cop­po­la, der ihn für den „Pa­ten“ha­ben woll­te. „Mei­ne Ent­schei­dun­gen über Zu- und Ab­sa­gen wa­ren nicht im­mer klug, aber kon­se­quent“, sagt er. „Ich ha­be sie je­doch nie be­reut.“Weil für die Rol­len, die ihm ent­gan­gen sind, an­de­re ka­men, die er an­nahm – vie­le da­von hoch­ka­rä­tig. Wie die des Ga­no­ven Bru­no „Dan­dy“Stieg­ler in „Die Her­ren mit der wei­ßen Wes­te“, die des Al­f­red Mat­z­er­ath in „Die Blech­trom­mel“, die des Kom­mis­sars Beiz­men­ne in „Die ver­lo­re­ne Eh­re der Kat­ha­ri­na Blum“oder die des Pa­tri­ar­chen Pe­ter Bell­heim in „Der gro­ße Bell­heim“. Ei­ne Lieb­lings­fi­gur hat Adorf nicht. „Si­cher gibt es ei­ni­ge Rol­len, die al­lein vom Er­folg und der per­sön­li­chen Be­frie­di­gung her haf­ten blei­ben, aber min­des­tens ge­nau so vie­le, die, da oh­ne Er­folg, öf­fent­lich ver­ges­sen sind, die aber für mich selbst wich­tig blei­ben“, sagt er und rich­tet den Blick lie­ber kri­tisch auf die Ge­gen­wart. „Es gibt im Al­ter viel mehr Prei­se fürs Le­bens­werk als Rol­len, al­lein in die­sem Jahr wa­ren es vier, aber kei­ne nen­nens­wer­te Rol­le.“

Den­noch bleibt Adorf op­ti­mis­tisch. Lau­tet sei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, wor­auf es an­kom­me im Le­ben, doch: „Wei­ter­ma­chen!“Noch ei­ne letz­te gro­ße Bom­ben­rol­le wün­sche er sich, das wä­re was. Und Ge­sund­heit. Al­les an­de­re, Ängs­te, Sor­gen – ge­schenkt. Adorf ist da fa­ta­lis­tisch. „Das wird im Al­ter we­ni­ger, weil man weiß, dass man die Lö­sung der ge­gen­wär­ti­gen Pro­ble­me lei­der nicht mehr er­le­ben wird.“

FO­TOS: DPA/RTL

Ma­rio Adorf als Bö­se­wicht San­ter: 1963 in „Win­ne­tou I“und 2016 in „Der letz­te Kampf“.

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